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Saturday, 12. june 2010 6 12 /06 /Juni /2010 11:05

Di 15.6.1999

31 Geiseln aus der Entführung Kirche Cali sind frei. Kam groß im Fernsehen. Vermittelt haben offenbar der ehemalige Kanzleramtsminister Schmidbauer und der Privatagent Mauss. Der hat Erfahrung in Lösegeld sammeln und übergeben, sagen sie. Überall groß in der Presse: Deutschland vermittelt. Warum? Ist nicht ganz klar.

Kolumbien RELehrerfest am Freitag. Hat M durchgesetzt und organisiert. Sie ist kaum noch zu Hause. Wir kommen um 3.00 nachts zurück. Bin ablehnend den ganzen Abend. Und verziehe mich abermals an meinen PC. Es sind immerwährende Fluchten in eine andere Welt, diese Chat-Orgien in den Weiten des Internet, angezapft von einem einsamen PC hoch in den Anden. Nächte vergehen, manchmal begrüßen die Vögel den Morgen mit einem Konzert. Gut tut das dem Körper nicht.

Tagesablauf triste, Sehnsucht nach Rio stark, da gingen wir mittwochs schon tanzen. Und nun? Um ½ 6 klingelt der Wecker, M bringt Kaffee ans Bett, wir besprechen den Tag, um 6 Aufstehen, oft von den Schlaftabletten noch benebelt, M geht, ihr Bus fährt um 20 nach 6 und kommt oft spät aus der Schule. Um 8 geht sie ins Bett, schläft beim Fernsehen ein. Dann sitz ich am PC, repariere, probiere, stell um, kann das Ding nicht in Ruhe lassen, lande in den Weiten des Netzes. Möchte so gerne im Sessel sitzen, lesen, ausruhen, in mir ruhen, den Tag ausklingen lassen. Schaffe es nicht. Manchmal Veranstaltungen auch abends, manchmal muss ich reisen, im Land zu den Projekten, nach Ecuador, Peru, Argentinien, Mittelamerika zu Regionalkonferenzen, von denen ich wenig habe, Luftschlösser bauen liegt mir nicht. Besser sind die Abteilungskonferenzen in größeren Abständen. Da fahre ich lieber hin, sie sind ergebnisorientiert, mit den Kollegen die in den anderen Kontinenten arbeiten kann ich besser. Die letzte was in Asien. 46 Std. unterwegs über Frankfurt, Moskau, Hongkong nach , Hanoi, Nordvietnam. Eine andere Welt, eher an eifrige Ameisen erinnernd. Das Tagungshaus an einem flachen See, Fischerboote im Morgennebel wie Scherenschnitte aus Kalenderblättern, tiefe Ruhe ausstrahlend. Tagsüber wieselten sie herum, diese fleißigen Vietnamesen, mit allem handelnd was ihnen geboten wird. Traurig die Geschichten der Leute, die älteren von ihnen im Krieg geboren, im nächsten aufgewachsen und im letzten, dem unseligen gegen die Supermacht zu Kriegern geworden. Wir möchten Frieden, sagten sie, auch mit den USA. Wir haben gewonnen und viel verloren. Noch immer sah man die Einschläge der Bomben in den Reisfeldern, noch immer kämpften sie mit den Megatonnen Metall in ihren Feldern. Gut hat mir das Frühstück gefallen, Nudelsuppe mit Huhn und scharfen Schoten, dazu Tee. Eine alte, andere Kultur tat sich auf mit Universitäten älter als jede in Europa, mit geordneten Sozialstrukturen, durchorganisierter Verwaltung, in sich ruhender Religion. Asien hätte ich gerne besser kennen gelernt..

An den Supermärkten in Bogota stehen bewaffnete Privatpolizisten mit langläufigen Schrotflinten. Aufpassen muss man, ihnen nicht ins Schussfeld zu geraten, wenn´s ernst wird.

Morgens auf dem Weg zum Büro kommen sie an, die Straßenhändler mit ihren Karren voll Kisten wie kleine Tapeziertisch, sie werden auf Böcke gestellt, aufgeklappt und da sind sie drin, ihre einfachen Waren, Uhrbändern, Batterien, chinesischen Billigramsch, Süßigkeiten. Dann stehen sie dort den ganzen Tag. Wenn es regnet, breiten sie Plastikplanen über ihre Karren und manchmal sitzen sie auch darunter wenn es viel regnet. Ich begreife nicht, wie man damit Geld verdienen, eine Familie ernähren kann. Abends, wenn die Dunkelheit kommt, packen sie zusammen und schieben ihre Karren nach Hause, wer weiß wo.

Hilflos machen mich die Kinder. Sie wuseln zwischen den Autos herum, haben Süßigkeiten und Kaugummi zu verkaufen, wollen betteln. Sie reden und reden mit piepsigen Stimmen durch das geschlossene Fenster, wollen sich nicht abweisen lassen. Eine Moneda bitte Señor, nur ein wenig Geld bitte, ich habe solch einen Hunger, bitte. In der Zeitung ein Aufruf, nichts zu geben, sie sind von Gangstern in Banden organisiert mit genauen Vorgaben, Kontrollen und Strafen. Es scheint sich zu lohnen, Kleinvieh in Massen macht viel Mist. Trotzdem tun sie mir leid, diese Verlassenen ohne Ausweg. Manchmal kann ich nicht anders und gebe.

Heute kam der Schuhputzer ins Büro. Ich hatte bei ihm an seinem Stand an der Straße gewartet, er war besetzt. Unser Wächter hat ihn gerufen. Komisches Gefühl im Büro sitzen, Zeitung lesen und der putzt dir die Stiefel. Es ist Usus, Männer legen Wert auf glänzende Schuhe. Das kommt, hat man mir gesagt, aus der Zeit der Caballeros zu Pferd. Saubere Schuhe bedeuteten, nicht zum Pöbel zu gehören, der zu Fuß gehen muss.

Wochenende wieder  gemeinsam gefeiert.

 

 

 

 

 

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