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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(47) Kolumbien: Besuch beim Häuptling

7. Mai 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

Bogota den 31. Juli 1998

 

Anden KolumbienFliegen gefiel mir nicht mehr. Aber nach Valledupar, am Rand der kolumbianischen Ost- Kordilleren, fast an der Küste, da kam man nur schwer mit dem Auto hin. Also musste ich fliegen. Das Flugzeug hüpfte und sprang durch die Luftlöcher und mein Seeelchen auch. Als wenn es sich lustig machen wollte über mich. Und dann dotzte die kleine Maschine auf, schlitterte ein wenig und wir waren da. Brüllende Hitze empfing uns. Der Ort liegt auf einer Hochebene mit Bergen rundherum. Ein alter Jeep wartete mit einem noch älteren Fahrer. Der machte ein unfreundliches Gesicht und fuhr auch so. Mit Vollgas ging es durch die Ebene, am liebsten links und wenn ein Fahrzeug entgegenkam, dann kurbelte er erst kurz davor scharf nach rechts.

 

Dann ging es in die Berge. Die asphaltierte Straße wurde immer schlechter, wurde zu einer kurvenreichen Sandpiste die unser Fahrer mit Karacho durchfuhr. Seine Hupe warnte meilenweit die Autos, Mulas und Leute auf dem Weg. Pueblo Bonito, der "hübsche Ort", war die erste Station. Hübsch war es da aber nicht. Am Eingang eine Militärkaserne, jungen Soldaten saßen auf der Mauer, hielten ihre Gewehre in die Gegend. Von uns wollten sie wissen, wohin und wozu und warum. Sie sind hierher versetzt worden, sagte unser Begleiter, der uns abgeholt hatte, sie haben Angst, die Guerilla sitzt in den Bergen. Wir brauchen keine Angst zu haben, uns tun sie nichts, weil sie für die armen Leute kämpfen, sagte er. Und Sie sind eingeladen, helfen uns, das weiß die Guerilla. Hoffentlich. Deren Methoden hatten sich verändert, Entführung als Einkommensquelle gehörte dazu.

 

KaffeebohnenZiel meines Besuches war die Kooperative. Mit unserem Projekt hatten wir sie an das TransFair-System angeschlossen, mit dem Kaffee ohne Zwischenhandel von den Kleinbauern nach Europa exportiert, professionell gebrannt und in Supermärkten verkauft wird. Er ist ein wenig teurer, aber die Mehrkosten sind garantierte Einnahmen der Kleinbauern, die ansonsten abhängig sind von Zwischenhändlern und schwankenden Markpreisen.

 

Die Bauern kamen mit ihren Mulas und zu Fuß aus den Bergen. Die meisten waren Indios, einige waren Colonos, Siedler. Die Indios hatten weiße Stoffumhänge an bis zu den Knien. geschnürt von einem breiten Gürtel aus dünnen Seilen. Manche hatten Cowboyhüte auf, manche Hüte wie halbe Kürbisse. Fast alle hatten lange Haare, Stofftaschen umgehängt, manche mehrere davon, die Machete an der Seite. In den Taschen hatten sie alles, was sie täglich brauchten. Schon die kleinen Kinder haben Taschen um und Macheten an der Seite. Kleine Macheten natürlich.

 

In der Versammlung haben sie uns viel erzählt. Indios erzählen Geschichten. Das war gut, da verstand ich viel mehr. Ich erzähle ja auch gerne Geschichten.

 

Da habe ich ihn kennen gelernt, den Häuptling. Er war nicht von dem Stamm der einheimischen Bauern, kam aus dem Süden des Landes. Klein war er, hatte ein Gesicht wie ein Frosch, kaute Blätter, die aus der dicken Unterlippe herausragten. Lange Zeit war er Chief aller Indios in Kolumbien, hatte die Welt bereist als ihr Vertreter, war in Deutschland und Australien, Dänemark, den USA und anderen Ländern gewesen. Vor 10 Jahren, als sein Stamm beschloss, auf den Kriegspfad zu gehen, war er dagegen. Er trat zurück, zog in den Norden, in die Berge an der Sierra Nevada, den schneebedeckten kolumbianischen Kordilleren. Und baute diese Kooperative auf mit seinem Wissen, dass Zusammenschluss wichtig ist. Gemeinsamkeit macht stark. Sein ehemaliges Volk ist dann doch nicht auf den Kriegspfad gezogen.

 

 

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