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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(45) Leben in Bogota

28. März 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

Essen konnte man gut in Kolumbien, vorausgesetzt man liebte deftige Kost. Eine kulinarische Spezialität der Hauptstadt ist die "Ajiaco Santafereño“, einer kräftigen

SKolumbien - 12uppe aus verschiedenen Sorten von Kartoffeln, mit Hühnerfleisch, Maiskolben und einer Mischung aus Franzosenkraut (Guasca) besteht. Sie wird mit Kapern und frischer Sahne serviert. Auch exotische Spezialitäten sind zu finden wie die Blattschneiderameisen, deren Weibchen mit besonders großem Bauch gegrillt als Leckerbissen und Aphrodisiakum angeboten werden. Hab ich nie probiert. Fleisch war ansonsten Hauptnahrung. Gegrillte Steaks so groß wie Teller, dazu ein Maiskolben, ein wenig Guacamole (Avocadocreme) und Schnaps. Der wurde in Flaschen serviert, geringste Menge eine halbe. Zusammen mit Sangrita ließ er sich trinken, begleitete die Fleischorgie elegant. Gott sei Dank hatten wir es nicht weit nach Hause, die Straße war gerade und die Polizei unsichtbar.                

Kolumbianer tanzen gerne, das kam uns entgegen. An den Wochenenden musste man sich schon früh anstellen, so um 22.00 Uhr, die Lokale wurden übervoll. Einige boten offiziell "con vicios" (mit Laster) an, welches der Laster das war, ließ sich denken, wir haben es nicht ausprobiert. Zu trinken gab es allemal genug, auch hier kam nicht ein Glas mit Schnaps auf den Tisch sondern die ganze Flasche Schnaps. Dazu Säfte in Dosen, auch Cola und ein Kübel mit Eis. Am Nebentisch haben wir einmal beobachtet, wie ein junges Paar ohne Anstrengung eine Flasche Tequila gemeinsam leerte. Dann konnten die immer noch tanzen. Und wie! Salsa, Merengue, Tango waren beliebt, regelrechte Meistertänzer gab es. In unser Lieblingslokal kam ab und an ein älterer Herr, distinguiert-altertümlich gekleidet, der war der Crack, die Damen rissen sich um ihn. Und er führte sie mit komplizierten Schrittfolgen gekonnt über die Fläche, die leer wurde um ihm Platz zu lassen und zuzuschauen. Einmal ging ein junger Mann zu ihm, machte eine Verbeugung und bat um einen Tanz für seine Freundin. Tanzen war Kunst, natürlich auch Anmache, dafür sorgte der Diskjockey und die Lichtorgel. Vom ersten Stock führte eine breite Treppe hinunter, die immer überfüllt war. Als Abkürzung und Männervergnügen führte eine Feuerwehrstange geradewegs auf die Tanzfläche. M benutzte sie öfters - auf der Treppe sei Gegrabsche sagte sie und außerdem sei die Stange eine sportliche Herausforderung - und handelte sich begeisterte Pfiffe ein. Bei mir pfiffen sie nie. Als Bürgermeister Mockus  die Sperrstunde für Alkohol ab 1:00 Uhr Nachts einführte, seine "Hora zanahoria" (Karottenstunde, ein Wortspiel mit dem weich ausgesprochenen "zana" wie "sana" und gesund meinte), um den Alkoholgenuss und die Kriminalität zu drosseln waren sogar wir erst mal dagegen. Mitten in der Nacht hörte der Spaß auf. Und Verwunderung stellte sich ein, als er damit durchkam, Erfolg hatte und geliebt wurde. Die Kriminalität fiel um knapp 20% (bis heute über 40%). Diese Bogotaner!  

Gut feiern konnte man mit ihnen. Bis ungefähr Mitternacht. Dann kamen die Geschichten, die traurigen. Jeder, aber auch jeder, hatte sie in seiner Familie, die Entführungen, Ermordungen, Vertreibungen.  Und dann kam es ihnen hoch, wie der Opa vor Tagen gefangen wurde, die Straße, an der seine Wohnung lag, hatten sie oben und unten gesperrt, nahmen jeden mit, der nach Geld aussah, mitten in der Stadt. Andere waren in eine der berüchtigten "pescas milagrosas" geraten, jener süffisant  bezeichneten "wundersamen Fischzüge", bei der die Landstraße nach einer Kurve, möglichst an steilen Berghängen mit Fahrzeugen geschlossen wurde, bewaffnete Guerilla oder gemeine Räuber überall, die Fahrzeuge kontrollierend, systematisch nach Reichen suchend, sogar Datenbanken auf Laptops im Einsatz mit Dateien aus Finanzkatastern (geklaut, erschwindelt, erkauft), ihre Beute abführten, die anderen fahren ließen. Oder vom Bruder, der über ein Jahr verschwunden gewesen, von der Familie verzweifelt gesucht, alle Forderung  nach Lösegeld erfüllend und dann doch erfuhr, er sei ermordet aufgefunden. Eine Geschichte schlimmer als die andere. Die Abende endeten traurig, wir fuhren eingeschüchtert und ängstlich nach Hause.

Kolumbien - 12FESFür Dienstfahrten hatte ich Juan Carlos, einen großen, stattlichen Mann der als Personenschützer durchgehen mochte, was er nicht war, er kannte sich aus, wusste immer, wo es gefährlich werden könnte, besonders auf Fahrten über Land war das von unschätzbarem Vorteil. Wie er an die Informationen kam, ist mir immer ein Rätsel geblieben, anscheinend gab es ein informelles Informationsnetz. Immer wenn er konnte nahmen wir ihn abends zu privaten Verpflichtungen mit, bezahlten in privat. Er strahlte Sicherheit aus. Aber auch bei privaten Festen in unserer Wohnung war er hilfsbereit zum Stühle und Tische rücken und Luftballons aufblasen. Dann lief sein Gesicht rot an vor Anstrengung, so stark wie er aussah war er nicht. Juan Carlos mochte uns und wir ihn.

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windows live support 08/01/2014 15:07

A person with a good attitude does make sure they are always prepared for the worst and is selfless for the people. This is indeed a good achievement and is sure to be impressive when people know about this.

REinloft 08/01/2014 16:15

Thanks for your comment. Greetings R

träumerin 03/31/2010 21:42



Zum Glück hattet Ihr Juan, wer weiss ob Ihr sonst so viel Spass und Gelegenheiten zum Erfahren von wahren Geschichten
gehabt hättet


Schade das in eigentlich so tollen Gegenden die Armut zu so viel Kriminalität führen muss und es so traurige Geschichten gibt die fast jede Familie als Schiksal zu haben scheint.


Schade !


Ansonsten hoffe ich Ihr geniesst den Frühling und habt Ostern volles Programm !


Liebe Grüsse aus der sonnigen Schwiiz



R.Einloft 04/01/2010 12:10



Grüße zurück in die Schweiz, hoffe, die Sonne hält an. Wir sind auf dem Weg nach Italien erst mal in Nürnberg gelandet. Wetterbericht verheist nichts Gutes. Mal sehn, was wir machen.


Heute kommt die Fortsetzung von Kolumbien, nicht nur trauriges gabs da. Es ist wie es ist. Juan Carlos in der Tat war ein Schutzengel.


Bestens RE



Sebastian Stemmer 03/31/2010 21:38



Danke für deinen ausführlichen Bericht. Das Essen sieht aber wirklich richtig richtig lecker aus!!



R.Einloft 04/01/2010 12:11



Das ist Bohnenmuß (scharf), Reis, Spiegelei und Avocado. Bis heute eines unserer Lieblingsessen


Gruß RE