Artikel teilen! (42) Kolumbien voll Traurigkeit und Leid: Auf einer Skala der Lebensfreude in Lateinamerika würde ich Brasilien auf dem Extrem der Freude, Kolum ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Auf einer Skala der Lebensfreude in Lateinamerika würde ich Brasilien auf dem Extrem der Freude, Kolumbien auf dem anderen Ende, dem der Traurigkeit und des Leids eintragen. Was
für ein Unterschied. Ich hatte das Land schon mehrmals dienstlich besucht. Alleine die Art, wie sie Auto fuhren, war gegeneinander gerichtet. Mit verbissenem Ernst kämpfte jeder gegen jeden um
Zentimetervorteile, verkeilten sie sich bei Einmündungen, verstopften sie systematisch Kreuzungen, auch bei Rot der Stoßstange ihres Vorderwagens folgend, schienen sie mir ein Paradebeispiel des
sozialdarwinistischen Prinzips zu sein, dass den Stärkeren als Gewinner definiert. Das Gegeneinander definierte auch die Gesellschaft. Seit der Unabhängigkeit vor 180 Jahren hatte es einen
Bürgerkrieg nach dem anderen gegeben, ein Massaker nach dem anderen, eins schrecklicher als das andere. In den 3 Jahren unseres Aufenthalts gab es noch immer Massaker. Die Guerilla hatte ganze
Landesteile in ihrer Gewalt. Die Paramilitärs kämpften gegen sie und für die Großgrundbesitzer, offenbar auch ab und an für die Militärs wenn es galt, schmutzige Aufträge auszuführen, jedenfalls
waren sie entstanden als Privatarmee, hatten sich selbstständig gemacht mit derselben Stoßrichtung gegen die Guerilla und die Militärs waren offiziell gegen alle beide, schafften aber keine
Ruhe im Lande. Fast täglich gab es politisch begründete Entführung, Mord, Totschlag, Vertreibung der Bevölkerung, draußen auf dem Land und mitten in der Stadt. Verbrechergruppen hängten sich an,
entführten auf eigene Kosten, die Drogenmafia finanzierte die Guerilla, die wiederum stellte sichere Anbaugebiete und Flughäfen zur Verfügung. In einem Drittel des Landes hatte die staatliche
Gewalt keinen Zutritt. Das, so schien uns, hat die Menschen geprägt. Natürlich waren Kolumbianer auch Latinos, natürlich gingen sie gerne tanzen, freilich feierten sie liebend gerne und waren
dann genau so freundlich, nett und lebenslustig wie Latinos anderswo. Doch irgendwann spät in der Nacht kamen die Erinnerung an schreckliche Erfahrungen, jeder hatte sie in seiner Familie und
dann wurde es traurig. Es war eine Zeit zwischen Schrecken und Normalität, zwischen Unfassbarem und Freude, es war eine Zeit mit Menschen, die alles taten, um sich und ihr Land auf andere Gleise
zu lenken, mit Menschen, die effektiv und zielgerichtet arbeiteten - in Lateinamerika nicht gerade ein verbreitetes Gut - mit bewundernswert ausgebauten sozialen Substrukturen. Mit Menschen
die nie aufgaben und viel erreichten für sich und ihre Gruppe. Kaum bekannt ist, dass Frauen in Kolumbien selbstverständlich auf allen Ebenen als Führungskräfte akzeptiert sind und agieren. Und
trotzdem blieb die vermaledeite Geschichte. Kolumbien ist weltweit das Land mit den meisten Entführungen und politischen Morden
Der beste Chronist ist Gabriel Garcia Márquez. Seine komplexen, tragischen, oft unfassbaren Erzählungen sagen mehr über Kolumbiens Historie denn jede Geschichtsschreibung. Aufgewachsen in der Küstenregion mit ihrer Grenze zu Venezuela und Panama bewegte sich sein Leben auf den Schienen der Vergangenheit, der unseligen, mit ihren dauerhaften Bürgerkriegen, der Ausbeutung durch Bananengesellschaft und ihren Massakern, der Willkür von Oligarchen, gedeckt von einer korrupten, oft mörderischen staatlichen Macht. Es sind die Erlebnisse seiner Familie, Historien eines gefolterten, ausgebeuteten Landes, das bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist. ( "Leben um davon zu erzählen").
Begonnen hatte es tragisch genug. Simon Bolivar, großer Befreier vom spanischem Kolonialismus, Visionär und (gewählter) Diktator einer lateinamerikanischen Föderation, das Kolumbien, Venezuela, Ecuador und Panama vereinte, starb verbittert in einem Kaff im Norden Kolumbiens ("Der General in seinem Labyrinth")Sein Traum währte weniger als zehn Jahre. Das Gebilde zerfiel 1830 in seine Einzelteile, nationalistische Strömungen hatten gesiegt. Danach begannen in Kolumbien die innenpolitische Auseinandersetzung sich dauerhaft fest zu setzen. Zwei Parteien waren es, die mit allen Mitteln um die Macht kämpften, die konservative, aus der Herrschaft der alten Oligarchien kommend, im Zentrum Großgrundbesitzern und Kirche, die einen von ihnen beherrschten Zentralstaat wollten und die liberale, die Interessen des wachsenden Handelsbürgertums und der zaghaften Industrialisierung vertretend. Mir gefallen die Liberalen besser, wollten sie doch einen moderneren, föderalistischen Staat, die Macht der Kirche brechen, freien Handel und Wandel, größere Gleichheit. Doch immer wieder gelang es den Konservativen mit legalen (Wahl)Mittel und illegalen Machtübernahmen, die (antiquierten) Interessen ihrer Klasse durchzusetzen. Seit Beginn mit kleinen und großen bewaffneten Auseinandersetzungen.
"Hundert Jahre Einsamkeit" fußt auf den Erzählungen des Großvaters von Marquez, dem General aus dem Krieg der 1000 Tage. 1899 war es wieder einmal so weit. Die Konservativen hatten sich durch Wahlbetrug an die Regierung zurück gebracht, das Land wurde mit Krieg überzogen bis 1902. 100 000 Menschen starben, einen Gewinner gab es nicht. Ein lascher Kompromiss ließ die Liberalen ein wenig mit regieren, der Bananenboom mit seiner Prosperität in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hielt die Konservativen an der Macht - und die Bananengesellschaften im Geschäft. Ausgelöst durch einen Streik der Bananenarbeiter gegen die sklavenhalterische Arbeitsbedingungen der United Fruit Companie mähte das Militär auf Befehl des konservativen Präsidenten mit Maschinengewehren die Streikenden nieder.
(wird fortgesetzt)