Letzte Artikel

Vollständige Liste
Sunday, 28. march 2010 7 28 /03 /März /2010 14:47

Essen konnte man gut in Kolumbien, vorausgesetzt man liebte deftige Kost. Eine kulinarische Spezialität der Hauptstadt ist die "Ajiaco Santafereño“, einer kräftigen

SKolumbien - 12uppe aus verschiedenen Sorten von Kartoffeln, mit Hühnerfleisch, Maiskolben und einer Mischung aus Franzosenkraut (Guasca) besteht. Sie wird mit Kapern und frischer Sahne serviert. Auch exotische Spezialitäten sind zu finden wie die Blattschneiderameisen, deren Weibchen mit besonders großem Bauch gegrillt als Leckerbissen und Aphrodisiakum angeboten werden. Hab ich nie probiert. Fleisch war ansonsten Hauptnahrung. Gegrillte Steaks so groß wie Teller, dazu ein Maiskolben, ein wenig Guacamole (Avocadocreme) und Schnaps. Der wurde in Flaschen serviert, geringste Menge eine halbe. Zusammen mit Sangrita ließ er sich trinken, begleitete die Fleischorgie elegant. Gott sei Dank hatten wir es nicht weit nach Hause, die Straße war gerade und die Polizei unsichtbar.                

Kolumbianer tanzen gerne, das kam uns entgegen. An den Wochenenden musste man sich schon früh anstellen, so um 22.00 Uhr, die Lokale wurden übervoll. Einige boten offiziell "con vicios" (mit Laster) an, welches der Laster das war, ließ sich denken, wir haben es nicht ausprobiert. Zu trinken gab es allemal genug, auch hier kam nicht ein Glas mit Schnaps auf den Tisch sondern die ganze Flasche Schnaps. Dazu Säfte in Dosen, auch Cola und ein Kübel mit Eis. Am Nebentisch haben wir einmal beobachtet, wie ein junges Paar ohne Anstrengung eine Flasche Tequila gemeinsam leerte. Dann konnten die immer noch tanzen. Und wie! Salsa, Merengue, Tango waren beliebt, regelrechte Meistertänzer gab es. In unser Lieblingslokal kam ab und an ein älterer Herr, distinguiert-altertümlich gekleidet, der war der Crack, die Damen rissen sich um ihn. Und er führte sie mit komplizierten Schrittfolgen gekonnt über die Fläche, die leer wurde um ihm Platz zu lassen und zuzuschauen. Einmal ging ein junger Mann zu ihm, machte eine Verbeugung und bat um einen Tanz für seine Freundin. Tanzen war Kunst, natürlich auch Anmache, dafür sorgte der Diskjockey und die Lichtorgel. Vom ersten Stock führte eine breite Treppe hinunter, die immer überfüllt war. Als Abkürzung und Männervergnügen führte eine Feuerwehrstange geradewegs auf die Tanzfläche. M benutzte sie öfters - auf der Treppe sei Gegrabsche sagte sie und außerdem sei die Stange eine sportliche Herausforderung - und handelte sich begeisterte Pfiffe ein. Bei mir pfiffen sie nie. Als Bürgermeister Mockus  die Sperrstunde für Alkohol ab 1:00 Uhr Nachts einführte, seine "Hora zanahoria" (Karottenstunde, ein Wortspiel mit dem weich ausgesprochenen "zana" wie "sana" und gesund meinte), um den Alkoholgenuss und die Kriminalität zu drosseln waren sogar wir erst mal dagegen. Mitten in der Nacht hörte der Spaß auf. Und Verwunderung stellte sich ein, als er damit durchkam, Erfolg hatte und geliebt wurde. Die Kriminalität fiel um knapp 20% (bis heute über 40%). Diese Bogotaner!  

Gut feiern konnte man mit ihnen. Bis ungefähr Mitternacht. Dann kamen die Geschichten, die traurigen. Jeder, aber auch jeder, hatte sie in seiner Familie, die Entführungen, Ermordungen, Vertreibungen.  Und dann kam es ihnen hoch, wie der Opa vor Tagen gefangen wurde, die Straße, an der seine Wohnung lag, hatten sie oben und unten gesperrt, nahmen jeden mit, der nach Geld aussah, mitten in der Stadt. Andere waren in eine der berüchtigten "pescas milagrosas" geraten, jener süffisant  bezeichneten "wundersamen Fischzüge", bei der die Landstraße nach einer Kurve, möglichst an steilen Berghängen mit Fahrzeugen geschlossen wurde, bewaffnete Guerilla oder gemeine Räuber überall, die Fahrzeuge kontrollierend, systematisch nach Reichen suchend, sogar Datenbanken auf Laptops im Einsatz mit Dateien aus Finanzkatastern (geklaut, erschwindelt, erkauft), ihre Beute abführten, die anderen fahren ließen. Oder vom Bruder, der über ein Jahr verschwunden gewesen, von der Familie verzweifelt gesucht, alle Forderung  nach Lösegeld erfüllend und dann doch erfuhr, er sei ermordet aufgefunden. Eine Geschichte schlimmer als die andere. Die Abende endeten traurig, wir fuhren eingeschüchtert und ängstlich nach Hause.

Kolumbien - 12FESFür Dienstfahrten hatte ich Juan Carlos, einen großen, stattlichen Mann der als Personenschützer durchgehen mochte, was er nicht war, er kannte sich aus, wusste immer, wo es gefährlich werden könnte, besonders auf Fahrten über Land war das von unschätzbarem Vorteil. Wie er an die Informationen kam, ist mir immer ein Rätsel geblieben, anscheinend gab es ein informelles Informationsnetz. Immer wenn er konnte nahmen wir ihn abends zu privaten Verpflichtungen mit, bezahlten in privat. Er strahlte Sicherheit aus. Aber auch bei privaten Festen in unserer Wohnung war er hilfsbereit zum Stühle und Tische rücken und Luftballons aufblasen. Dann lief sein Gesicht rot an vor Anstrengung, so stark wie er aussah war er nicht. Juan Carlos mochte uns und wir ihn.

Kommentar hinzufügen - Kommentare (2)ansehen
Zurück zur Startseite
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum - Artikel mit den meisten Kommentaren