Artikel teilen! von Einem der auszog (31): Alles Paletti - oder was? Bonn 1987-92: Lehrerfortbildung in Deutschland ist nichts für mich, sagte M bedrückt. Sie, ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Lehrerfortbildung in Deutschland ist nichts für mich, sagte M bedrückt. Sie, die sich lateinamerikanisch schick kleidete mit engen Jeans oder Röcken, Stiefelchen mit Absatz trug, auch mal ein wenig zeigte, was sie hatte, sie war aufgelaufen. Dass sie ein bunter Vogel im tristen Einheits-Lehrergrau sei, war schon länger bekannt, sie kam schließlich mit Rennrad, flott anzusehen, zur Schule. Als Tussi verdächtigt zu werden bei einem Seminar über Vielfältigkeit, Andersartigkeit, Kreativität der Schüler, das war schon starker Tobak. Anders darf man offenbar nur in der Theorie sein.
Von dieser Lehrerfortbildung brachte M ihre neue Freundin mit, am Telefon hatte sie gesagt, eine attraktive und interessante Frau aus der noch DDR. Das war sie, in der Tat, hübsch anzuschauen, irgendwie anders im Outfit, lebendig, neugierig, offen, umgehend anziehend. Sie hatte sich sofort nach der Maueröffnung informiert, wo und wie man sich weiter bilden kann, bestand bei allen neuen Kontakten darauf, sie sei Lehrer, lehnte das In ab, meinte dies könne man hinreichend sehen und war zum Seminar an der holländischen Grenze eingeladen worden. Viel gab es zu erzählen aus ihrer anderen Welt. Mit 4 Kindern war sie an einer Ganztagsschule Vollzeit beschäftigt, engagiert in der Leitung, managte ihre Familie, hatte ein eigenes Kabarett mit anderen Frauen aufgezogen und genügend Zeit für sich und ihre Reisen. Wie machst du das? Kommt, schaut es euch an. Wir fuhren mit dem Wohnmobil gen Osten, überrascht, dass an der Grenze wirklich niemand von den sturen Zöllnern stand, erstaunt über die freundlich winkenden Menschen und gerieten zwischen die Russen. Mitten in eine Kolonne von Militärlastwagen waren wir plötzlich, kleine Jungens hockten drauf, die anscheinend noch nie ein Wohnmobil gesehen hatten, sie sprangen auf, winkten, lachten, stupsten sich gegenseitig an, zeigten auf das seltsame Gefährt, wirkten klein und verletzlich in ihren schlotternden Uniformen. Sind sie nicht niedlich, sagte M, und das soll der Iwan sein, der schreckliche? Hätten sie uns ruhig vorher sagen können. Dörfer und Städte hatten noch den bekannten verlotterten DDR-Charme und Trabis knatterten über das Kopfsteinpflaster der baumbestandenen Alleen. Das ganze Land wirkte uriger, einfacher, war nicht geleckt und gepflegt, erinnerte mich an mein Dorf in der Kindheit. Gegenüber den Orten die wir aus Südamerika kannten, war das allerdings schon entwickelt. Es gab alles was man so brauchte, eben nur ein paar Levels niedriger als im Westen.
Uns war die DDR nicht unbekannt, beide hatten wir das Land vorher besucht, hatten Einsicht in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, meine Diplomarbeit behandelte das Schulsystem mit der 10klassigen Polytechnischen Einheitsschule, das angegliederte Ausbildungssystem, die umfassenden Weiterbildungsmöglichkeiten für Erwachsene. Klar wussten wir von der allwissenden und allmächtigen Einheitspartei und ihren Organen bis hinunter zum Blockwart (hieß anders, war dasselbe), wussten auch von der Existenz des informellen, privaten Lebens, hatten allerdings keine Ahnung von dem ungeheuerlichen Umfang des Überwachungsapparates. Davon hatten sie uns nichts erzählt. Und privat hatten wir auch nicht gelebt. Das konnten wir jetzt.
E&J wohnten in einer Altbauwohnung mit 5 Zimmern, als Großfamilie stand ihnen das zu einem geringen Mietzins von 80 Mark zu. In der Küche der Ofen für die Zentralheizung, im Winter mit Koks zu befüttern, Herd, Kühlschrank, Wachstuch auf dem Tisch, einfach alles, recht einfach aber nicht primitiv. J war Betriebselektriker in einer Technischen Hochschule, studierte nebenbei Ingenieur, wurde regelmäßig dazu freigestellt und kümmerte sich liebevoll um die Kinder. Am ersten Tag beim Frühstück kam er zurück von der Arbeit, hatte frische Brötchen dabei, frühstückte mit uns. Ach, das mit der Arbeit habe ich mir eingerichtet, sagte er. Ausgerüstet mit einem PC, mit dem man Panzer knacken konnte - ein Privileg dank seiner Mutter bei Robotron - arbeitete er sich in die moderne Welt der Mikrochips ein (später wurde er Spezialist und Abteilungsleiter in einer IT-Firma). Seine Liebe galt der Popmusik. Eine komplette Sammlung aller gängigen Titel hatte er auf Kassetten aufgenommen, präsentierte stolz was sein Herz begehrte. Das Begrüßungsgeld hatte die Familie zusammen gelegt, um ihm eine kleine Stereoanlage zu kaufen, sein neues Glück. Beide konnten arbeiten, weil die Kinder in der Ganztagsschule oder im Kindergarten versorgt, die Hausarbeit aufgeteilt und das Einkaufen einfach war. E´s heimliche Liebe waren Verschönerungsmittelchen, das ganze Bad stand voller Flakons, Tuben, Pöttchen mit bekannten Namen drauf. Wo hast du die denn her? Kriegt man in Polen, hol ich mir öfters. Wir waren gern bei ihnen, es war gemütlich.