Artikel teilen! (49) Kolumbien im Tagebuch: Es war ein Scheiß- Auftrag, den die Zentrale mir da aufgebrummt hatte. Allein in das kalte, verregnete Bogota zu wec ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Es war ein Scheiß- Auftrag, den die Zentrale mir da aufgebrummt hatte. Allein in das kalte, verregnete Bogota zu wechseln, wenn man aus Rio kam, war eine Zumutung. OK, ich kannte das Projekt, war zuständig gewesen von Bonn aus und nun war es in Schwierigkeiten. 500 000,- Dollar Schulden hatte der Vorgänger hinterlassen. Nein, er hatte das Geld nicht veruntreut. Im Auftrag der Regierung sollten wir die staatliche Förderpolitik der Klein- und Mittelindustrie verbessern. Dazu war ein neuer, partizipativer Ansatz entwickelt worden, der wurde im Praxisversuch mit Kleinunternehmern im ganzen Land erprobt und nun war die zuständigen Regierungsabteilung mit dem Vorgehen nicht einverstanden und verweigerte die Anerkennung und Auszahlung der Beträge, die wir an Personal- und Projektkosten vorgestreckt hatten. Das auszubügeln und auszugleichen bedeutete Stress.
Die FES hatte zwei Büros in Bogota, die zu
unterschiedlichen Abteilungen in der Zentrale gehörten und im selben, hochherrschaftlichen, an eine Südstaatenvilla erinnernden Haus residierten: das politische Projekt mit Seminaren und
Beratungen für Politiker und Zivilgesellschaft, geleitet von einem Kollegen und das Wirtschaftsförderprojekt, das ich übernahm. In der Zentrale deutete sich die Übernahme meiner Abteilung durch
die "politische" an. Neuer Stress, denn mit diesen Kollegen konnte ich nicht, sie dachten, redeten und handelten politisch-strategisch (was immer das auch war), ich war Praktiker, verstand sie
nicht, wollte auch nicht. Das konnte heiter werden.
Angenehm waren die Mitarbeiter. Freundlich, kooperativ und kompetent repräsentierten sie die "guten" Kolumbianer. Wir sollten viele von ihnen kennen lernen. Das mit dem Mord und Totschlag war so ähnlich wie in Rio: mit den Verbrechern kam man selten in Kontakt, die normalen Menschen waren nett.
Erschreckend mein Tagebuch. Vieles hatte ich vergessen, jetzt kommen sie wieder, die deprimierenden Lebensumstände mit Mord und Totschlag an der Tagesordnung, die Zweifel, ob das, was ich tue, irgend eine positive Wirkung hat, der Suche nach Sinn, der gerade in der Arbeit drohte, verlustig zu gehen, den dauernden Krankheiten. Und über allem das ewig schlechte Wetter.
26.8.1997
Schon 1/2 Jahr in diesem Land, das ich nicht verstehe. Es deprimiert. Kolumbien führend in Korruption (3. Platz weltweit), Menschenrechtsverletzungen, Mord und Totschlag, Drogenhandel. Soziale Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Schneller Reichtum ist gefragt
1.9.1997
Hab Herzschmerzen, fühle mich diffus, musste mich gestern hinlegen
1/12. weniger Arbeitszeit beantragt. Ein Monat mehr Urlaub ist mehr wert als volles Einkommen. Bleibe trotzdem sehr gut verdienender.
3.9.1997
Präsident Samper verkündet die Wiedereröffnung des Dialogs mit der Guerilla und lädt zu Friedensgesprächen ein. Das ist die erste Kontaktaufnahme seit 1995. Als Kondition stellt er die schwammige Bedingung der Friedensbereitschaft. Wie will er die messen? Die Militärführung bekräftigt, es müsse sicher gestellt sein, dass die Guerilla niemals den Krieg gewinnen kann. Sollen die "Friedensgespräche" dazu beitragen?
8.9.1997
Das Team ist Klasse. Besonders der nationale Projektleiter, den ich eingestellt hatte. Kein Wunder, er war mal zuständig im Ministerium, kennt seine Pappenheimer
und die Tricks. Nach einem Jahr Arbeit mit Praxis, endlosen Treffen, Erklären, Umdefinieren, Konzeptändern (neues Kleid im alten Kern) haben wir keine Schulden mehr, alles akzeptiert, über 400
000 $ ausgeglichen. "Vertrauensbildende Maßnahmen" nennt man das , manchmal war es hart. Den Rest kriegen wir auch noch. Es wird ein neues staatliches Gesetz geben, unser Konzept wird da
eingehen. Wenn das kein Erfolg ist!
Wir feiern. In der Zentrale
interessiert das offenbar niemand