Artikel teilen! (49) Kolumbien im Tagebuch VIII: Di 27.4.1999 Es regnet wieder, manchmal in Strömen, manchmal niesselig. Ein paar Tage etwa ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Di 27.4.1999
Es regnet wieder, manchmal in Strömen, manchmal niesselig. Ein paar Tage etwas warm. Nass-kalt aber dominiert, ist
Dauerzustand. Sinusitis = Volkskrankheit. Ich hab sie natürlich auch, die Nasennebenhöhlenentzündung (die Krankheit ist so hässlich wie das Wort).
Wie gut dass es Emails gibt.
Von R an die Kinder 27/4/99
Also, ihr lieben Kinderlein, nun setzt Euch mal still hin und hört zu, der Onkel aus Südamerika erzählt Euch eine Geschichte.
Ich war bei einer Beerdigung
... Nun bin ich schon soooo lange in diesem Kontinent aber das hatte ich noch nicht mitgemacht. Na ja, ich drück mich auch gerne vor sowas. Aber diesmal mußte ich, der Vater von meiner Assistentin Fresia Guacamene (die heißt wirklich so) war gestorben. Ein Verkehrsunfall am Samstag abend. Und das ist der erste Unterschied. Bei uns dauert es 3 Tage, bis beerdigt werden kann, hier schon nach 12 Std. Ich glaube, das ist deshalb, weils in den meisten Orten des Kontinents so heiß ist und da kann man nicht so lange warten, die Verwesung tritt sonst ein. Der nächste Unterschied, den ich begreifen musste, ist das Velorio, die Totenwache. Der Tote wird in einem eigenen Raum in einem Funerario - dem Beerdigungsinstitut - aufgebahrt, meist offen. Und da besuchen ihn und die Familie all seine Freunde und Verwandte und Bekannte und die Arbeitskollegen und die Chefs von denen. Das war ich dann. Ich hab gefragt, ob ich muss. Ja, hat man mir gesagt, Hochzeit und Beerdigung wird hier ganz genau genommen. Man steht rum, nimmt die armen Leidtragenden in den Arm und sie erzählen, was da war und so sind sie nicht allein. Früher, in Hommertshausen, wurde der Tote im Haus aufgebahrt und dann kamen auch alle Leute.
Ja, und heute war die Misa, die Messe. Die Kirche war gleich neben dem Begräbnisinstitut. Auf dem Platz waren mehrere davon und wenn man rein ging in die Kirche kamen die Leute von der Messe vorher raus und als wir raus gingen, kamen die nächsten schon rein. Das hatte ich mir auch nicht überlegt, dass in so einer großen Stadt ja viele Leute sterben und beerdigt werden müssen.
Die Messe war schön. Da war ein Pfarrer ganz in weiß und ein kleines Orchester mit Fidel und Harmonium und einer Frau, die hat ganz traurig-schön gesungen. Ich musste ein wenig weinen. Aber der Pfarrer hat gesagt, weinen gilt nicht, weil der Tote ja jetzt im Himmel ist. Da gabs viel zu tun, man musste dauernd aufstehen und sich hinsetzen, die anderen haben auch was gemurmelt dabei aber ich kenn das nicht und konnte nicht mitmurmeln. Ich denke allerdings, dass diese Rituale nicht schlecht sind, sie beruhigen. Dann kam das Abendmahl aber der Pfarrer hat den Wein selbst getrunken. Alles, in 2 großen Schlucken aus einem Riesenbecher. Das ist auch ein Unterschied zwischen den Katholen und den Evangelen. Dann mussten wir uns alle die Hand geben und umarmen zum Friedensgruß. Den fand ich gut. Und zum Schluss haben die Kinder des Toten den Sarg zur Kirche rausgetragen und der Pfarrer ist mitgegangen und an der Tür hat er gesagt, jetzt verabschieden wir einen großen Menschen und alle haben geklatscht.
Sie sind danach in einer Autokarawane noch zum Friedhof gefahren, da ist noch mal eine Verabschiedung. Ich bin nicht mit, das war ganz weit draußen, so bei der Schule von Marianne.
20/4/99
Streik. Busfahrer, Taxifahrer, medizinisches Personal. Gegen neoliberale Politik, sinkende Einkommen, steigende Arbeitslose. Busfahrer streiken noch gegen Aufhebung ihrer Verkehrsdelikte. Praktisch. Unsere Putzhilfe ist eine kleine Person, wohnt auf der anderen Seite der Stadt. Gestern ist sie um 1/2 6.00 morgens los gegangen, hat eine kurze Strecke einen Bus gekriegt, weiter gelaufen und war um 8.00 Uhr bei uns. Die Angestellten im Büro werden mit den Dienstwagen abgeholt, ich laufe auch. Nicht sehr weit.
Liebste Katharina,
...Ich bin wieder krank und heute zuhause geblieben. Ich glaube langsam, das dauernde krank sein hat was mit Bogotá zu tun. Morgen muss ich allerdings wieder zur Schule, weil wir ja übermorgen auf Klassenfahrt gehen, und da ist noch allerhand zu erledigen. Wir fahren drei Tage in die tropische Zone nach Girardot, am Flusslauf des Magdalena. Dort ist es sehr heiß. Wir wohnen natürlich nicht wie ihr in einem Schullandheim - sowas gibt's hier nicht, wir wohnen in einem 5-Sterne-Hotel mit Schwimmbad, Tennis, Tischtennis und jeder Menge von Sportplätzen für Volley-, Basket- und Fußball. Aber wenn es so heiß da ist, hat man wahrscheinlich nur abends oder früh morgens Lust auf Sport. Am Samstag Abend kommen wir zurück.
Und in der Woche danach fliegt Reinhold für ein paar Tage nach Ekuador auf ein Seminar.