Artikel teilen! (44) Wir richten uns ein in Bogota: An einem Dienstag, 4 Monate nach dem Auszug in Rio, kam der Möbelwagen. Streik in Rio, Streik in Cartagena, ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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An einem Dienstag, 4 Monate nach dem Auszug in Rio, kam der Möbelwagen. Streik in Rio, Streik in Cartagena, Engpässe hier und da hatten den Umzug immer wieder verzögert. Und auf der Strecke durch die Anden hatte die Guerilla die Möbel auch noch mal auf Brauchbares durchsucht. Völlig ungeordnet und ausgepackt lag alles im Wagen herum und beim Öffnen der Tür fiel der Fernseher heraus und rollte die steile Straße hinab. Aber sie waren wieder da, unsere Sachen. Noch ein wenig mehr lädiert, aber wir kannten Helmuts Spruch: 3 Mal umgezogen ist 1 Mal abgebrannt. Wir fühlten uns wohler. Und den Fernseher, ein wuchtiges Teil extra für Länder mit verschiedenen Codes gebaut, hat einer der Selfmade-Techniker repariert.
Mit zwei Koffern und einer Kiste hatten wir die Zeit
überbrückt, nichts Unbekanntes, das war immer so am Anfang. M hatte das Notwendigste eingepackt, 1 Teller für jeden, Besteck, Kochtopf, 2 Campingstühlen, Musik, Bücher, nur warme Kleider nicht,
die waren in Deutschland, in Rio hatten wir sie nicht gebraucht. Es war wie Camping, wir schliefen auf der neuen Matratze auf dem Boden. Die Wohnung hallte von unseren Schritten, sie
war groß, zu groß, doch günstig gelegen - 10 Min. zu Fuß vom Büro entfernt und vom Vorgänger übernommen - und schön geschnitten mit Studio, Wintergärten und Wohnzimmer verglast bis auf den Boden.
Selten schön für Bogota war der Ausblick auf einen Park und die Stadt dahinter, von der Abendsonne rot beschienen wie eine Fototapete.
Unsere Wohnung lag im 9.. Stock in einem 10-stöckigen Hochhaus.
Pompös war die
Eingangshalle wie in all den größeren Wohnblocks,
Wächter saßen drin, einer mit abgesägter Schrotflinte. Dass unter uns ein Verwandter des Präsidenten wohnte bekamen wir mit an einem Abend bei der Rückkehr von einem Restaurantbesuch. Die Straße
gesperrt, Blaulichter flimmerten, schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten umringten uns, der Präsident war zu Besuch. Nicht bei uns, bei seinem Onkel. Geleitschutz brachte uns bis vor unsere
Wohnung damit wir nicht auf dumme Gedanken kämen und den Präsidenten angriffen Im Park gegenüber in historischen Kolonialgemäuern die beste Privatschule der Stadt mit eigenen Tennisplätzen,
Sportstätten, bewachten Parkplätzen. Die Ursache des täglichen Konvois mit 3 gepanzerten Limousinen, Straßensperren, geheimnisvollen, blitzartigen Einstiegszeremonien wurde klar, als man uns
erzählte, wer die Schüler war. Die 3 Kinder des Präsidenten wurden gebracht und abgeholt mit allen Sicherheitsvorkehrungen, niemand durfte sehen, in welchen der gleichen Limousinen sie
einstiegen, das Risiko einer Entführung zu groß. Wir fühlten uns gespalten. Einerseits waren wir gut bewacht, andererseits in einer Risikozone. Mit der Zeit lernten wir, dass Unsicherheit auch
normal sein kann.
Jeder von uns hatte ein eigenes Arbeitszimmer mit Wintergarten, meines war das besagte
Studio mit Glasfensterfront, vom Stehpult sah ich beim Aufschauen die Berge links und die Stadt. Halb rechts davor der verglaste
Wintergarten, in das Esszimmer mit offenem Kamin übergehend, ebenfalls mit Glasfront und dem besagten, schon geschilderten Panoramablick auf die Stadt. Versuche, den Kamin zu entzünden führten
zur Alternative: entweder Wärme und Rauch oder Kälte und klare Luft. Das Esszimmer war groß genug um darin zu tanzen und wurde dazu oft benutzt, die Küche hätte für ein kleines Restaurant
gereicht, dahinter die kleine Wohnung mit eigenem Bad für die Hausangestellte, die normalerweise in den Häusern wohnte, Tag und Nacht zur Verfügung stand und per Klingel aus dem Schlafzimmer für
was für Dienste auch immer angefordert werden konnte. Das war uns doch zu viel nationaler Eigenart, unsere "Empleada", eine ältere Frau, kam halbtags - wenn sie kam. Ein begehbarere
Kleiderschrank mit Badezimmer, 2 Stufen erhöht, eigener Balkon, Fernsehen und Musikanlage gab dem Schlafzimmer einen Flair von Luxusabsteige. Wir nutzten es und verbrachten Samstage darin.
Mittags war ich mit Spaghetti Kochen und Servieren im Bett dran.
Das führte einmal zu einer größeren Sauerei. Mit dem großen, auf dem Bett aufstellbaren Tablett kam ich nur schräg durch die Tür, blieb mit dem weiten Ärmel des Kimonos im
Türknauf hängen, hatte zu viel Schwung und kippte den ganzen Inhalt auf den weißen Teppichboden. Da lagen sie nun, die Scherben der Teller und Gläser, die Spaghetti mitsamt leckerer Soße und
Rotwein bildeten eine rot-gelbe Schicht auf dem Teppich und nach einer Schrecksekunde lachte M sich kaputt. Es hat gedauert, bis die Schweinerei einigermaßen bereinigt war, die Empleada
musste noch Tage danach schrubben, doch ein Hauch von Erinnerung blieb immer haften. Wir sind dann essen gegangen.