Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(49) Kolumbien im Tagebuch II

19. Mai 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

 20.10.1997

Überlege, wie unsere Arbeit im Problemmix von Kolumbien ausgebaut und wirksam sein kann. Der destruktiver Kreislauf der Gewalt hemmt die Wirtschaft, vernichtet Arbeitsplätze, lässt neue nicht entstehen. Besonders schlimm sind die mangelnden Zukunftschancen für Jugendliche. Notwendig deshalb Programme, die helfen, das ökonomische Ungleichgewicht zu verkleinern, die helfen, Jugendlichen eine Lebenschance zu vermitteln, Demokratie an der Basis förderten.

Da setzen wir an. Neben den laufenden Projekten zur Förderung der Kleinindustrie will ich die Gemeindeförderung einführen. Das kenne ich aus Brasilien. Beratung leisten zu Finanzwesen, Planung (Einführung der strategische Planung unter Einschluss der Bevölkerung), Verbesserung des Managements der Verwaltung, Beschäftigungsförderung, kommunale Wirtschaftsförderung also. Damit das Ganze nachhaltig, nicht nur von uns praktiziert wird, muss dieses Konzept in staatlichen Gemeindefördergesetzen verankert werden. Das wird dann die politische Arbeit sein.

Hört sich alle ganz gut an. Problem ist das Beharrungsvermögen des Althergebrachten.

 

26.1.1998

Die neuesten Statistiken zeigen Kolumbien am Ende der Skala der ökonomischen Indikatoren aller lateinamerikanischer Länder. Und das bei einem Land, das in der Dekade davor als Zugpferd fungierte und nun von traditionell und potenziell ärmeren Ländern überholt wird. Bei den Verbraucherpreisen ist es das 4. teuerste Land, das Bruttosozialprodukt landet auf dem 16. Rang (von 19), die konstante Preissteigerung von 20% weist auf ein Land, dass die Inflation nicht bekämpfen kann (oder will). Resultat dieser defizitären Wachstums und Inflationspolitik ist ein hohes Arbeitslosenniveau von 13% - ein irreführendes Datum, denn ca. 54% der Menschen fristen ihr Leben in der unzureichenden Einkommenssituation des informellen Sektors (die werden nicht eingerechnet, sie sind offiziell selbständig). Man kann davon ausgehen, dass nur 10% von ca. 11 Mio Beschäftigen (bei einer Gesamtbevölkerung von fast 40 Mio.) ein stabiles und ausreichendes Einkommen haben.

Die ökonomische Talfahrt wird verstärkt durch Inkompetenz und Korruption, auch hier nimmt das Land einen führenden Rang in der Welt ein. Die Skala der Möglichkeiten reicht von der politischen Vergabe von Posten, oft sitzen inkompetente Leute da, tun nichts oder das Falsche bis hin zur gebräuchlichen offenen Hand für Leistungen, die nichts kosten dürfen.

Donnerstag 9.00 Uhr: Termin im Ministerium, 4. Stock, Arbeitszimmer des Minister. Misstrauen dominiert. Was haben die Kollegen früher nur gemacht? Sind sie zu selbständig, vielleicht auch arrogant gegenüber dem eigenen Staat aufgetreten? Das ist eine Haltung, die mir oft begegnet, verständlich ist. Der Staat ist ein Gegner, der nur für seine Leute sorgt. Wir aber arbeiten mit ihm zusammen, wollen ein Ziel erreichen nämlich der Veränderung der Wirtschaftspolitik für kleinere Unternehmern, also müssen wir kooperieren. Zum Glück habe ich fähige neue Mitarbeiter. Wir schaffen das.

 

8.3.1998

In Kolumbien ist das Tabu des Todes aufgebrochen, der Tod wird banalisiert. Erst Massaker scheinen Pressemeldungen wert, Einzelmorde finden nur bei berühmten Menschen eine Erwähnung. Im Heimaturlaub in Deutschland aufgefallen: alle Zeitungen voll von einem Mord mit der Axt. Das wäre in Kolumbien höchstens eine Randnotiz.

Der Bürgermeister heißt Aurelius Rutensis Antanas Mockus Šivickas. Was für ein Name. Er hat Clowns auf die Straße geschickt um den Verkehr zu beruhigen, Radwege bauen lassen, Finanzen saniert, Sperrstunden erlassen, um Morde zu reduzieren - und hat Erfolg. (Heute (2010) lese ich, dass er, der Alternative, Grüne, als Kandidat für die Präsidentenwahl Ende Mai in den Umfragen vorne liegt. Das wäre ein Ding!)

 

o. Dat. 1998

Jeden Tag werden in Kolumbien 87 Personen ermordet, 127 verwundet, 204 überfallen, 79 Autos geklaut, 2 Banken ausgeraubt, 5 Leute entführt und 8 Autofahrer auf Straßen beraubt. Die Meinung, dies alles käme von den Auseinandersetzungen zwischen Guerilla, Militär, Drogenhändlern und Paramilitärs ist falsch. Nur 20% der registrierten Delikte (es gibt mit Sicherheit weitaus mehr) sind kriegerischen Auseinandersetzungen zuzuordnen. Der Rest ist gemeine Kriminalität. In einem kriminellen Umfeld steigt sie.

Paras werden sie genannt, die Paramilitärs. Entstanden als Privatarmee der Großgrundbesitzer zu ihrem Schutz gegen Guerilla, Enteignung und Besetzung hat sie Mörderbande selbständig gemacht, wird vom Militär unterstützt, entvölkert ganze Landstriche, tötet, marodiert. Macht die Drecksarbeit, die nicht offiziell werden soll.

 

 

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post

Andreea 05/19/2010 23:21



Heute war ja was los!



R.Einloft 05/21/2010 13:19



Ja, kann man so sagen. Es wird besser. Mit mir uns Kolumbien.


Gruß RE