Artikel teilen! von Einem der auszog...(29) Bonn-Rheinaustrasse (1987-92) Hochwasser: In der Rheinaustraße in Bonn hatte wir die Wohnung gefunden, 3 Zimmer, ...
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In der Rheinaustraße in Bonn hatte wir die Wohnung gefunden, 3 Zimmer, dunkel und klein zwar, mir gefiel’s, rustikale Küche mit Ausgang zum schmalen Garten der hinauf führte zum Deich. Unsere Straße lag vor dem Damm, nur eine Häuserzeile trennte uns von dem großen Fluss.
Warum in der Rheinaustraße die meisten Häuser ebenerdig Garagen hatten und Wohnungen ab dem 1. Stock, das begriffen wir später. Die Straße lag im Hochwassergebiet, ab und an trat der Rhein über die Ufer, dehnte sich aus, die dafür vorgesehenen Auen waren Wohngebieten gewichen und die kriegten das Wasser dann ab. Der hohe Damm hinter uns schützte zwar den Ort, wir aber versanken ab und an.
Seit Tagen schon hatte der Rundfunk steigenden Rheinpegel gemeldet, dann war es so weit. Morgens um 5.00 wurden wir von der
Polizei geweckt, die fuhr durch die Straße und gab über Lautsprecher bekannt: der Rhein kommt, er steigt stündlich um dreißig Zentimeter. Wie am Schnürchen liefen die Schutzmaßnahmen eingeübt an.
Zuerst kam der Öllaster, füllte alle Tanks der Häuser damit sie schwer wurden, nicht von Wasser hoch an die Decke gedrückt werden konnten. Dann kam die Feuerwehr mit Sandsäcken, stapelte sie vor
den Haustüren auf, gleichzeitig baute der Zivilschutz auf der gegenüberliegenden Straßenseite zweistöckige Laufstege an den Fensterfronten. Auf unserer Seite kamen die Leute über den Deich und
durch die Gärten in die Häuser, drüben die mussten später aus den Fenstern über die Stege bis zur Brücke und dort aufs Trockene. Wieder die Polizei, fahren sie ihre Wagen weg, rüber in den Ort,
rufen sie ihre Nachbarn an wenn sie nicht zu Hause sind, wir schleppen ansonsten ab. Nachbarschaftshilfe funktionierte, zwei Jahre später beim zweiten Hochwasser wurde ich auf der Arbeit
angerufen, komm heim, es geht los. Dann kam der Klempner von Gegenüber, montierte alle Brenner aus den Heizungen im Keller, die vertrugen kein Wasser. Das kam. Langsam zuerst sickerte es in die
Straße, kleine Wellen rollten den Asphalt entlang, das Wasser stieg und stieg unaufhörlich, nahm die Straße als Nebenfluss, schwappte irgendwann über die Sandsäcke vor den offen stehenden Türen,
drückte sich durch die Gullys im Keller, füllte den aus, stieg die Treppe hoch Richtung ersten Stock und kam am zweiten Tag kurz vor der Wohnungstür zum Stehen.
Eine seltsame Ruhe kehrte ein, das Wasser dämmte alle Geräusche, nur unterbrochen
vom Motor des Schlauchbootes. Das patrouillierte auf dem Straßenfluss, war für den Transport der Hunde auf die nächste Wiese und für die Versorgung älterer Menschen zuständig. Wer es brauchte,
hielt ein weißes Tuch aus dem Fenster, die Männer vom Zivilschutz legten an den Fenstern an und halfen. Lästig waren die Spanner auf den Stegen, ganze Busladungen kamen, um Hochwassergeschädigte
zu begaffen, störten die Nachbarn von drüben, die in die Stadt mussten. Manchmal schwamm eine vergessene Mülltonne
vorbei, ein Entenpaar schaute neugierig in unsere Haustür, schwamm hinein und kam bei der Garage wieder heraus. Lästig war auch die Kälte im Januar, die
Heizung war ja ausgebaut, Heizstrahler reichten nicht hin, wir blieben im kleinsten Zimmer und tranken Grog. Drei Familien lebten in unserem Haus, sie alle mussten durch unsere Küche und den
Garten um auf den Damm zu kommen, Wohnungs- und Terrassentür blieben offen. Der Garten zog Wasser, war matschig, entsprechend sahen Küche und Flur aus. Hochwasser schweißt zusammen, macht die
Menschen hilfsbereit und freundlich. Mal lagen frische Brötchen auf dem Tisch, mal stand dort ein Blumenstrauß, mal eine kleine Aufmerksamkeit, manchmal saßen wir zusammen und redeten. Über
Hochwasser. Erst recht zeigte sich die Hilfsbereitschaft als das Wasser abfloss, Straße und Keller mit dunklem Matsch bedeckt zurückließ. Jeder half jedem zu schrubben, mit Schläuchen zu spülen,
aufzuräumen. Wieder kam die Feuerwehr, transportierte die klatschnassen Sandsäcke ab, half die Straße mit ihren Spritzen zu reinigen, die Stege wurden abgebaut, Brenner eingebaut, Heizungen
sprangen an, warme Wohnungen waren angenehm nach einer Woche klammer Kleider. Der alten Frau neben uns war Wasser in die Wohnung eingedrungen, wir waren da, stellten raus was raus musste,
reparierten, reinigten. Sie dankte mit Jägermeister und Bier. Die Sonne kam raus, wärmte nicht viel, aber genug, um Stühle vor die Garagen zu stellen, Musik machte einer an, wir lachten, tranken
uns zu, feierten den Sieg über das Hochwasser. Prost bis zum nächsten Mal.