Tuesday, 15. september 2009 2 15 /09 /Sept. /2009 12:04

Besucher hatten wir viele. Nach unserer langen Zeit in Ecuador kamen sie manchmal haufenweise. Schwester Hanne und Jörg mit klein Katharina, später kam Lukas dazu, Frank mit seiner Freundin Silke, nach deren Hund Katharina noch Jahre später als erstes suchte, Bruder Klaus und Marga nutzten gerne Stadt und Umgebung, Goran, der in Köln arbeitete war zeitweise Dauergast, Mutter liebte den Garten, Ms Schwester Viktoria kam aus Nürnberg, ihr Vater Helmut kam sonntags zum Essen und Skat Spielen, er versäumte keine Feier und schlief im Hotel, das er nachts manchmal nur mit Mühe wieder fand, Freunde selbstredend von nah und fern. Die kleine Wohnung stand allen offen, sie schliefen in unserem großen Bett und wir in meinem Zimmer auf der schmalen Liege mit dem 80 cm breiten Futon. M fand die Enge gut zum Kuscheln und zu hart zum Schlafen. Besuch, sagte sie, hab ich gerne, mach alles für sie dass sie sich wohl fühlen, aber dein Futon, sagte sie, der tut weh. 

 

Mirjam und Alexander, Kinder von Bruder Klaus und Marga, kamen gerne, waren schwer zu bändigen, unterschiedlich wie sie waren. Mirjam, die Flotte, beherrschte ihren älteren, bedächtigeren Bruder wann und wie sie wollte und sie wollte oft. Allemal war sie schneller als er, der sie liebte und beschützen wollte, der manchmal aber aus der Haut fahren musste um sich gegen ihren Übermut zu wehren. Sie schliefen in meinem Zimmer auf Luftmatratzen neben dem Bücherregal. Nachts um 4.00 Uhr schreckten wir von einem unterirdischen Grollen auf, das durch den Boden rollte als ob eine U-Bahn unter dem Haus durchführe. Und dann waren sie da, die Wellen, hoben und senkten das Bett, Gläser klirrten, Lampen schaukelten, wir kannten es, das aber kann doch nicht möglich sein, ein Erdbeben in Bonn? Es war eines. Wir stürzten aus dem Bett, die Kinder, sie müssen unter den Türsturz. Sie waren wach, erschrocken, Alexander schimpfte die schlaftrunkene Mirjam aus, was hast du wieder gemacht, das Regal umgestoßen, das wird Ärger geben. Neben Mirjams Kopf lagen dicke blaue Bände der Marx und Engels Ausgabe, heruntergefallen aus dem obersten Regal. Wir packten beide unter die Türe, versuchten besänftigend zu reden, das Grollen ließ nach, hörte auf. Gott sei Dank war nichts passiert. Woanders schon. Zwei Leute waren umgekommen, erschlagen durch herab fallende Dachziegel, Dächer waren abgedeckt, Scheiben zerstört, Gerüste eingestürzt. Später lernten wir, dass der Rhein über einer Grabenbruchzone liegt, die sich von der Nordsee bis in das westliche Mittelmeer erstreckt und Erdbeben öfters vorkommen. Aber selten so stark.

 

Mutter und Tante Anna, ihre älter Schwester, liebten den Garten und wir sie, nicht nur deswegen. Morgens jäteten sie, schnippelten herum, gruben, pflanzten um und neu, es war eine Lust ihnen zuzuschauen. Mit Luise oben aus dem Haus hatten sie sich angefreundet, die zeigte ihnen nachmittags Bonn. Immer landeten sie in Caféhäusern und da hatten sie dann ihren nachmittäglichen Kaffee und Kuchen, ihre Tradition, die es bei uns nicht gab. M war das unbekannt, hatte, als Mutter fragte, ob es keinen Kaffee gäbe, den auch serviert und war erstaunt ob des Unwillens: wo bleibt der Kuchen? Woher konnte sie auch wissen, dass es bei uns immer nachmittags Kuchen gab. Immer. Der wurde freitags gebacken und reichte bis donnerstags. 

 

Passt bei Tante Anna auf, die ist wählerisch mit dem Essen, geht ja nicht in ausländische Lokale hatte man uns gewarnt. Am Rhein,  etwas weiter oberhalb von uns, lag ein chinesisches Restaurant-Schiff, das fuhr zur Abendessenzeit den Rhein hinab und hinauf. Wir wagten es, wollten den beiden etwas Besonderes bieten, auch wenn Tante Anna das Essen nicht mochte. Die Überraschung war groß, sie nahm die Karte, blätterte durch und bestellte gezielt. Aber Tante Anna! Ich dachte, du magst so etwas nicht. Och doch, Chinesisch esse ich gerne, wenn ich nach Marburg komme. Das Schiff legte ab, wir fuhren den Rhein hinab Richtung Bundestag, die Abendsonne färbte das Abgeordnetenhochhaus, den langen Eugen rot und den Fluss golden und wir saßen mittendrin auf einem chinesischen Schiff in Bonn.

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