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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(50) Erfurt ganz anders (2000-2003)

7. Juli 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

 Erfurt war der neue Einsatzort.

Erfurt-Juli-09---26.jpgEs war spannend, wieder in Deutschland zu sein. Ostler und Westler waren sich Feind, die Einen  sahen sich als Zahlmeister ausgenutzt, die Anderen überrollt von Besserwessis. Wir hatten noch erlebt, bevor wir 92 nach Brasilien abdampften, wie der bräsige Kohl alle überrollte, seine Einheitsgeschichte durchsetzte, einen ungeliebten Staat abwickelte, einverleibte. Wie Oskar Recht hatte um festzustellen, dass der Glaube an blühende Landschaften mehr Wählerstimmen einbringt als ökonomische Weitsicht. Wie die schillernde Warenwelt Menschen verzückte, ihr Leben veränderte. Exemplarisch bei unseren Freunden.

Kurz nach dem Mauerfall war es, kommt, hatten sie gesagt. Wir fuhren. Mit dem Wohnmobil. Überquerten die Grenze, die eiserne, mit nun unfassbar freundlichen Grenzern, jenen, die vordem unnahbar streng schlechtes Gewissen injizierten, kamen in ein anderes Land. Waren auf unserer Seite die Gärten eine mit der Nagelschere gestutzte Zierde, sahen sie nun wild und nutzbar aus. Erfurt-Juli-2009-II---5.jpgWar im Westen alles groß und schön, war es im Osten klein und abgenutzt, doch noch immer viel weiter entwickelt als der Großteil der unterentwickelten Gesellschaften, aus denen wir kamen. Ein wenig kannten wir dies Land, hatte es uns interessiert als junge Linke mit einer Affinität zu Marx. Doch da waren wir vorgegebenen Pfaden gefolgt, die Butterseiten präsentierten. Durch kleine Orte fuhren wir, an jeder Ecke Pferdefuhrwerke erwartend wie früher in meinem Dorf. Kleine Jungens staunten mit offenen Mündern unserem Wohnmobil hinterher und einmal gerieten wir in einen Konvoi russischer Soldaten. Da saßen kleine Jüngelchen auf Lastwagen, die schüchtern zurück winkten, der „Iwan“,  von dem uns unsere Väter grausige Dinge erzählt hatten, , halbe Kinder fuhren da. Kölleda hatte keinen Charme, nur grau-braune Häuser über denen der Geruch von Kohleofen lagerte, den ich mochte, auf kopfsteingepflasterten Straßen reihten sich die Trabis und unsere Freunde hatten eine 5 Zimmer Wohnung für ihre Großfamilie. Sie war Lehrerin, hatte eine eigene Theatergruppe und genügend Zeit für ihre Kinder, die in der Ganztagsschule versorgt wurden. Er war Betriebselektriker, studierte nebenbei, tageweise abgeordnete von seinem Betrieb, kam um 9.00 Uhr mit frischen Brötchen von der Arbeit zum Frühstück zurück, liebte Musik, präsentierte stolz seine Sammlung mit auf Kassetten aufgenommenem internationalem Pop und Rock. Das geregelte Miteinander war schon ein Jahr später gestört, Banken hatten freimütig Karten verteilt, sie bekam zwei mit jeweils 10 000 DM Kredit. Nun gab es die modernste Küchenausrüstung und Bofrost-Gerichte, denn die neue Schule hatte keine Schulspeisung mehr. Die Stereoanlage hatte die Familie ihrem Vater vom Überbrückungsgeld gemeinsam gekauft, brauchte nun CD´s, der Trabi war getauscht, ein Audi stand vor der Tür, veränderte mit den anderen Westwagen der Nachbarn das Straßenbild und der neue Fernseher brachte mehr Verlangen. Eine weitere Zeit später war sie dem Ruf des Konsum gen Westen gefolgt, ihm wurde sein Studium nicht anerkannt, die Familie war pleite und getrennt.

