Artikel teilen! (42) Kolumbien voll Traurigkeit und Leid Teil II: In den 50er Jahren wäre es den Konservativen beinahe gelungen, ihren Kontrahenten, die liberal ...
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In den 50er Jahren wäre es den Konservativen beinahe gelungen, ihren Kontrahenten, die liberale Partei auszurotten. Hunderttausende wurden ermordet, vertrieben, verloren Familie und Freunde einzig, weil sie der falschen Gruppe angehörten. Es waren die Folgen konservativen Starrsinns und der Weltwirtschaftskrise 1930, die die Liberalen an die Macht und dem Land eine überfällige Bodenreform samt Industrialisierung brachte. Doch die konservative Generalopposition und das Anzetteln eines Bürgerkrieg im Inneren verhärtete die Menschen, voll gesogen mit Hass, gespalten in unerbittliche Lager. Die Ermordung des linkspopulistischen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitan am 9. April 1948 in Bogotá war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Marquez war dabei, er beschreibt die tödlichen Tage, die Orgie der Gewalt, beginnend in Bogotá, die innerhalb weniger Tage Berge von Leichen und eine zerstörte Hauptstadt hinterließ, sich im Land ausbreitete, 4 Jahre wütete, nicht aufhörte bis in die 60er Jahre. 200 000 Tote und 1 Mio Vertriebene kostete das. Staatliche Mordkommandos, mit Verbrechern aufgefüllt, merzten systematisch ganze Dörfer aus und entvölkerten Städte. Freilich wehrten sich die Liberalen, aber sie hatten schlechtere Karten. Das ist die Zeit, bekannt als "Violencia" - Gewalt. (Leben ...). Perverse Tötungsmethoden waren an der Tagesordnung. Von der "Krawatte" hörte ich, dem Schnitt durch die Kehle, von innen die Zunge durch den Schnitt nach außen gezogen. Längst hatte sich die Elite der Liberalen verselbständigt, wollten einzig die Macht, teilten sie sich dann mit den Konservativen, vier Jahre die einen, vier die anderen. Und alle staatlichen Pfründe und Stellen ebenso. Das ging so bis in die 70er Jahre, wirkte sich aus bis in die 80er. Notwendige Reformen unterblieben, bis heute fehlt in Kolumbien eine in anderen Ländern längst durchgeführte, gerechtere Bodenreform. Es ging nur noch darum, die Reichen an der Macht zu halten. ("Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" erzählt davon - und von seinem Großvater)
Wen wundert Widerstand der Basis, die immer nur litt, nie etwas ab bekam? Die Guerilla kam auf, gab auf, kam wieder, blieb ab der 60er. Schemenhaft taucht Marulanda bei Marquez auf (Leben...), tiro fijo, fester Schuss genannt. Wer es nicht weiß, dem entgeht die tragische Geschichte eines einfachen Mannes, der in die Berge ging um der Gerechtigkeit willen, 40 Jahre später einen Teil des Landes beherrschte, mit einer Armee von 20 000 Männern und Frauen Regierungstruppen besiegte, sich reichlich mit Waffen ausstatten kann durch Sicherheitsgarantien für Anbauflächen und Flughäfen an die Coca-Mafia in "befreiten" Landesteilen. Längst ist die Gerechtigkeit einem Grabenkampf um Macht über Regionen gewichen. Marulanda, hörten wir, ist vor nicht langer Zeit gestorben, die Guerilla geht weiter.
Nur kurze Zeiten der Ruhe und Prosperität gab es seit der Unabhängigkeit. Der Rest ist brutaler Krieg gegen das eigene Volk, vermengt mit einem archaischen mordlüsternen Ehrbegriff des kolumbianischen Machismo. Es ist noch nicht lange her, das Kolumbianer sich auf offener Straße mit Pistolen duellierten, einzig weil sie die Ehre der Familie befleck sahen. Und von Generationen danach Blutrache erwartet wurde (Nachzulesen in der "Chronik eines angekündigten Todes", von Marquez mit erlebt).
Mir geht die Luft aus. Denn noch müsste ich berichten über die Gräuel der Paramilitärs, der Verbrecherbanden, der Guerilla, der Drogenmafia. In den letzten 33 Jahren sind über 500 000 Menschen entführt worden, sagt die Opposition. Die Staatsanwaltschaft gibt an, in den letzten 20 Jahren seien 156 000 Menschen durch diese Gruppen ermordet worden. Militärs mischen weiterhin mit. Der oppositionelle Senator Juan Manuel Galan schätzte im Jahr 2009 die Zahl der in den zehn davor liegenden Jahren vom Militär hingerichteten Zivilisten auf 1.500 bis 2.000. Die Zivilisten, oft Jugendliche aus Elendsvierteln, wurden mit falschen Versprechen angelockt, in entlegene Landesteile gebracht, hingerichtet und danach als im Kampf getötete Guerilleros oder Paramilitärs dargestellt. Ziel der Morde war es, auf diese Weise Prämien wie zusätzliche Urlaubstage oder Geldbeträge zu erhalten. Es ist alles unfassbar und deshalb höre ich auf.
Und doch gibt es sie überall, die Inseln der Menschlichkeit, des leben Könnens im Tornado , die auch uns umgaben wie ein schützender Handschuh. Auch der junge "Gabo" ist durch diese ganze leidvolle Geschichte marschiert wie in einem schützenden Cocon, traumwandlerisch unschuldig, mit einer Lesewut gesegnet, die ihn alles verschlingen lässt, was er kriegen kann. Um dann mit seinen Freunden nächtelang zu diskutieren. Sie treffen sich in Cafés, Restaurants, Buchhandlungen, reden, disputieren, argumentieren, morgens, mittags, abends, ziehen nachts durch Bars und Puffs, saufen, huren, tanzen, singen, dichten, streiten, alles zentriert sich um ein Thema: Literatur. Versessen sind sie, besessen bis zum Delirium. Zwischendrin schreiben sie berühmt gewordene Artikel, Geschichten, Bücher. Das ist die andere Seite eines rückständigen Landes, die breite Schicht Literaturbegeisterter, die Bücher, Gedichte auswendig lernten, in Zirkeln sich austauschten während die Welt um sie herum aus Kampf bestand. Später dann ist er politisch geworden, Gabriel Garcia Marquez, der Chronist.
Übrigens: Meine Hinweise auf seine Bücher sind bei weitem nicht vollständig. Überall in seinen Schriften finden sich historische und aktuelle politische Bezüge. Bedrückend und doch voll von Leben. Auch in Kolumbien lässt es sich leben. Das haben wir erfahren. Wir kennen die meisten der Orte, die er beschreibt, Bogota, Cartagena, Barranquilla, Sucre, Riohache, Medellin, beängstigend oft in unserer Erinnerung wegen ihrer leidvollen Vergangenheit und doch auch schön, lebendig, voller Menschen mit Lust und Freude am Leben.
Da waren wir nun gelandet und richteten uns ein.
danke für die lieben worte im vorigen text.
wünsche dir auch nen schönen wochenstart...
gute erholung vom we. grins
In der Tat spür ich immer noch die Feierei. Kann auch sein, der Sport heute Morgen ist schuld.
Bestens und alles Gute
RE