Unser Nachbar von oben war Karnevalist, einer von den Aktiven. Das ganze Jahr über hatten sie Sitzungen, deren Frequenz
ab dem 11.11. dramatisch zunahm. Dann ging er würdevoll aus, angetan mit Uniform, Orden, Käppi und kam singend heim. Isch nimm eusch mit, sagte er, weils bei eusch in de Bar so schön is. Als
Karnevalist muss man, scheint mir, im Rheinland geboren sein. Ernst war es zu Beginn der lustigen Sitzung, Spaß war das Schunkeln und lautstarke Mitsingen, intensiver werdend mit fortschreitendem
Abend und Alkohol. Das war eine Freude - für sie. Wir kamen da nicht mit, wollten es begreifen, gingen zum Karnevalszug auf den Rathausplatz, kalt war es, auch da half der Alkohol, die Menge zum
Jubeln zu bringen. Anschließend trennten wir uns, bei Weiberfastnacht muss Frau alleine sein, um was zu erleben, machten einen Treffpunkt aus für 10:00 Uhr abends und trafen
uns um 8:00 schon zufällig auf der Brücke. Alleine war es doch nicht so schön.
Sie war traurig, sprach kein Deutsch, kam frisch aus Kolumbien, Werner, mein Kollege, hatte sie beim Sprachkurs als Vorbereitung auf seinen
Auslandsaufenthalt kennen und lieben gelernt, geheiratet, mit nach Bonn genommen, brachte sie mit zum Abendessen und Claudia taute auf bei Latinomusik und Spanischer Sprache. Ach, wie fand sie
dieses Land so öde, sie, die es liebte zu kommunizieren, Spaß zu haben, zu tanzen und zu feiern. Und wie sie feiern konnte. Der Abend wurde lustiger und lustiger, Claudia lief zur Hochform auf,
wir kugelten uns vor Lachen, tanzten im Wohnzimmer herum, tranken Banana Daiquiri und trennten uns erst früh am Morgen. Später dann, als sie Deutsch lernte, mischte sie regelmäßig die Bar auf mit
ihrer überschäumenden Energie.
Werner, der Köllsche Jong, brachte uns Karneval bei, nahm uns mit zu seiner Familie, Freunde kamen und alle zogen mitsamt Sackkarren
voller Sekt und Wein zum Umzug, auf den angestammten Platz. Nachbarn rechts und links begrüßten die Gruppe johlend, man traf sich mindesten jährlich. Jeder bekam einen Blechbecher um den Hals
gehängt damit die Hände frei blieben zum Kamelle fangen und sich gegenseitig in die Arme fallen. Die Becher allerdings mussten immer gleich geleert werden, damit sie hängen konnten.
Karnevalsstimmung stellte sich schnell ein, jeder redete mit jedem, alle lachten, waren gut drauf, hervorragend gut. Komm Jong, trink noch einen. Und der Jong trank, der Sekt prickelte mit der
Umgebung um die Wette. Dann kam der Zug, Millowitsch, das köllsche Idol auf einem eigenen Wagen, Prinzessinnen, Prinzen, Hofbeamte en masse, Allegorienwagen mit politischen Karikaturen zogen
vorbei, alle gröhlten Kamelle, Kamelle, die regneten von oben, einer hatte seinen Schirm aufgespannt, hielt ihn falsch herum und fing im Akkord die Süßigkeiten. Was für eine Spaßgesellschaft, wir
tanzten, fielen uns in die Arme, Witze wurden gerissen, alte Geschichten aufgetischt, weißt du noch wie der Jupp bald unterm Wagen gelandet ist, brüllendes Gelächter und Jupp strahlte, die Wagen
zogen vorbei, waren ein Teil des Treibens, oft war unten mehr los als oben. Dann kam das Ende des Zuges, Kehrmaschinen folgten, Kolonnen von Arbeitern, die aufräumten, Sauberkeit wieder herstellend
in der mit Konfetti, Süßigkeiten und Partyresten übersäten Straße. Alle packten schwankend ihre Sachen zusammen, zogen ab, nach Hause, dem nächsten karnevalistischen Abenteuer zu. Ich fand mich
irgendwann auf einem Bordstein sitzend wieder, leise singend, sie holten mich ab, mit dem Taxi ging es zurück nach Bonn. Wo feiern wir weiter? In der Brotfabrik ist Tanz und immer was los. Ich kann
nicht mehr fahren, sagte Werner, ach, ich kann gut, auch wenn ich getrunken hab, antwortete M. Wie gut, dass der Wagen eng eingeparkt war, er ging nicht vor, nicht zurück. M´s Übermut hätte doppelt
ins Auge gehen können: wegen zu viel Alkohol und dem Automatikgetriebe des Autos. Sowas hatte sie noch nie bewegt. Und wir waren nicht in der Lage, sie von ihrer Idee abzubringen. Wir hatten zu
viel Spaß
:
Erlebnisse, Geschichten, Abenteuer aus verschiedenen Welten. Vom Leben in Deutschland, Chile, Ecuador, Rio de Janeiro, Kolumbien, Tansania, Mosambik und heute im Dorf. Plus Bilder, Reflektionen, Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft, mit Witzigem und Brauchbaren.
Neueste Kommentare