Artikel teilen! von Einem der auszog...(29) Bonn-Rheinaustrasse (1987-92) Kellerbar: Das Besondere an der Wohnung war die Kellerbar, professionell eingerichtet m ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Das Besondere an der Wohnung war die Kellerbar, professionell eingerichtet mit Zapfanlage, einer Reihe gefüllter Schnapsspender, alter Musicbox, Barhockern, Dekoration mit Fischernetzen und rustikaler Bar. Eingebaut vom Vorgänger, dem Bruder des Hausbesitzers, hatten wir die Batterie aller erdenklichen Liköre, Brände und Schnäpse übernommen, die Feierei begann schon am ersten Tag, der Vorbesitzer zeigte uns, wie alles funktioniert und schmeckt. In unserer Bar traf man nette Leute, und man kannte sie alle.
Klaus und Marga kamen aus Hommertshausen, Hanne und Jörg aus Dietzenbach mit den Kindern, Freunde aus der Stadt und von irgendwoher, auch die Nachbarn im Haus nahmen teil, wir konnten laute Musik machen. Goran besuchte uns oft, Frank zumeist nicht, er war im Ausland. Auch Helmut, M´s Vater, kam öfters aus Koblenz. Goran als gelernter Barmann servierte Mixgetränke, die Zapfanlage frisches Bier, die Musikanlage dudelte alte Schlager, die Bar machte gute Laune. Gruppen bildeten sich, die eine spielte Mäxchen an der Bar, andere redeten, diskutierten, flirteten. Unser Nachbar von oben, ein wenig dick geraten, saß trinkend an seiner Ecke, schaute sich die schönen lateinamerikanischen Frauen an, die sich nicht scheuten, auch mit ihm zu flirten. Je mehr er trank, desto unsicherer saß er auf dem hohen Hocker, der schließlich so wankte und schaukelte, dass sich andere Gäste unauffällig um ihn scharten um ihn fest zu halten, wenn er umfiele. Er war glücklich dort auf seine alten Tage. Wenig später schon starb er an einem Herzinfarkt. Hier hatte er noch mal ein paar schöne Stunden erlebt.
Goran mit seinen großen, dunklen Augen, den eleganten Bewegungen eines Profis und seinen hervorragenden Getränken war immer der Star des Abends. Ach, sagte ihre Freundin, diese Augen, wär ich doch noch ein wenig jünger. Wer Hunger hatte fand in der Küche zu essen, Durst brauchte eh keiner zu leiden. Was waren sie glücklich, die Kinder, lange durften sie mitfeiern, die vierjährige Katharina saß stolz an der Bar, Goran hatte ihr ein eigenes sehr buntes Getränk gemixt. Dann aber mussten die Kleinen ins Bett, leider. Die ersten Gäste gingen, nur der harte Rest blieb bis tief in den Morgen, feierte den frischen, nächsten Tag.
Sogar eine Ehe hat die Bar gestiftet, nun ja, eher M. Sie tat das, was in unserer Kultur der zufälligen Liebe leicht ins Auge gehen konnte, sie vermittelte. Du bist meine Freundin, sagte sie, suchst einen Partner, der zu dir passt, ich weiß einen. Wer? Der? Ist der frei? Aber ja, er hat sich von seiner Frau getrennt oder sie von ihm, wie auch immer. Lade ihn ein, ich bin dabei. Und dann saßen die Beiden nebeneinander, tranken Caipirinha, fanden sich gut in ihren Ansichten, verliebten sich und schlossen später den Bund fürs Leben. Heute noch sind sie zusammen und unsere Freunde.
Einmal, an meinem Geburtstag im März, kam das Hochwasser abends beim Feiern. Es gluckerte aus dem Abfluss in der Ecke der Bar,
drückte sich hoch, fing an, den Boden zu bedecken, zu steigen noch bevor es die Sandsäcke von der Straße her erreicht hatte. Wir saßen auf den Hockern, zogen die Füße hoch, noch höher, feierten
weiter. Das schmeckt mir nicht mehr, sagte M und goss den Rest ihres abgestandenen Drinks über ihre Schulter hinter sich. Konsterniert war ich zuerst, macht man doch nicht, Getränke auf den Boden
schütten. Es war aber nur Flüssigkeit zu Dreckwasser gekommen und alle lachten mich aus. Am nächsten Morgen stand das Wasser brusthoch in der Bar, bedrohte die Getränke auf den Regalen.
Die mussten gerettet werden, ich zog dicke alte Kleider an, stieg in die
eiskalte Brühe, watete hin und zurück, reichte M auf der Treppe die Flaschen an, rettete was zu retten war. Danach aber musste M Wasser auf dem Ofen heiß machen - die Heizung war wieder aus- um
mich Unterkühlten in der Badewanne aufzuwärmen.
Für die Kinder, die alle zum Geburtstag mitgekommen waren, wurde es Zeit, die
Gummistiefel anzuziehen. Das Wasser kam wieder über die Straße, stieg die Sandsäcke
hoch, die in der Haustür lagen, es machte Spaß, darin herum zu waten bis das Wasser über die Stiefelschäfte schwappte. Was für ein Abenteuer, mit dem Boot zu fahren wo vordem die Straße
war.