Artikel teilen! Von Einem der auszog (30): Mit dem Rad nach Rom: Italien 1988-89 Teil 2: Heute zeige ich dir was Außergewöhnliches, hatte M versprochen. Was no ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
Hier gehts zurück zum Anfang: -------------->Erste
Seite
Heute zeige ich dir was Außergewöhnliches, hatte M versprochen. Was noch, so vieles war schon außergewöhnlich, angefangen bei
den Frauen und Männern, den ansehbaren. OK. Gefiel mir, wie sie, modisch und elegant gekleidet, körperbewusst sich bewegten und immer Zeit hatten für einen Schwatz. OK, ich gebs zu, die Frauen
gefielen mir am besten. Gar nicht zu reden von den historischen Zeugnissen in einer wundersamen, sonnendurchfluteten Landschaft. Was noch? Wart´s ab. Wir waren in Siena, hatten ein Hotel gefunden
und standen vor einer wuchtigen Stadtmauer, durchbrochen von Eingängen mit Tonnengewölben. Mach die Augen zu, sagte sie und führte mich, unsere Schritte hallten in dem langen Durchgang und dann
sagte sie, mach die Augen auf.
Und da war er vor mir, dieser Platz der Plätze, halbrund, abfallend zum unteren Kreissegment, eingerahmt von großen, alten Herrschaftshäusern, herausragend ein imposantes, altes gotisches Gebäude am unteren Ende mit einem hohen, schlanken Turm, der Palazzo Publico, alles angelegt in einer bis dahin noch nie gesehenen Symmetrie, Ruhe und Schönheit ausstrahlend. Das fiel sogar mir auf. Wir haben lange in einem der Straßencafés gesessen und nur geschaut. Später habe ich gelesen, dass die Piazza del Campo mit seiner charakteristischen roten Backstein Pflasterung, von hellen Streifen aus Travertin segmentiert, schon im 14. Jahrhundert am Ort eines antiken Theaters angelegt wurde. Siena gilt als eine der schönsten Städte der Toskana und Italiens. Schon von jeher befand sich die Stadt in Rivalität mit Florenz in politischer, wirtschaftlicher oder künstlerischer Hinsicht. Während Florenz als Paradebeispiel einer Renaissance-Stadtner vor allem durch die schiere Masse und Größe seiner Bauwerke und Kunstwerke beeindruckt, hat Siena den mittelalterlichen Charakter der italienischen Gotik erhalten. Die Universität Sienna, gegründet 1240, gehört zu den ältesten Universitäten Italiens und wird heute von etwa 20.000 Studenten besucht. Das ist doch mal Geschichte pur.
Licht ist das andere Typische, denk ich an die Toskana. Schwirren und Flimmern über Hügeln und sanften Tälern, heiß werdend zu Mittag, Schatten fast verschwinden lassend. Weshalb ich das weiß? Weil wir regelmäßig nicht wie geplant früh losfuhren, sondern in der Mittagshitze schmorten, uns über leere Straßen quälten. Die Italiener waren verschwunden, sie machten Siesta. Eine Geschichte bleibt eingraviert, es war die Fahrt nach Volterra. Diesmal hatten wir es geschafft, waren früh los gekommen, fuhren durch das leere Pisa im sanften Licht der Frühsonne, folgten einem fruchtbaren Tal an Bächen entlang, flott ging es vorwärts, wenn auch leicht aufsteigend, nur 25 km Landstrasse bis zum Ziel. Weder Flüssigkeit noch Proviant hatten wir dabei, das Ziel war doch nahe. Und da sahen wir auch schon die Stadt oben auf dem Hügel thronend wie ein Hut auf einem Kopf, gut sichtbar über uns, nur noch eine Steigung hoch und dann noch eine, schien es, auch wenn es zum Schluss ziemlich steil aussah. Den Hügel rauf, au weia, den ging es wieder abwärts bis ganz unten ins Tal. Wieder die Serpentinen hoch, und wieder ging es runter um dann wie auf ein Hochplateau aufzusteigen. Die Sonne brannte mittlerweile gnadenlos auf den Felsen, ein Stück schafften wir noch zu fahren, mussten schieben, waren ausgedorrt, auf der Straße noch die Ermunterungen vom letzten Radrennen: avanti, forza, wir konnten kaum noch, die Stadt schien nicht näher