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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(49) Kolumbien im Tagebuch XIX und Schluss

4. Juli 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Kolumbien

30.11.1999

Seit langer Zeit über längere Zeit glücklich. Wenig Seminare, Verwaltungsarbeit, lerne. M hat eine Erkenntnis am Spiegel hängen: Ich will nicht, dass mein Leben allen gefallen hat, nur mir selbernicht.

Konzentration auf jede Sache, die man tut, Verweilen, Versinken, Aufgehen in ihr. Augenblick, oh Augenblick, du bist so schön. Dann erfahren wir den Flow , sagt der Psychologe mit dem unaussprechlichen Namen Csikszentmihalyi in seinem Buch über das "Geheimnis des Glücks". Na, denn lass uns mal glücklich abwaschen.

Von K an R&M Subject: püöärsgselktgu

.....Bei uns in der Familie Fußball zu kucken, ist sehr witzig, jede Minute stöhnt Papa: Mann, spielen die schlecht! Lukas :Ja, könntest du es besser? Ich: in welches Tor müssen die eigentlich schießen? Mama: Seid doch mal still!!

Dieser Dialog wiederholt sich alle 2 Minuten!

Von R an K 14/10/97

Liebe Katharina,

so, so, Du hast da Bauchschmerzen wegen der Mathe-Arbeit. Wenn Du das hier kriegst, ist sie ja vorbei und soweit ich Dich kenne, auch ganz gut vorbei. Ich wollte Dir dazu noch was Generelles sagen. Klar sind Mathe-Arbeiten wichtig. Sie sind nun mal ein Spiegel von dem, was man gemacht hat. Wichtiger ist aber erst mal, dass man den Inhalt verstanden hat. Echt. Dadrauf kommt's immer an, auf den INHALT. Weil den kann man brauchen, an die Mathe-Arbeit aber erinnert sich kein Mensch mehr nach einem halben Jahr.

Aber sagen wollte ich was Wichtigeres. Über das Wichtige im Leben. Es ist erst einmal wichtig, sich eine Liste zu machen, was einem wichtig ist. Richtig eine Liste. Kannst Du das mal tun und mir die auch schicken? So nach Reihenfolge. Also: 1. ist mir am allerallerwichtigsten, 2. ist mir am allerwichtigsten und so. So eine Liste ist ganz hilfreich, damit man selbst mal aufgeschrieben hat, was wichtig ist und nicht so ganz und vielleicht ziemlich unwichtig ist.

Und dann möchte ich Dir gleich mal was dazu sagen. Weil ich ja schon älter bin und auch viel nachgedacht habe darüber. Hatte ja schon viel Zeit, nachzudenken. Gelle. Gaaanz, ganz oben auf die Liste gehört: Am allerallerallerwichtigsten im Leben ist Freude haben, Freunde haben, Liebe zu schenken, Freude zu schenken, zu lachen, Spaß zu haben. (Bei Euch am Spiegel im Bad, da hängt auch so was in die Richtung). Wenn man das nicht hat, warum sollte man dann Mathe lernen?

Na ja, man hat das nicht jeden Tag. Wenn man Bauchweh hat, dann ist es schwer, Freude zu haben. Man kann es sich aber jeden Tag auf seine Liste setzen.

...Jetzt hör ich aber auf.

Ich hab Dir fürderlich gern (ach ja, ach ja....ausdrücken müsst man sich können)

Dein Freund und Onkel Reinhold

Die Korrespondenz mit Kathi und Lukas haben wir gesammelt, denken, es darf der Nachwelt nicht enthalten werden, werden daraus ein Buch machen. Über 200 Seiten sind es inzwischen. Wir drucken es selbst, in der Schule, mit einem Kollegen von M. 

Jan 2000

Weihnachten in Hommertshausen. Schön war es mit den Jungens, den Enkeln, der Familie und dem neuen Haus. Die Küche war eingebaut, K-M-zeigen-uns-die-neue-Kuche.jpgKlaus & Marga haben sie uns voller Stolz gezeigt. Marga hat das Wohnzimmer mit gut erhaltenen Sesseln und Tisch ausgestattet. Hell und wohnlich ist es. Jetzt können wir unser Haus an Wochenenden nutzen.

