Artikel teilen! (45) Leben in Bogota II: Feste feiern bei uns war beliebt, mag sein, dass die Atmosphäre ungezwungener war in der anderen ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Feste feiern bei uns war beliebt, mag sein, dass die Atmosphäre ungezwungener war in der anderen Umgebung. Sie kamen alle
gerne, die Freunde und Kollegen. Zumeist gab es mexikanisch mit Tortillas, Hähnchenfleisch, scharf gebratenen Hack, Salaten, Bohnenpüree. Letzteres, sagten sie, bitte nicht so scharf,
seltsamerweise liebten die Kolumbianer das Essen milde, ganz ungewohnt in Lateinamerika. Dann machten wir zwei Töpfe, einen sehr scharf für die Eingeweihten, einen für die sanften. Seltsamerweise
waren zum Schluss immer beide Töpfe leer.
Dann standen sie in der Küche,
redeten, lachten, aßen. Und anschließend Tanz im Esszimmer zwischen den besagten, von Juan Carlos mühsam aufgeblasenen Ballons. Im großen Kreis im Wohnzimmer bildeten sich Grüppchen und manchmal
wurde gesungen, sie hatten Gitarren, manchmal auch eine Harfe dabei, Schlag- und Rasselinstrumente hatten wir selber, Solisten schmetterten mit
Operngesten dazwischen, große Gelächter beendete die Sessions. Und durch die Glaswand schimmerte die Stadt.
Karneval gab es nicht in Bogota. Hier rannten sie zur Arbeit auch in der lustigen, überall in Südamerika gefeierten Zeit. Warum sie wohl immer rennen? Im Norden, an der Küste, da ist das anders. Da bewegen sich die Menschen schön langsam. Und feiern wenn sie können.
Auf meinem Tisch liegt eine Maske. Nur eine kleine. Es ist ein Stierkopf aus Holz, innen hohl und vorne bunt angemalt. Rote, gelbe, grüne und blaue Streifen ziehen sich vom Kopf auf die Schnauze zu. Den benutzt man im Karneval an der Küste. Nicht so klein, natürlich nicht. Auch Tigerköpfe. Gemacht werden die aus Pappmaché. Männer setzten sie sich auf den Kopf, verkleiden sich als Tiere und springen wie die Derwische damit rum. Das kannten wir aus dem Norden Brasiliens. Da heißt es “Bum-ba meo Boi”, hau meinen Ochsen und ist eine ganze Geschichte, die auf den Straßen gespielt wird. Den Boi, den Ochsen, spielt ein junger Mann, auf dem Kopf die Maske mit Hörnern und Bändern, nacktem Oberkörper, Stoffkleid mit langen Schwanz. Und dann gibt es noch den reichen Haciendeiro, dem die Farm und der Ochse gehört und die Doña Catarina, das ist die Frau des Gutsverwalters und die will die Zunge vom Ochsen. Capitão de Mato, ein dusseliger Dorfpolizist und der schusseliger Arzt vervollständigen die bekannten Honoratioren in den kleinen Orten über die sie sich beim Karneval lustig machen. Und dann hupfen noch die Vaqueiros rum, die Cowboys und Banditen und ein Blasorchester spielt schrill und Indianer dürften auch nicht fehlen. Die Frage ist, kriegt die Frau Catarina nun ihre Ochsenzunge? Irgendwann plumpst der Ochse um und der schusselige Doktor soll ihn wieder lebendig machen. Es geht drunter und drüber und alles feiert und tanzt und singt und trinkt und manchmal geht die Geschichte auch ganz anders. Ähnlich wird es meinem Ochsenkopf auch im Norden von Kolumbien ergehen.
Ein anderer lustiger Karnevalsbrauch ist, die Leute mit Wasser voll zu schütten und mit Mehl zu bestreuen. Wassereimer werden in Busse entleert, Tüten Mehl hinterher, aus Fenstern fallen Wasserbomben auf Fußgänger, mit Schläuchen werden vorbeikommende, die nicht schnell genug rennen, durchnässt und alle lachen sich kaputt, Täter wie Opfer. Das kannten wir aus Ecuador, war uns in einem Andenort, 3000 m hoch und kalt passiert. Bei jeder Wasserattacke bekam man einen Schnaps, zur Hälfte durch die Stadt waren wir pitschnass und lustig wie die anderen. Auch dort waren Wasserbomben beliebt, um sie in Autos und Busse zu schmeißen.
Eine andere Art, nämlich Kartoffelbomben lernte ich in Bogota kennen. Studenten der Universität gaben sich als Stadtguerilla aus, provozierten die Staatsmacht, gefielen sich in Stärke beweisen und waren doch nur wirkungslose Plagiate ihrer tödlichen Vorbilder mit den hehren sozialen Zielen, mittlerweile abgestürzt in kriminelle Taten . Die Taktik der Stadtguerilla bestand darin, die große, viel befahren Straße vor der Universität zu räumen, Chaos bis zum Zusammenbruch des Verkehrs bis weit in die Innenstadt zu erzeugen. Schläge explodierender Bomben begleitet von einem infernalen Hupkonzert schreckten mich eines Vormittags im Büro auf, ein Block von der Universität entfernt. Sie räumen die Straße mit Kartoffelbomben, sagte Juan Carlos, bleiben sie hier, es ist gefährlich. Wie geht das? Kartoffel werden ausgehöhlt, Sprengstoff kommt rein und Alufolie drum herum. Das wollte ich sehen. Alle Türen der Universität waren geschlossen, wie eine Burg wirkte sie. In Abständen kamen vermummte Leute heraus, 6, 7, 8 in hohem Bogen flogen die Bomben auf die Straße, knallten wie Granaten. Im Nullkommanichts war die sechsspurige Fahrbahn leer. Und dann kontrollieren sie, schritten die Fahrbahn ab wie Sieger, und wenn sich ein Auto näherte oder wenn Zuschauer zu nahe kamen, warfen sie ihre Bomben in deren Richtung. Fensterscheiben klirrten und gingen zu Bruch, Menschen flohen wie wild. Die Typen sahen aus wie die Bösen aus dem Film “Starwars”. Dick ausgepolstert und eingemummt (falls ihre Bomben neben ihnen explodieren), hohe Dreieckskapuzen machten sie größer, und schwarze Masken verdecken die Gesichter. Sie erinnerten an den Tod. Eine Stunde hat es gedauert, ein Bus ging in Flammen auf, Autos wurden beschädigt, Menschen Gott sei Dank diesmal nicht. Dann kam die Polizei durch, die im Stau feststeckte. Sie zogen sich zurück in die Universität, traditionell Schutzgebiet, ohne richterlichen Befehl darf die Staatsmacht nicht hinein. Und eine Mauer von "normalen" Studenten bildete zusätzlich einen Schutzwall. Solidarität gegen den verhassten Staat mit jedem Kämpfer gegen ihn schlug durch. Dass einzig die Bevölkerung darunter litt schien minderrangig.
Da sehnte ich mich zurück zu den recht friedlichen Studentenmärschen in Deutschland.