Bei diesen Fahrten waren wir durch Erfurt gekommen. Ich erinnere mich an eine graue Stadt mit baufälligen Häusern und Baustellen allüberall. Nun, 8 Jahre später, hatte sie sich herausgeputzt zu einer Perle mit mittelalterlichem Flair, an Italien erinnernd, uns faszinierend . Wir staunten. Erfurt-Juli-2009-II---59.jpgDa war der große Platz im Zentrum, überragt vom mächtigen Dom und der schlanken Severinskirche; da war das Altstadtzentrum mit seinen verwunschenen Gässchen und Brückchen über die in viele Arme verzweigte Gera und Mühlenkanäle; da war die Krämerbrücke, 1117 erstmals erwähnt, mit ihren 32 Häusern die längste und komplett bewohnte Brücke Europas - nur in Italien gibt es ähnliche; da war die alte Universität und das Augustinerkloster, die schon Luther beherbergt hatten (Wikipedia: Einer der bekanntesten Absolventen der Universität Erfurt war Martin Luther, der hier von 1501 bis 1505 studierte und seinen Magister der philosophischen Fakultät erhielt. Ebenfalls in der Umgebung Erfurts kam ihm die stürmische Erleuchtung. In der Nähe von Stotternheim (etwa zehn Kilometer nördlich des Erfurter Zentrums) wurde Luther 1505 bei einem schweren Unwetter beinahe vom Blitz getroffen und legte der Legende nach sein „Stotternheimer Gelübde“ („Heilige Anna, ich will Mönch werden“) ab. Sein Leben widmete er fortan der Kirche und trat dem Augustinerorden als Mönch bei. Bis 1511 lebte und predigte Luther im Augustinerkloster.)  Da war die Zitadelle auf dem Petersberg, von Napoleon einst gestürmt, nein, nicht von ihm selbst, er residierte im der Stadthalterei  von Mainz, das Erfurt regierte, heute Erfurt-Juli-2009-III---11.jpgThüringer Staatskanzlei und empfing Goethe nicht sehr freundlich, ebenso wenig wie die Europäischen Fürsten zum Kongress 1808; da war das Dacheröden Haus im Original, früher Treffpunkt für Gelehrte, Schriftsteller und Künstler - Goethe, Schiller, Dalberg und Wilhelm von Humboldt waren oft Gäste; da war der Kaisersaal, in dem 1891 der Parteitag der sich neuerdings sozialdemokratisch nennende Partei stattfand, auf dem sie sich von Marx und Engels abzuwenden begann; da war der Erfurter Hof, aus dessen Fenster Willy Brandt bei dem ersten Treffen mit Stoph 1970 der begeisterten Bevölkerung zugewinkt, die Enteisung des Vorhangs eingeleitet hatte. Erfurt-Juli-2009-II---10.jpgUnd da war die Ebert Stiftung im Hermann Brill Haus mitten im Zentrum.

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Teilzeitberlinerin ;-) 07/08/2010 12:28



....und heute sieht der Osten , zumindest in Berlin, schöner und neuer aus als der Westen. Aber wehe man fährt mit dem Auto nach Polen, da sieht man wie die Zeit still steht. Die häuser noch
immer kurz vor dem Ruin. Weil alles teurer wurde konnten die alten Menschen sich einen Aufbau des Haues nicht mehr leisten, denn sie mussten ja für die neue Strasse vor der Tür bezahlen, wie es
das Gestez vorsieht.


Ich komme aus dem Westen , denke aber das beide Seiten Pros und Kontras hinnehemen mussten.


Wessis gingen einkaufen und fanden leere Regale , Ossis gingen einkaufen und kamen mit Versicherungen die ihnen aufgequatscht worden sind und nem leeren Portemonnaie nach Hause.


Arbeit fanden ein Paar Jahre die Ossis besser, sie wurde ja  frei gehalten, zumindest im öffentlichem Dienst.


Heute haben Ost wie West das gleiche Leid.


Kaum Arbeit, nichts im Geldbeutel und ne Menge Frust.


Leider haben sie auch noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen , obwohl die heutige Generation schon garnichts mehr von der Teilung mitbekommen hat, schliesslich ist der Schnellschuss schon 21 Jahre
her.


Wie die Zeit vergeht.


Man sollte einander helfen, anstatt gegeneinander zu hetzen, aber das erklär mal jemand den Deutschen, der stets von der Regierung geschröpft wird....


Mal was anderes, das Foto sieht übrigens toll aus.


Schönen tag wünsche ich


gruss Bianca



R.Einloft 07/12/2010 14:12



Wiederum Dank Bianca!


Hab mich lange nicht gemeldet, war mit Fußball voll. Jetzt wieder leer und für andere Schandtaten offen.


Ja, die Vorurteile sind noch nicht weg, da hast du recht. Wird wohl noch einiges dauern. Schade, wir hätten viel voneinander lernen können.


Bis dann, liebe Grüße und eine schöne, sonnige Woche


wünscht RE