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Tagebucheintrag: Es regnet. Auch gut. Es regnete Bindfäden. Von Gustalla bis Parma. Sonntags Totenruhe und dann noch Regen, trostlos. Mussten weiter, nirgends eine Herberge in den Dörfern, kein Mensch auf der Straße. Bis wir auf die Bundesstraße kamen, da waren sie, die Italiener auf dem Rückweg vom Sonntagsausflug. Links die Eisenbahn, rechts die Autobahn und wir mittendrin. Trostlos kommt selten allein.
Ortsnamen, auf der Zunge zergehend wie Eis: Sarzana, Marinella, Carrara, Marina de Massa, Forte dei Marmi - M war trotz schlechtem Wetter gut drauf, ich hinterher. Es regnet und regnet, der Wetterbericht sagt, in ganz Italien. In Aulla, nach dem Capuccino, hat es aufgehört und in Sarzana sah man die Sonne am Meer. Am zugebauten. Auch nicht gerade unser Traum.
Von Forte dei Marmi gings wieder ins Landesinnere über Viareggio nach Lucca durch herrliche
toskanische Landschaft, abseits gelegene Ortschaften, Pinienhaine, an Landgütern vorbei, fast unsichtbar hinter dicht stehenden Bäumen. Heiß war es.
Männer im Schatten ruhend, im Café plaudernd, Straßenarbeiter am Wegesrand bei der Siesta, Hunde bellten uns an, eine alte Dame lud uns ein in ihren kühlen Garten mit Stühlen zum Vesper. Lucca
mächtig und reich, Plaza auf dem ehemaligen römischen Zirkus, groß und ausgestorben, als wir am Nachmittag ankamen. Um 18.00 Menschengewimmel. Wo kamen die alle so plötzlich her?
Lernen wie man ein Hotelzimmer kriegt, obwohl alles besetzt ist: Nein, nix frei sagt der Portier, energisch den Kopf schüttelnd. Ich wende mich ab, will gehen nach dieser eindeutigen Aussage. Doch M bleibt stehen: schauen Sie, sagt sie, wir sind den ganzen Tag gefahren, wir sind müde, dann hat man uns Ihr Hotel empfohlen, ist denn da wirklich nichts zu machen. Sprachlos schaue ich sie an, wo hat sie denn das her, im vollen Hotel handeln? Der Mann zuckt mit den Schultern, schon weniger energisch, M legt nach, wir brauchen nur ein kleines Zimmer, egal wie. Der Mann schaut sie an, überlegt, vielleicht gefällt ihm ja blond, blauäugig mit Rennrad. Ohne Registrierung sagt er und geht voraus, den Gang hinunter, bleibt vor einem schmalen, hohen Spiegel stehen, es ist eine Tür, dahinter ein Zimmerchen, kaum zum Umdrehen, aber es reicht. Wo hast du denn das her, frage ich M verwundert. Ach, sagt sie, das hat mir mein italienischer Freund beigebracht. Die haben oft versteckte Zimmer, an der Steuer vorbei, verstehst du, sagt sie. Ich verstehe. Das nächste Mal ist es kein verstecktes Zimmer sondern eine kleine Wohnung von jemandem auf Reisen. Wir bekommen immer ein Zimmer.
Einmal sogar
ein luxuriöses. Das kam so: spät am Nachmittag ein kleiner Ort oben auf einem Berg. Nein, im Dorf gibt es keine Herberge, sagte man uns, aber da hinten, auf dem Hügel, da ist ein Hotel. Und das
nächste? 15 Km entfernt, es war spät zum weiter Fahren, wir wollten nichts riskieren, kamen auf einen Feldweg, fuhren den Kamm unter Pinien entlang. Das Herrschaftshaus am Ende war zugewachsen
mit Kletterpflanzen, auf dem großen, schmucken Hof kam uns ein livrierter Portier entgegen, ja, es ist noch frei, darf ich Ihnen die Räder abnehmen? Er öffnete eine große Garage und da standen
sie, die Edelkarossen, Maserati, Porsche, Mercedes, Jaguar, sogar ein Bentley war dabei. Unsere Räder fanden ihren Platz daneben, der Mann nahm die Fahrradtaschen auf, wir waren in einer
versteckten Luxusherberge. Der Preis für eine Nacht war enorm, auch wenn er alles enthielt, viergängiges Abendessen, freie Getränke (soviel ich will? Soviel und was Sie wollen), Therme,
Schwimmbad. Das lag wie ein Vogelnest am Hügelabhang mit weitem Blick auf die Toskana und da wurde uns klar, wo wie waren: in einer Absteige für reiche Männer mit jungen Frauen und ältere
Damen mit Gigolos. Daher die Luxuswagen. Da lagen wir nun im Wasser, wir Radfahrer, neben braun gebrannten, wunderschönen und weniger schönen aber reichen Menschen, kühlten ab vom heißen Tag,
schauten auf die Toskana und beobachteten aus den Augenwinkeln das Treiben um uns. Viel passierte leider nicht, die taten ganz normal. Vor dem Essen ein Aperitif bitte, da hinten ist die Bar. Ein
schöner Raum, alte, gediegene Möbel, ein riesiger Schrank über Eck, in der Mitte ein Sofa in S-Form. Wir warteten, keine Bedienung. M ging fragen, der Mann vom Service kam mit und öffnete den
Eckschrank. Und dahinter war sie, die Bar mit allen erdenklichen Getränken, Kühlschrank, Mixer, Eis, Saft, alles da. Bitte bedienen Sie sich, was und wie viel Sie wollen. Schade, als Radfahrer
sollte man sich am Abend nicht besaufen. Hier wär das gut gegangen. Fürstlich wurden wir bedient und umsorgt, fürstlich am nächsten Tag verabschiedet zu einem fürstlichen Preis. Das Abenteuer war
es wert.
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