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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(49) Kolumbien im Tagebuch IV

25. Mai 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

September 1998

Seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Pastrana am 1. August starben bei Überfällen, Bombenanschlägen und Gefechten zwischen Aufständischen und Regierungssoldaten mehr als 400 Menschen.

Kolumbien - 27FESNach einem Jahr Arbeit mit Praxis, endlosen Treffen, Erklären, Umdefinieren, Konzepte Ändern (neues Kleid im alten Kern) haben wir keine Schulden mehr, alles akzeptiert, über 400 000 $ ausgeglichen. "Vertrauensbildende Maßnahmen" nennt man das auf Hochdeutsch, auf Platt sagt man: off de Kney rim gekroche. Manchmal war es hart. Den Rest kriegen wir auch noch. Es wird ein neues staatliches Gesetz geben, unser Konzept wird da eingehen. Wenn das kein Erfolg ist! Wir feiern. In der Zentrale interessiert das offenbar niemand.


28.9.1998

Gestern hat Schröder mit 41% Kohl vernichtend geschlagen. 35% für die CDU, 6,7% Grüne, 6,1% FDP, 5,1% PDS. Die Weichen sind gestellt,  hoffentlich fährt der Zug in die Zukunft. Ich will eine gerechtere, wärmere Welt, geborgen sein!

Schlecht ist mir, hab Pilze, Salmonellen, kleine Tierchen. Und Husten, Bronchien verschleimt. Kopf auch.

Wahlfeier. M freut sich wie eine Schneekönigin.

Trinke zu viel. Wochenende nur noch saufen. Vergessen, verdrängen.

5.10.1998

Pastrana scheint es ernst zu nehmen mit dem Friedensprozess, bietet der Guerilla Gespräche an. In Bucaramanga gehen die Flüchtlinge zurück in ihre Heimat. 3 Millionen sollen es mittlerweile sein.

9.10.1998

Krank. Nicht gut, nicht schlecht. Nach kürzester Zeit müde. Schlafe.

Hillermann: Tod am heiligen Berg: "Die Navajos hatten bei ihrer Wanderung aus der Mongolei und über die vereiste Behringstraße eine andere, viel ältere asiatische Philosophie mitgebracht. Gedanke und Worte, in denen sie Ausdruck finden, beeinflussen das, was die reale Umwelt des Individuums zu sein scheint. Über den Tod zu reden heißt, ihn herbeizulocken. Sich Sorgen zu machen, bedeutet, neue Sorgen heraufzubeschwören". Unsere Metaphysik behauptet dagegen, Sprache und Gedanken spiegelten die reale Umwelt. Und dass wir diese Umwelt wort- und tatgewaltig verändern können. Das haben wir bewiesen -  und zerstören sie. Vielleicht haben die Navajos recht?

15.10.1998

Gestern wieder mal BB, seit vor dem Urlaub nichts. Rauche wenig, trinke wenig. Bronchitis scheint weg zu gehen, Salmonellen auch.

19.10.1998

Kolumbien - 12Freitag und Samstag auf Freund Franklin aus Rio gewartet, er soll seine Erfahrungen aus dem Gemeindeförderprogramm bei einem großen Seminar vortragen. Kommt nicht. Sonntag den Freitag nachgeholt, mit M gefeiert. Im „Portal Antioquenia“ gabs wieder Fleisch mit Schnaps, kaum nach Hause gekommen. Aber weiter feiern konnten wir schon.

 

Und dann kam der Montag, das wichtige Seminar und meine Blamage hoch 2. Du kannst doch portugiesisch, übersetze Franklins Konzept. In freier Rede. Das Auditorium die Reihen hoch sah gespannt auf mich herab - und verstand Bahnhof. Franklins komplizierte Gedanken brachte ich weder auf den Punkt, noch weniger in Spanisch. Bis einer bat, ich möge aufhören. Beteuerungen später, so schlecht sei es nicht gewesen, machten die Sache schlimmer. Ich schämte mich. 

