Artikel teilen! Von Einem der auszog (30): Mit dem Rad nach Rom: Italien 1988-89: Italien haben wir mit dem Rad erlebt. Intensiv. Noch heute tut mir der Hint ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Italien haben
wir mit dem Rad erlebt. Intensiv. Noch heute tut mir der Hintern weh, wenn ich daran denke. Es waren schöne und schlimme Touren dabei. M sagt, sie hätte sich manches Mal verflucht und
liebend gerne mit einem Strandurlaub getauscht, ich war, sagen meine spärlichen Notizen, oft fix und alle. Und doch hat es mich fasziniert, dieses
Land. Auf der ersten Tour 1981, am Anfang unserer Beziehung, hatte M mich eine Woche lang mitgenommen durch die Toskana per Rad und klitzekleinem Zelt. Die Fahrt hatte mein Interesse geweckt,
fünf Jahre in Ecuador waren dazwischen gekommen, da konnten wir nicht in ihr liebstes Urlaubsland, das wollten wir nachholen, jetzt mit leichtem Gepäck und Übernachtungen am Wegesrand in Hotels,
Albergos, was auch immer. Die erste Fahrt ging 1988 von Florenz nach Rom, die zweite 1989 vom Gardasee nach Rom. Das waren über 1000 km, die erst im Nachhinein ihren Reiz erhielten. M liebte Rom,
kannte es, hatte kurzzeitig in dieser geschichtsträchtigen Stadt bei ihrem italienischen Freund gewohnt, die Toskana schon früher bereist, konnte die Sprache, kannte sich mit den Sitten aus,
brachte mir bei, dass das Gedeck im Restaurant extra kostet - nicht nur für die Touristen um sie auszunehmen - und dass man sich im Café nur hinsetzen darf zu einem Preisaufschlag um 150%. Das
hab ich nur 1x gemacht und für einen Espresso 5 DM bezahlt. Wahrscheinlich stehen die Italiener deshalb da rum
Blitzlichter sind geblieben, nicht unbedingt zeitlich geordnet, herausragend aus dem Alltäglichen, das schon interessant genug war. Alltäglich die unterschiedlichen Kulturlandschaften, auch die Silhouette der Toskana mit den von Pinien bestandenen Höhenrücken, zum Herrschaftshaus hinführend, ist gewollt, gemacht von Menschen, nachdem das Land abgeholzt war. Alltäglich die kleinen, verwinkelten Orte mit den Häusern aus Bruchsteinen, alltäglich die Freundlichkeit der Italienern Fahrradfahrern gegenüber. Sie lieben Fahrrad fahren, am Wochenende sind ganze Pulks von Hobbyfahrern unterwegs vom Opa bis Kleinkind auf schmucken Rennrädern, immer wie Rennfahrer gekleidet. Alltäglich auch die Geschichtsbegegnung, hier ein Bauwerk der Römer, dort eine Straße 2000 Jahre alt, Geschlechtertürme, gebaut, um sich vor Nachbarn und Familie einzubunkern, Märchenvillen in Phantasiegärten, in Stein gehauene Kunst, fast an jeder Ecke Geschichte. Die Germanen saßen noch unter den Bäumen im Regen, da hatten die Römer schon Wasserklosett und Fußbodenheizung. Heute haben sie Berlusconi. Alltäglich auch unser Ritual, abends 3 Gänge zu essen wie die Italiener und den Wein der Region zu trinken. Konnten wir uns doch leisten bei der Anstrengung. Dachten wir.
Denk ich an die Poebene, dann weniger an das unabsehbare flache, fruchtbare Land mit den sorgsam bestellten Feldern, durchzogen von seinem Lebensspender, dem Po, ohne dessen Wasser die Felder verdorren würden, sondern mehr an einen brutalen Wind der von vorne kam, egal wohin man fuhr, der Wind blies einem immer ins Gesicht, machte die Fahrt eher zum Stand. Vor Wut wollte ich absteigen, das aber nutzte nichts, wir mussten weiter. Abends dann der Ober, den M fragt, welchen Wein der Region er empfiehlt und da sagt der Lambrusco. Igitt nee, die Zeiten des prickelnd-süßen, kaum trinkbaren Gesöffs waren vorbei, wir lehnten dankend und unisono ab. Der aber ließ nicht locker, unser Lambrusco hat nichts mit dem Exportschlager zu tun, beharrte er, versuchen Sie. Eine schön geschwungene Flasche kam auf den Tisch, ihr Verschluss aus Korken und Draht ploppte vornehm beim Öffnen und heraus kam ein wundersamer, leicht prickelnder, fast trockener Wein mit einem Bouquet nach weiter, grüner Landschaft. Der Ober strahlte und wir tranken alles aus.
Ungeheuere Kunstschätze ist mein erster Eindruck von Italien. Kein Wunder, M hatte versucht, mir Florenz näher zu bringen. Die Stadt am Fluss Arno quillt über vor historischen Gebäuden und Schätzen da drin. All die himmelvielen Dichter, Maler, Künstler, Wissenschaftler die hier lebten, haben ihre Erzeugnisse hinterlassen, große Namen darunter, Boticelli, Michelangelo, Leonardo da Vinci, hier nahm die Renaissance ihren Ausgang, an jeder Ecke wurde künstlerisch gebaut und aus Stein geschlagen, reiche Leute wie die Medici haben Architektur und Skulpturen in ihren Palästen neu erfinden lassen, und das ist noch lange nicht alles. Denn dann kriegt man noch heraus, dass Dante in Florenz die moderne italienische Sprache erfunden hat, Boccachio mit schlüpfrigen Geschichten Geschichte machte (hat er sie hier auch erlebt und wenn ja mit wem?), dass Machiavelli die Politik auf "wissenschaftliche" (sprich: rational-erfolgsorientierte) Basis stellte und Galileo mit seinen Schülern die Nächte verbrachte, den Himmel studierte und die moderne experimentelle Naturwissenschaften gründete. Wenn man das alles in 1, 2 Tagen durchstreift, dann schwirrt der Kopf und verlangt nach Luft und Licht.