Artikel teilen! (43) Bogota, die Stadt mit zwei Gesichtern: Da waren wir nun in der neuen Stadt. Zwar hatte die Zentrale angewiesen, so rasch wie möglich ...
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Da waren wir nun in der neuen Stadt. Zwar hatte die Zentrale angewiesen, so rasch wie möglich die neue Stelle anzutreten, hatte uns
schnellstmöglich aus Rio vertrieben, doch als wir ankamen, war Feiertag und langes Wochenende und ich hatte hohes Fieber. Niemand da im Büro, einzig Juan Carlos, der Fahrer blieb treu bei uns und
besorgte einen Arzt.. Obwohl ich die Mannschaft und das Projekt kannte - in den Jahren in der Zentrale war ich als Referent zuständig für das Land, hatte es mehrmals besucht - war Bogota mir
immer fremd geblieben.
Kalt war es, besonders für uns, die wir tropische Temperaturen gewöhnt waren. 2600 m hoch in den Anden in einem fruchtbaren
Hochtal gelegen weist die Statistik über 7 Mio Einwohner und 13 Grad Durchschnittstemperatur aus. Schon früh, 1538, hatten die spanischen Eroberer sich die Senke in den kolumbianischen Anden, die
sich hier aufspalten in drei Gebirgszüge der West-, Zentral- und Ostkordillere, zur Siedlung ausgesucht. Das Zentrum, La Candelaria genannt, ist die Altstadt Bogotás. Mit ihren wunderschönen
kolonialen Gebäuden, Kirchen und Plätzen ist sie sehenswert, auch wenn man aufpassen muss, wo man hin geht.
Um die Plaza Bolívar, dem Mittelpunkt der Stadt, gruppieren sich historische und moderne Gebäude, dominiert von der
wuchtigen Kathedrale. Grob aufgeteilt in die Wohngebiete im Norden, die vornehm und reich sind, das moderne Viertel mit seinen Hochhäusern, Banken und Geschäften, das historische Zentrum und die
Stadtviertel im Süden, unsicher und arm, lebten und arbeiteten wir natürlich im Norden. . Schöne und rustikale Lokale waren in der Nähe, kleine gepflegte Parks, Einkaufszentren mit amerikanischem
Standard, Tanzlokale, überfüllt am Wochenende.
Traurige Berühmtheit hat diese Stadt erlangt. Guerillagruppen haben sie mit Granatwerfern angegriffen, vielen war der 6. November 1985 noch in Erinnerung, er wurde zum tragischsten Tag in ihrer Geschichte seit dem Bogotazo, der Zerstörung im Bürgerkrieg 1949. Die Guerillagruppe M-19 hatte den Justizpalast von Bogotá eingenommen. Die darauf folgenden Auseinandersetzungen und die Wiedereinnahme durch die Staatsmacht kostete mehreren hundert Menschen das Leben und zerstörte den Justizpalast dermaßen, dass er neu gebaut werden musste. Und dann kam der Krieg der Drogenkartelle in den 1990er Jahren. Terrorattentate erschütterten die Stadt, Bomben explodierten in Einkaufszentren und staatlichen Einrichtungen. Hunderte von Unbeteiligten wurden getötet. Das war Gott sei Dank vorbei, geblieben waren Entführungen auch und gerade in den reichen Vierteln.
An den Ampeln standen sie, die Bettler und Verkäufer. Der andauernde Bürgerkrieg vertreibt Menschen, die Heil und Sicherheit in der Hauptstadt suchen und oft nicht finden. Auch in anderen Entwicklungs- und Schwellenländern sind Wanderungsbewegungen vom Land in die Stadt massiv. In Kolumbien werden sie verstärkt durch den bewaffneten Konflikt und Menschenrechtsverletzungen, gezielt gegen Kleinbauern und ländliche Gemeinden. Ursache ist der seit Jahrhunderten verbittert geführte Kampf um privaten Besitz von Land. Nie habe ich diese verbissenen und tödlichen Menschenrechtsverletzungen von privaten paramilitärischen Gruppen aber auch von Militärs begriffen. Es hört nicht auf. Bis heute bleibt es ein krimineller Krieg der Reichen gegen die Armen, international kaum beachtete. Schätzungen gehen davon aus, dass 2007 bis zu 4 Millionen Menschen binnenvertrieben wurden. Teile dieser Vertriebenen landen in Zwischenstädten, doch wie überall muss die Hauptstadt den großen Teil aufnehmen. Dass eine Stadtverwaltung damit ein Dauerproblem hat, ist verständlich. Die Arbeitsmöglichkeiten nehmen ab und die Armutsrate steigt. Ein Teil meiner Arbeit war, zusammen mit der Stadtverwaltung, die Entwicklung von alternativen Einkommensquellen für diese Menschen.
Aber auch politisch tat sich was.
Antanas Mockus wurde in unserer Zeit neuer Bürgermeister gegen den Strom des Zweiparteiensystems. Er ist Philosoph, Mathematiker und Alternativer, besiegte nach einem Wahlkampf ohne
Werbung, ohne Versprechen und mit geringen finanziellen Mitteln (weniger als 1.000 $US) den Vertreter aus dem Lager der Regierungspartei, sanierte die Finanzen, reduzierte die Todesfallstatistik
insbesondere durch die Einführung seiner - erstaunlicherweise - populärsten Regelung, der "hora zanahoria", dem Alkoholverbot ab 1.00 Uhr nachts. Das griff, knapp 20% ging die Mordrate zurück.
Mörder brauchen offenbar Schnaps. Lustig wurde es auf den Kreuzungen. Als alle Ordnungsbemühungen scheiterten, stellte er Clowns auf die Straße, die mit Pantomimen zur Einhaltung der
Straßenverkehrsordnung erzogen. Die Fahrer lachten und taten was die wild wedelnden Gestalten anwiesen. Parallel dazu führte er Fahrradwege ein, die heute mit einer Länge von über 300 Km zu
einem der größten Fahrradnetzwerke der Welt gewachsen sind. Es gab schon die "Ciclovia", die Sperrung von 120 Km Umgehungsstraße der Stadt jeden Sonn- und Feiertag bis 14.00 Uhr. Das baute Mockus
aus und heute nehmen über zwei Millionen Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad oder auf Inline-Skates an der Ciclovía teil. Mit Mockus änderte sich die Einstellung der Bürger zu ihrer Stadt. 1998
empfanden 67 % ,dass die Stadt lebenswert sei, im krassen Gegenteil zu den 75 % die sie davor als nicht lebenswert empfanden. Er kam zurück 2001 und seitdem wählen Bogotaner
linksgerichtete, nicht dem alten Parteienspektrum angehörige Bürgermeister. Heute, so sagt man, ist die Stadt liebenswert.
Lebenswert war sie schon in unserer Zeit - trotz allem.