zu kommen, wir aber mussten da hin. Endlich die Stadtmauer, das Tor, es war schon Nachmittag, alles menschenleer, kein Geschäft auf, da, eine Bar, wir torkeln rein, über der Bar ein schräger Spiegel, die Leiche da soll ich sein? Der Körper saugte die Flüssigkeit auf wie ein Schwamm, langsam kamen wir zur Besinnung. Jetzt eine Bleibe, ein kühles Bett, und dann Ruhe. M schaut auf, am obersten Balkon eine Anzeige: zu vermieten, 10 Min später hatten wir eine kleine Wohnung mit Balkon und Blick über die Stadt, einem gefüllten Kühlschrank und kühlenden Laken auf dem großen Bett. Halt, - da war doch noch was? Ach du grüne Neune, heute spielt Steffi in Wimbledon, morgen Boris und kein Fernseher im Zimmer. Kein Problem, sagte die Vermieterin, der Nachbar da drüben hat einen tragbaren, den leihe ich aus. Und dann liegen wir im Bett, haben Pizza vom Service, Wein dazu und schauen Tennis. Müde wie wir sind fallen uns die Augen zu, es geht nicht, wir müssen schlafen. Zwei Std. später machen wir den Fernseher an, da sagt der Reporter: es hat aufgehört zu regnen, nach zwei Std. Unterbrechung geht nun das Spiel weiter. Und dann gewann Steffi und Boris auch am Sonntag und unsere Welt war im Lot. Natürlich ist Volterra geschichtsträchtig, Etrusker lebten schon hier bevor Rom zur Weltmacht wurde, aber das allerbeste war Cinghiale, Wildschwein mit Oliven und Pasta.
Lernen, hatte ich schon gesagt, musste ich viel. Ein kleines Restaurant strahlte italienischen Charme aus, machte aber erst, wie die meisten, abends 8.00 Uhr auf. Zwischen 3.00 und 7.00 sollte man in Italien keinen Hunger kriegen, zumindest nicht auf Restaurantessen. So ab 5 Uhr machen langsam die Läden wieder auf, da gibt es leckere Tramezzini, Wurst, Käse, Oliven, Zwischenmahlzeiten halt. Wir waren Punkt 8.00 am Restaurant, die Oma saß davor, schälte Kartoffeln, kündigte uns mit schriller Stimme an. Der Besitzer, ihr Sohn, Kellner und Koch in Personalunion, wies uns mürrisch einen Tisch zu. Fünf davon mit gestärkten Tischdecken, Weinkaraffen drauf, standen in dem kleinen Raum mit einer Theke, dahinter offen die Küche. Irgendwann stellte er sich neben uns und rasselte gut klingende Sätze herunter - die Speisekarte kam mündlich. Auch M hatte lange nicht alles verstanden, ich bestellte das letzte, si, lo ultimo, war am einfachsten. Dann fing er an zu brutzeln, brodeln, anzurichten. Die Vorspeise kam, Pasta folgte, kleine Portionen, dann kam der warme Teller mit Fleisch vom weißen Angus-Rind, bedeckt von einer dünnen Zitronen-Olivenöl-Knoblauchsoße, knackige Bohnen, Brot dazu, das beste Fleisch, das ich jemals gegessen hatte (in Brasilien sollte ich noch besseres kennen lernen, das aber war später). Die Rechnung war auch ganz gut. Wir waren fertig, wollten gehen, da kamen die ersten italienischen Gäste. Unser frühes Erscheinen hatte den Ablauf und den Wirt gestört. Ich lernte: komm immer nach 8.00 und bestelle blind. Zumeist ist es sehr gut.
Manche Tage waren wirklich übel zu fahren. Man hatte uns gewarnt, der Pass ist über 1000 m hoch, 850 m zu steigen. Keiner aber hatte uns gesagt, dass er auch kalt ist. Die Straße ging in steilen Serpentinen hoch, wir mussten schieben. Manchmal konnte ich M unter mir sehen, manchmal verschwand sie im Nebel. Kurz vor dem Pass begann der Nieselregen, der uns 3 Tage begleiten sollte. Oben war es saukalt, wir tranken einen Grog in der Berghütte. Und dann die Abfahrt, 18 km bis Pontremoli, unwirklich die Landschaft im Nebel und Regen, schön auch, natürlich, nur dass uns eine eisige Böe erwischte, die meine Unterarme mit Eiskristallen überzog und weiß werden ließ. Stocksteif vor Frost suchten wir ein Hotel mit Badewanne, fanden eins, ließen heißes Wasser einlaufen und uns auftauen.