 

Ich habe Tinitus, wahrscheinlich war das Umfallen in Bogota ein Gehörsturz. Die Krankheit ist in Südamerika nicht bekannt, anders in Deutschland. Alle Zeitungen waren voll und plötzlich hörte auch ich das Ohrenrauschen.

M ist am letzten Tag mit der Leiter abgestürzt, beide Füße angebrochen. Auf dem Rücken zum Arzt getragen und an den Flughafen, da hatten sie einen Rollstuhl und im Flugzeug den Sitz in der ersten Reihe mit Beinauflage. Nun liegt sie. Und zeichnet Videos mit Lateinamerikanischer Musik auf, als Konserve für kalte Winterabende. Eine Kolumbianerin ragt heraus, Shakira mit ihrer kraftvollen Stimme und dem lasziven Körper, Latinomusik mit Rhythmen aus dem Libanon vermischend, der Heimat ihrer Eltern. Manchmal wiegt sie sich im Bauchtanz, dann glänzen meine Augen. Aus der wird was. 

14.1.2000

Mein Aufgabenbereich im Büro Bogota wird aus der FES herausgelöst, soll selbständig als nationale Organisation mit eigener Leitung weiter arbeiten. Das ist meine Abschluss. Es bleiben die Verbindungen zur FES, die Projekte werden weiter geführt und teilfinanziert, auch in Zukunft sollen praktische Erfahrungen für politische Entscheidungen als Angebot der Stiftung erhalten bleiben. Wir gehen nach Erfurt. Demnächst im Frühjahr.   

März 2000

Und dann kam der letzte Tag, die Möbel waren weg, die Verabschiedungen traurig, es waren doch eine Menge netter Leute hier, die Büromanschaft hatte neben all den ofiziellenKolumbien - 13  noch extra eine private Feier auf dem Campo organisiert, Carlos trauerte besonders.

Kolumbien - 1Juan Carlos

 

Und dann kam die Überraschung als M ihr Zeugnis in der Schule abholte, es kaum glauben konnte, diesen Nachruf auf eine herausragende Lehrerin und Mitarbeiterin, der Rektor war über seinen Schatten gesprungen, erkannte M´s Bemühung für ein demokratischeres Colegio an, lobte über alle Maßen, sah in ihr eine Gleichwertige mit anderen Vorzeichen.

Und dann brachte uns Carlos zum Flughafen, und dann stiegen wir ein, vorsichtig noch immer, nicht gewiss, ob zuletzt noch etwas passierte, doch dann hob das Flugzeug ab und wir fielen uns lachend und weinend in die Arme und tranken einen drauf. Nochmals davon gekommen. Auf zu neuen Welten.

 

 

 

 

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Teilzeitberlinerin ;-) 07/04/2010 13:33



Was ist aus dem Buch geworden ? Habt Ihr nur eins für Euch gedruckt ?


Ach man, versucht es doch, mach aus diesem Blog ein Buch. Es ist so herrlich zu lesen und es gibt so viel trocken geschriebene Bücher, das hier ist aber Informativ und  Gefühlvoll
geschrieben...


Naja alles in allem war es einer sicherlich tolle , aufregende , angstvolle und immer wieder mit guten Ende vergehende Zeit.....


Bin gespannt was als nächstes kommt



R.Einloft 07/07/2010 12:26



Meine Verehrung und Dank für Deine Einschätzung. Natürlich geht es weiter, heute beginnt die nächste Etappe.


Das Buch mit den Emails der Kinder haben wir für die Familie in einigen Exemplaren gedruckt (von Hand, war ein echtes Erlebnis). Einige der schönsten Auszüge habe ich veröffentlicht im
Blog. 


Ach ja, wäre natürlich ein Traum, daraus ein Buch zu machen. Zuerst aber möchte ich die Sachen im Blog veröffentlichen. Ob breiteres Interesse besteht, darüber bin ich mir nicht sicher. Mal sehn.


Warte schon gespannt auf deinen nächsten Kommentar.


Eine schöne (Fußball- und Sonnen-) Woche wünscht


RE