Artikel teilen! von Einem der auszog...(28) Bonn-Nürnberg und zurück 1987-88 Teil II: Samstags zog es uns oft in die Altstadt mit ihren Patrizierhäusern und d ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Samstags zog es uns oft in die Altstadt mit ihren Patrizierhäusern und den vielen Kneipen. Mexikaner waren da, natürlich Italiener, Portugiesen, Griechen, Chinesen, auch typische kleine rheinländische Kneipen mit langen Theken an denen Männer lümmelten, Kölsch tranken und Slang redeten. Ich kannte das Viertel, hatte in ihm bei Annette gewohnt, fühlte mich wohl dort. Beim Mexikaner sprach selten jemand spanisch, wir nach dem 3. Tequila, holten uns die Latino-Welt zurück. Manchmal auch konnte M mich überreden, tanzen zu gehen gegenüber der Brotfabrik, dem alternativen Zentrum, in einer afrikanischen Disco. Oft hatten wir Besuch, all die Lieben kamen gerne, dann feierten wir in unserer Bar und trafen nette Leute.
Wir wechselten ab mit dem gegenseitigen Besuch, ab und an fuhr ich nach Nürnberg. M wohnte bei ihrer Schwester, das ging wochentags ganz gut, Viktoria war auf einer einjährigen Weiterbildung auswärts, am Wochenende wurde es eng. Wir genossen "unsere" Stadt in der wir uns kennen gelernt hatten, erforschten jeden Winkel, staunten immer wieder, wie der wohl einzigartige SPD-Bürgermeister nach dem Krieg die völlig zerstörte heimliche Hauptstadt Hitlers im Charakter der alten Stadt wieder aufgebaut hatte. Kaufhäuser waren nicht in hässlichen, charakterlosen Blocks untergebracht, ihre Außenfassaden dem Stil schmaler Bürgerhäuser nachempfunden. Noch immer gab es die fast vollständig erhaltene Stadtmauer, den mittelalterlichen Handwerkerhof, die Burg, die fast zugewachsene Pegnitz, dazwischen noch immer wirklich alte Bauwerke mit dunklem Fachwerk und schrägen Giebeln. Und dann der Frankenwein und die kleinen, hervorragenden Bratwürstchen, bei denen unsere Erkundungen regelmäßig landeten. Das Kulturangebot in Nürnberg gefiel mir besser als das im etwas drögen, Kohl-lastigen Bonn. Gut in Erinnerung der Abend mit Leo Gieco in Lateinamerika gut bekannter Bänkelsänger, M hatte all ihre Bekannten mobilisiert, viele Latinos waren da, wir fühlten uns zu Hause. Und nachher wurde getanzt. Natürlich hatte M noch all ihre ehemaligen Freunde dort, die wir besuchten. Manchmal wollten sie wissen, wie es denn so gewesen sei in Ecuador.
Ich habe einen Bewunderer, sagte M, einen schwarzen Amerikaner. Er wohnt gegenüber, hat mich gesehen, als ich in die Badewanne wollte, ist bald über den Balkon gekippt bis ich die Fenstertür zukriegte. Er ist bei der Army, will mehr von Deutschland kennen lernen, lebt deshalb privat und jetzt zeige ich ihm Nürnberg. Ei freilich gefällt er mir, sagte sie, er ist groß, sportlich und sieht gut aus. Ein wenig habe ich ob seiner Farbe das Bedürfnis, ihm an Freundlichkeit etwas zurück zu geben von dem in Lateinamerika erhaltenen. Pass nur auf, M! Sie lacht, keine Bange, es ist nur ein Flirt. Und tut mir gut. Dann erzählte sie, wie er wartet, winkt von seinem kleinen Balkon wenn er sie sieht, strahlt. Und wie er manchmal schnell vorbei kommt morgens, nach seinem Trainingslauf, sie mit einer kleinen Aufmerksamkeit vor der Schule lächelnd in den Tag schickt. Stell dir vor, sagte sie, eine der ersten Fragen die er hatte war, warum die Deutschen am Sonntag Nachmittag immer draußen herum laufen. Die Frage kann ich verstehen, trotzdem ist mir mulmig, das alte Kribbeln im Bauch stellt sich ein. Das Ganze erledigte sich, die amerikanische Kultur lag ihr doch nicht.
Nicht alles war gut gegangen, schon gar nicht am Anfang zurück in Deutschland. M musste arbeiten, Goran suchte eine Lehrstelle, ich hatte einen Monat Überbrückung. Klar mach ich den Haushalt, Viktorias kleine Wohnung schien mir kein Problem, ich konnte kochen, putzen, hatte lange alleine gelebt, in Quito mein Scherflein beigetragen, hielt mich für gut einsetzbar. Dachte ich. Und entwickelte Hausfrauenallüren, kaufte Tofu und andere gesunde Sachen in einem Ökoladen und fiel auf den Bauch. Statt gelobt zu werden erntete ich lange Gesichter, das Zeug schmeckte fade und öde. An meine Mutter erinnerte mich die Situation, die hatte auch mal Neues begonnen mit Krautwickeln. Gespannt verfolgte sie unsere Gesichter und fing an zu weinen: wenn ich schon mal was Anderes mache, immer wollt ihr dasselbe. Als Viktoria am Wochenende hinter mir her schrubbte, hing der Haussegen schief. Ich konnte es doch nicht.
Neu eingewöhnen mussten wir uns in Deutschland, strikter war es hier, kopfgesteuerter, oft unfreundlicher. Konflikte waren zum Austragen da, Termine, auch privat, mussten lange vorab vereinbart sein und Pünktlichkeit war eine Zierde. Wir kamen immer zu spät, privat, und ernteten Verwunderung, wenn M die Kartoffeln erst aufsetzte, nachdem der letzte Gast eintraf. Goran litt sehr. Er, der so gut flirten konnte mit seinen dunklen Augen, gewohnt war, dass seine Art, lange zu schauen zu Kontakten führte, verlor dauernd. Was guckste so, musste er sich anhören und weg waren sie, die jungen Damen, mit dem Ersten, der sie aufforderte zum Tanz. Stell dir vor, sagte er, sie haben einen Terminkalender und schauen nach, wann sie Zeit haben zu einem Treffen. Einzig die rheinländische Mentalität erinnerte an die Zeitvorstellung in Lateinamerika. Der Handwerker von Gegenüber sagte einen Termin zu und kam, wenn er Zeit hatte. Und feiern taten die auch ganz gerne, ließen 13 gerade sein und lebten für den nächsten Fasching.