Thursday, 17. september 2009 4 17 /09 /Sept. /2009 09:39

Wie lange braucht man mit dem Auto von Hamburg nach Bonn? Die Stimme Manfreds klang wie vor 5 Jahren, frisch, fröhlich, unternehmungslustig erkundigte er sich telefonisch, als ob wir uns gestern das letzte Mal gesehen hätten. Er war unser Freund seit Ecuador-Zeiten, hatte seine Entwicklungshelfer-Stelle in Ambato aufgegeben als Uschi, seine Frau in der Dominikanischen Republik beim Entwicklungsdienst eingestellt wurde, zog um und begann ein neues Leben. In Sosua, im Norden des Landes,  fing er an, ein Lokal zu bauen, ein Maschinenbauer kann alles, sagte er. Hier wird es mal viel Tourismus geben, sagte er, immer mehr Deutsche kommen und dann biete ich ihnen ihr Essen in südamerikanischem Ambiente. Das Lokal aus Holzstämmen hatte ein besonderes Flair mit seiner großen Veranda voller tropischer Gewächse, den Hängematten und Vögeln, der Latinomusik und den fruchtigen Getränken. Und mittendrin Urlauber mit Schnitzel, Bratwürsten und Leberkäse. M kochte Eintöpfe, wenn wir ihn besuchten. Das Ganze nahm einen guten Anfang, Sosua war noch jungfräulich, der Ort eine bunt gewürfelte Ansammlung schräger Hütten, die Halbinsel kaum bewohnt und die Bucht, die bekannte, hatten wir noch für uns. Wir waren öfters dort. Beim ersten Mal noch durch Alkoholverbot eingeschränkt wegen gerade überstandenen Gelbsucht, fanden wir eine Bar wie in alten Filmen mit rustikalem Holzboden, Holzwänden, Palmblätterdach, Fliegengitter vor Türen und Fenster, Ventilatoren, die langsam stickige Luft umrührten, ovalem Tresen bestückt mit all den Herrlichkeiten südamerikanischer Destille, von der Decke herabhängend. Wir durften nur Saft trinken und ich schwor mir, beim nächsten Mal probierst du sie alle. Beim nächsten Mal war die Bar weg, der Bauboom einer beginnenden Zersiedlung mit Hotels hatte begonnen, das Dorf verschwand, hässliche, riesige Blöcke entstanden dort, die Zeit des all inklusive Tourismus kam und Manfreds Idee verschwand. Urlauber, deren Essen und Getränke im Preis inbegriffen sind, gehen aus um zu Shoppen, selten um außerhalb zu essen und zu trinken. Er kämpfte, machte eine Autowerkstatt auf, hatte andere Ideen und konnte es sich einmal leisten, nach Deutschland zu kommen. 5 Jahre hatten wir uns nicht gesehen, nichts voneinander gehört, denn Manfred schrieb nicht gerne. Sein Anruf überraschte uns, freute uns, 5 Stunden später stand er vor der Tür, blieb 6 Wochen und alles war freundschaftlich und liebevoll wie immer. M, zu dieser Zeit gehandicapt mit Schulterbruch durch einen Fahrradunfall in Italien, nahm er die Garten- und Hausarbeit ab, wir feierten und spielten Skat. Freund  Manfred war optimistisch, ich schaffe das. Er musste zurück, verlor seine Frau, heiratete neu und konnte sich doch nicht halten. Seit ein paar Jahren ist er wieder in Deutschland und hat sich eine Wäscherei in Berlin aufgebaut. Noch immer sind wir Freunde, noch immer lässt er kaum von sich hören, noch immer steht er manchmal vor der Tür.  

Ulrikchen die Feine kam zum Essen. Sie war wie immer angezogen wie eine Diplomatengattin, hatte den Verlust von Hartmut bei weitem nicht überwunden, fand keinen Frieden durch seinen Selbstmord, machte sich Vorwürfe ihn nicht gehalten zu haben. Gerne redeten wir über gemeinsame Zeiten in Ecuador, manchmal taute sie auf, manchmal nicht, doch allemal versuchten wir, ihr eine schöne Zeit mit uns zu machen. Es gab Spaghetti mit Spinat. Ulrike, sonst vornehm zurückhaltend, fing an zu futtern wie ein Weltmeister, stöhnte ab und an, ach wie gut und sagte plötzlich: die in einer Badewanne, sich rein legen und um sich beißen, das wär’s. Der Abend war gut, sie ging strahlend nach Hause.

Dunkelschwarz, afrikanische Statur (wir nennen sie dick), voller Narben im Gesicht, Zeichen seines Stammes in Burkina Faso, liebte Sangré Essen und seine italienische Freundin. Er hatte eine afrikanische Bar in Beuel, am Wochenende mit Tanz. Wir waren oft bei ihm, hatten uns angefreundet, liebten die lässige, erotische Atmosphäre und den Mix aus schwarzer und lateinamerikanischer Musik.  Er kam mit seinem Freund recht spät zum Abendessen, es gab Hammel mit Bohnen, einen ganzen Gänsebräter voll. Die beiden legten los, wir gaben nach dem zweiten Teller auf, die beiden erst nachdem der Bräter leer war. Nix mehr? Fragend schaute Sangé umher. M konnte es nicht leiden, wenn Gäste nicht satt wurden. Ich hab noch eine Packung Hammel in der Kühltruhe wenn du noch willst, aber das Kochen dauert mindestens 1 1/2 Stunden. Macht nix, schmeckt prima, Sangré strahlte mit seinem Freund um die Wette. Nachts um eins haben die beiden den 2. Bräter geleert.

Ich koch euch afrikanisch, sagte er, heute Nacht, nach der Bar, hab schon alles besorgt. Es war 3:00 als er anfing auf seiner kleinen Kochplatte, um 4:00 gab’s die erste Runde. Die Engländer nennen das Gemüse Old Lady Fingers, es sieht so aus, kann gut schmecken lernten wir später, Sangré aber hatte traditionell verkocht, das Okra war breiig, zog Fäden und schmeckte so. Dazu gab es Maispampe, in Tansania nennen sie es Ugali, ist in Afrika als Sättigungsbeilage weit verbreitet. Mit den Fingern gräbt man Portionen aus dem Pampenhaufen in der Mitte, macht eine Vertiefung hinein, tunkt in die Old Lady Fingers und schluckt. Kauen braucht man kaum, war auch gut bei dem Geschmack und der Konsistenz. Wir waren papp satt, das Zeug stopfte, hatten allerdings nicht mit Sangrés Mengenvorstellung gerechnet. Der zweite Gang war nicht viel besser, wir konnten ihn überzeugen, dass sein Essen gut, unsere Mägen klein, es außerdem zu dieser frühen Uhrzeit sehr ungewohnt für uns sei, so viel zu essen. Sangré strahlte und aß alleine alles auf.

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