Artikel teilen! (49) Kolumbien im Tagebuch III: 18.4.1998 Edwardo Umaña Mendoza ist ermordet worden. International bekannt als Jurist und Menschenrech ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
Hier gehts zurück zum Anfang: -------------->Erste
Seite
Edwardo Umaña Mendoza ist ermordet worden. International bekannt als Jurist und Menschenrechtler war er oft bei uns, hat an Veranstaltungen teilgenommen, sie geleitet. Es ist furchtbar, letztens richtet sich die Welle der Gewalt gegen Menschenrechtler. Sie werden gezielt umgebracht. Einige glauben, die Handschrift des Mordes ist die der Militärs. Amnesty International beschuldigt sie, die Mehrheit der Menschenrechtsverletzungen zu begehen. Ob Narco, Guerilla, Militär, Paras, wenn sie auftauchen, tauch ab - wenn du kannst. Dieselbe Mordsbande.
Später
ein Elitesoldat hält Wache vor dem Büro der Präsidentschaftskandidatin gegenüber. Weiße Handschuhe, weiße Paradeuniform, weißen Gamaschen und Schnellfeuergewehr. Ob der wohl einen Überfall verhindern kann? Ich fürchte mich.
April 1998
Präsidentenwahl, die Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Die Konservativen werden´s wohl wieder machen, auch wenn die Liberalen den Wechsel reklamieren, sie wollen mal wieder an die Fleischtöpfe. Wenig für das Land, mehr für die eigene Klientel ist das Motto beider Parteien. Es ist eine Demokratie der Eliten. Keine Änderung in Sicht.
Schlecht ging mir´s. War passiert was passieren musste nach der Auflösung meiner Abteilung, mein Projekt sollte integriert werden. Überleg mal, wie das gehen kann, war die Order de Mufti. Du wirst 2. Chef, deine Arbeit Teil der politischen. Sollte ich jetzt labern lernen? Die praktischen Ansätze reduzieren? War so wütend, auf dem Weg nach Hause im Auto gebrüllt. Werd mich und meine Überzeugung, wie Entwicklungszusammenarbeit aussehen soll, sauer verkaufen. Kostet Nerven.
5.9.-12.9.1998
Regionaltreffen in Mexiko.
War letztens in Mexiko. Am Samstag Abend wohlbehalten und glücklich bei M angekommen nach einer weiteren Odyssee. Abfliegen sollte das Flugzeug um 8:00 von Mexiko Stadt, vor 6:00 am Flughafen, hoffend, ich wäre, wenn ich selbst eher da bin, auch eher bei M. Pustekuchen. Der Mann am Schalter informierte, wegen eines Unwetters in San José sei das Flugzeug erst jetzt in Costa Rica gestartet, mit dem Rückflug nicht vor dem späten Nachmittag zu rechnen. Mein Anschlussflug um 11:00 war weg. Über Miami könnte ich fliegen, Ankunft in Bogotá so gegen 20:00, 1/2 Tag später, aber genau wisse man das nicht. Den Morgen hab ich lesend im Flughafen verbracht, schön dass ich einen Krimi von Wetering dabei hatte. Die „Ölpiraten“ spielen in der Karibik und die Everglades und Key West kommen darin vor. Und im Landeanflug nach Miami genau darüber geflogen, schon Irre das. Dickärschige Amiweiber haben uns durch lange Gänge geführt, erst hin, dann wieder zurück, aber wenigstens mussten wir nicht durch den Zoll. Die Amis kontrollieren jeden Zacken vom Kamm. Warum eigentlich sind die Damen hinten so mächtig und vorne können sie ganz ansprechende junge Gesichter tragen? Big Mac lässt grüßen, glaub ich, oder? Ich kanns nicht fassen. Irgendwann war die Maschine auf dem Weg nach Bogota kam näher und näher und dann war da die M und dann war ich wieder zu Haus.
War interessant die Woche. Es ging um die sogenannte 2. Staatsreform, nachdem die erste die wirtschaftliche Öffnung geschafft, die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer gemacht hat - kann man eigentlich ärmer werden als arm? Kaum, aber bei dem Spiel wurden noch mehr Leute ärmer. Deshalb, so die Theoretiker, muss jetzt die 2. Welle her. Wir brauchen, sagen sie, einen schlanken, leistungsfähigen Staat. So, so, in Kolumbien brauchen sie die Posten für ihren Anhang und um zu schmieren. Die Weltbank war da und Wissenschaftler aus Deutschland und Lateinamerika.. Auch der Bremer SPD-Vorsitzende Alberts, seines Zeichens Mitglied der SPD-Grundwertekommission und ehemaliger Stamokap-Theoretiker. Jetzt verteidigt er den Rheinischen Kapitalismus. Das ist der vom dicken Erhard. Ich hab ihm gesagt, der hätte auch negative Ergebnisse gezeugt. Da war er beleidigt. Wo sie doch so viel tun und nichts als dynamisch sind. Besonders die SPD regierten Länder.
Für mich ist es schlimm, von M wegzumüssen und wie immer hätte ich lieber die Veranstaltung abgesagt, wäre in Bogota geblieben. Interessant war es schon, all diese big shots zu hören. Ich scheine einer der wenigen Skeptiker zu sein. Forderungen nach Liberalismus, schlankem Staat rütteln in Lateinamerika an den realen Machtverhältnisse. Klientelismus, braucht Posten und Pfründe zum Verteilen.
Verwunderlich in dieser SPD-nahen Stiftungsrunde die vielen Neoliberalen. Da sehe ich mich manchmal gezwungen, gegen zu halten. Oben und unten, Machtanspruch und Herrschaft einer dünnen Eliteschicht gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung gerät aus dem Blickwinkel, wenn die Lösung im schlanken, effizienten Staat gesehen wird. Und das halte ich für falsch. Einige haben mir gesagt, dass sie es gut finden, was ich vorbringe, sie selbst würden es nicht mehr wagen. Es tut gut, obwohl, ich kann nicht gut argumentieren. Die meisten können reden wie ein Buch.
Ich gehöre nicht zur Mehrheit dieses Haufens, sehe die Einflussmöglichkeit der Stiftung geringer an. Mit oder ohne uns läuft die Geschichte exakt gleich weiter. Bei einigen Wenigen können wir was verändern - manchmal. Mein Denken ist asiatisch beeinflusst, auf Veränderung in langen Zeiträumen gepolt. Was strampeln sich die westlich orientierten Macher ab, um an ein Zipfelchen Macht zu kommen - und dann kriegen sie einen Herzinfarkt oder fahren gegen einen Baum oder können das schöne Essen beim Geschäftsfressen nicht genießen. Das kann es nicht gewesen sein. Sicher, manche bleiben auch an der Macht und sonnen sich in ihr. Da muss man wohl so wie Kohl gebaut sein. Die meisten, die ich beobachte, wissen gar nicht mehr, was Leben ist. Sie verwechseln Streben mit Lebensqualität.
Mexico ist eine faszinierende Stadt. Erst mal ist sie groß. Man fliegt und fliegt über sie weg und sieht kein Ende des Häusermeers. Wir waren in der Innenstadt. Kolonialstil vermixt mit
modernen Konstruktionen, die durchweg ansprechend sind. Und dann die breiten Strassen! Alleen mit Bäumen, an jeder Ecke Denkmäler und es sieht manchmal so aus, als wenn der Kaiser Maximilian
gleich mit der Kutsche um die Ecke böge. Viel haben wir nicht gesehen. Wir mussten ja diskutieren um die Welt zu retten.