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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(49) Kolumbien im Tagebuch V

27. Mai 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

Kolumbien ReinholdM erzählt nur noch von der Schule. Sie ist um 6.00 Uhr morgens weg, kommt oft spät Abends zurück. Ihre Arbeit füllt sie aus, was Anderes scheint sie nicht mehr zu interessieren. Wo ist unser gemeinsames Leben? Ja doch, es ist interessant, was sie macht und erlebt. 

Letztens hat sie mit ihren Schülern auf dem Schulgelände gezeltet mit Wasserschlachten und anderen Vergnügen. Das ist was für mich. Noch immer.


Kolumbien R&M - 3M denkt zurück:

Wenn ich an Bogota denke, fällt mir zuerst das „Colegio Aleman“, die Deutsche Schule ein, an der ich drei Jahre unterrichtet habe. Als ich mich bewarb, wurde ich gebeten, eine Probestunde zu halten, da ich ja seit Jahren keine Unterrichtserfahrung mehr hätte. Es sollte „DAF“ (Deutsch als Fremdsprache) sein, das Thema waren die Struktur „mir/ihr/ihm....tut/tun etwas weh“ und als Wortschatz Körperteile. Nett! Ich nahm meinen Plüschhund, klebte ihm ein Pflaster auf das Auge und schon ging es los. Die Kinder sagten, was ihm weh tat, klebten das Pflaster woanders hin und fragten ihre Freunde.....Es war ein Selbstläufer, sie sprachen und hatten Spaß und die beiden Beobachter, der Konrektor und die DAF-Chefin ebenfalls. Ich hatte den Job.

Die Schule lag weit außerhalb der Stadt, ich musste morgens um kurz vor sechs mit dem Schulbus fahren und kam oft erst nach vier Uhr nachmittags nach Hause, aber es machte Spaß mit respektvollen, wissbegierigen und intelligenten Schülern zu arbeiten, mit freundlichen kolumbianischen und deutschen Kollegen in einem großzügig angelegten von Pferdekoppeln und Weiden umgebenen Gebäude zu sein, in der Einganshalle Tischtennis zu spielen, auf dem Sportgelände zu joggen und die Vorbereitungen und Korrekturen bereits im Lehrerzimmer zu erledigen, so dass ich kaum etwas mit nach Hause nehmen musste. Dazu die Klassengröße: 15 Schüler in meiner Klasse, und nirgends mehr als 20.

Ein auffälliger Schüler, aggressiv und unnahbar, wurde eines Tages aus dem Unterricht gerufen, seine Mutter müsse mit ihm sprechen. Er kam zurück, das Gesicht verweint, griff sich seine Schulsachen und weg war er: nach zwei Jahren war sein von der Guerilla entführter Vater befreit worden!

Meine Lieblingsschülerin erschien eines Tages nicht mehr – ihre Familie war bedroht worden, sie hatten das Land bei Nacht und Nebel verlassen. Ohne noch einmal in ihre Wohnung zurück zu kehren, das wäre zu gefährlich gewesen.

 

Später, als ich Personalratsvorsitzende war, kam einiger Ärger auf mich zu, der elitäre Schulvorstand und der autoritäre Rektor verschlechterten zunehmend die Arbeitsbedingungen und erhöhten die Gebühren. Der Vorstand argumentierte, wer das Schulgeld (600 Dollar pro Monat und Kind) nicht bezahlen könne, brauchte keine Stipendien, denn damit würden nur Bedürfnisse geweckt, wer Abitur hätte, wollte hinterher auch studieren, und das könnten sich die Eltern dann sowieso nicht mehr leisten, da sei es doch besser, erst gar keine solche Schüler aufzunehmen. So wurden die Stipendien für die Kinder der Lehrer gestrichen, und einige Kolleginnen mussten daraufhin kündigen. Der Schulvorstand meinte, diese Lehrerinnen hätten sich eben einen reicheren Mann zum Heiraten aussuchen sollen.

 

Die Elternabende waren gut abzusichern: wir mussten über eine Autobahn außerhalb der Stadt, im Dunkeln! Wir fuhren zu fünft in einem Wagen, im Konvoi, damit niemand entführt oder überfallen werden konnte, an den Ampeln hatte die Beifahrerin ein Handy am Ohr und tat so, als ob sie telefonierte. Auch das war ein Schutz vor Überfällen.

Ein Klassenausflug der 7. Klassen: im Bus Schüler und Lehrer, davor und dahinter je ein PKW mit vier bewaffneten Personenschützern, die zuerst das Gelände an einem wunderschönen See absuchten, dann Entwarnung gaben damit wir aussteigen, Geländespiele machen und grillen konnten.

 

Noch nie im Leben und auch nie wieder danach hatte ich so freundliche, solidarische Kollegen, war der Umgang miteinander im Lehrerzimmer so herzlich. Hatte jemand Geburtstag, spielten ihm die Kollegen in der Pause mit Gitarren und Schlagzeug ein Ständchen und es wurde gesungen und getanzt. Kolumbien ist eines der wenigen Länder, wo Großeltern, Eltern und Kinder nach der selben Musik tanzen: Salsa und Cumbia. Sie tanzen gern und gut und zu jeder Gelegenheit.

 

Die Menschen in Kolumbien haben es nicht verdient, dass es ihnen so schlecht geht. Sie sind traumatisiert und verängstigt, dabei wollen sie einfach nur in Frieden leben.

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ausgewanderte 05/27/2010 22:00



wow, das hört sich nach viel spass bei der arbeit an , aber leider mit den landesüblichen schattenseiten. erinnerungen die für immer bleiben...


habt bald ein schönes we


lg bianca



R.Einloft 05/28/2010 13:04



Aber ja, aber ja, Erinnerungen, die bleiben. Und nicht alles war negativ! Bei weitem nicht. Wie das halt so mit Tagebüchern ist, die positiven Sachen werden weniger berücksichtigt.


Dir ebenso ein schönes Wochenende. Hier soll sogar morgen die Sonne kommen. Gerne.


Bis bald und danke für deine fleißigen Kommentare


Mit Grüßen aus Hommertshausen


RE