23.10.98

Die neue, "politische" Ausrichtung meines Projektes macht mir zu schaffen. Der Kollege Koordinator ist ein Dynamiker.  Und ich drohe unterzugehen, habe keinen klaren Standpunkt. Politisch arbeiten kann ich nicht ablehnen, auch wenn ich der Praxis den Vorzug gebe. Cepeda Ulloa ist ex. Sowohl Minister als auch Botschafter. Hans kennt ihn aus Washington vom IWF. Mit dem soll ich ein Foro Permanente über Wirtschaftfragen machen. Maria Emma Meja war Kandidatin zur Vice von Serpa, dem Liberalen, der die Präsidentschaftswahl verloren hat. Sie will das Thema Dezentralisierung politisch belegen. Machen wir, sagt Hans, mach du. Und um was geht´s? Nicht dass sich was verändert ist das Anliegen, nein, dass wir präsent sind. Das reicht mir nicht. Ist aber die Methode meiner neuen Kollegen.

27.10.1998

Geht nicht gut, bin müde, fühle mich schwach. Schlafe. Der Husten lässt nicht los.

Die Pflanzen im Vorbau atmen, Scheiben sind beschlagen. Eine will zur Decke hinaus.

Paramilitärs haben wieder ein Dorf überfallen, 12 Leute erschossen, andere verschollen. Sie holen die Leute aus den Häusern und stellen sie gegen die Wand. Guerilla Verdacht.

Pinochet noch immer in London in Haft. Oh, wäre das eine Gerechtigkeit.

Hab keine Geschichten, lebe nicht mehr. Büro-Wohnung-Büro-Wohnung.

29.10.1998

Paras haben den Heimatort von Edris überfallen und zwei Händler erschossen. Auf ihrer Liste stehen weitere 10 Leute, darunter die Mutter von Edris. Schock bei allen, wir beraten, was tun? Wie können wir die Mutter herausholen. Es ist eine Tagesreise, schwer zu erreichen. Welche Kontakte haben wir? Rotes Kreuz? Anti-Terror Hilfsorganisationen? Mit denen arbeiten wir zusammen, rufen an, Edris soll kommen. Nach 1/2 Std. ist sie wieder zurück, nein, sie kann nicht, wenn die Paras das rauskriegen, ist die Mutter verloren.

Erst Tage später kommen die Eltern mit einem Rot Kreuz Fahrzeug raus. Nun sind sie Flüchtlinge. 

30.10.1998

Lange Sitzung mit den politischen gig shots. Neue Seminarreihe kreiert. Show-Veranstaltung ist wichtig.

Mittags im Bett. Erschöpft. Ärztin hat mir noch mehr Tabletten gegeben. Sie hat keine Praxis, kommt ins Haus, hat ein Auto mit Fahrer und voller Geräte und Medikamente.


12.11.1998

Traurigkeit, leichte Verzweiflung überrollt mich. Wo ist der Sinn? Arbeit für wen? Gibt es eine Wirkung? Hans und Emma sind der Meinung, Wirbeln ist wichtig.

Ich brauche eine Alternative, DRINGEND. Will den Kindern Geschichten schreiben.

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ausgewanderte 05/25/2010 20:43



aber ihr habt doch was erreicht, auch wenn rundherum es niemand sehen wollte, da das morden anscheinend wichtiger war als die menschheit und der frieden.


ich finde es sehr stark das ihr nicht aufgegeben habt, ihr habt auch gekämpft und zumindest einen kampf gewonnen, wenn auch die gesundheit arg gelitten hat und es viele bdenken gab. ihr ward da,
immer !


schöne woche euch .


lg bianca



R.Einloft 05/26/2010 12:41



Ja, so sehe ich das heute auch. Da ist schon einiges passiert, heute bin ich stolz darauf. Ich will mit dem Bericht auch die inneren Kämpfe darstellen, denn wenn man mitten drin steckt sieht
manches unfertig aus, wird erst langsam fertig. Ich hatte nie ein übergroßes Selbstvertrauen, wäre manchmal einfacher gewesen. OK, dann hätte ich andererseits auch nicht die Sensibilität gehabt,
die, wie ich heute glaube, notwendig ist für solch einen Beruf. Es sind eben andere Welten


Dir einen schönen Tag. Hier regnet es wieder. Kennen wir doch irgendwo her


Beste Grüße RE