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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(51) Erfurt (2000-2003) Die verfluchte Schule

29. Juli 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Schon immer hatte M den Anspruch, Kinder aus einfachen Verhältnissen zu unterrichten. Sie brauchen bessere Bildungschancen, sagte sie, war Haupt- und Realschullehrerin geworden, hatte für Schulreformen gekämpft, damals in Hessens heißen Zeiten gegen Konservative, die eisern an den Bildungsvorteilen ihrer Kinder festhielten, hatte in Bonn an einer Gesamtschule gearbeitet, die als Musterschule alternative (und wirkungsvoller) Bildungskonzepte umsetzte, es geht doch, hatte sie gesagt und sich für eine Gesamtschule in Erfurt entschieden. Da aber ging es nicht.

Gestern war ein Glückstag, hatte sie geschrieben: "ich kann in Erfurt arbeiten. Das Damoklesschwert, mir irgendwo in NRW eine Wohnung suchen und jedes Wochenende zehn Stunden im Auto verbringen zu müssen, ist abgewendet. Dank R´s Connections (mal wieder)". Ich hatte ihr bei einer Veranstaltung den ehemaligen Bildungsminister vorgestellt, der hat ein paar Anrufe gemacht, die Tür war offen.

Sie war gerne Lehrerin, hatte in Nürnberg, Bonn, Quito und Bogota gearbeitet, wollte weiter machen. Das aber war nicht einfach. Nein, sagte die Kultusbehörde, ihre Planstelle ist in NRW, versetzen können wir Sie nicht. Arbeiten können Sie in Thüringen, aber nur, wenn Sie ihren Beamtenstatus aufgeben, Angestellte werden. Der Pensionsanspruch ginge auf die Rente über, doch später stellte sich heraus, dass die  Arbeitszeiten im Ausland nicht anerkannt wurden.  Arbeit war ihr wichtig, sie ließ sich anstellen. Und geriet in Teufels Küche.

Beim Gespräch mit der Schulrätin versuchte diese, sie von ihrem Plan, an der Gesamtschule zu unterrichten abzubringen und bot ihr stattdessen ein Gymnasium an, aber M traute es sich nicht zu und wollte an die Gesamtschule. „Dort ist eine Stelle frei, weil ein Kollege, auch ein Wessi weggemobbt wurde“, warnte die Frau, ,“das Kollegium arbeitet seit 20, 30 Jahren zusammen, jeder Neue wird vertrieben“.

Zuerst hatte sie einen guten Eindruck, sie wurde mit einem Blumenstrauß und netten Worten empfangen, ihr Einsatzplan war schon fertig. Da die ehemaligen Staatsbürgerschaftslehre-Pädagogen nun nicht mehr Sozialkunde unterrichten durften, war hier besonderer Bedarf. Alle achten und neunten Klassen in Sozialkunde, dazu eine neunte und eine zehnte in Deutsch. Das waren weit über 300 Schüler.

Auf ihre Fragen nach Lehrplänen wurde ihr bei den Fachkonferenzen mitgeteilt, man mache es eben so wie immer, es seien ja auch Bücher da.

Auf ihre Fragen nach Projektarbeit und Blockunterricht war die Antwort „Hier macht man das nicht so wie im Ausland, hier macht man es richtig!“

Auslandserfahrung war negativ, bleibe im Lande und nähre dich redlich das Motto.

Die zehnte Klasse, Gymnasiasten, waren interessiert, arbeiteten mit, aber die anderen! Pubertät ist ein Grund, aber das?

Die erste große Pleite kam eine Woche vor den Herbstferien. Sie hatte ihre „Vorläufigen Zeugnisnoten“ nicht abgegeben. Wie bitte? Welche Noten? Sie kannte ja noch nicht mal alle Schüler mit Namen. Warum hatte ihr das keiner vorher gesagt? Ja, das weiß man doch, dass die Eltern in den Herbstferien schon die ersten Noten haben wollen.

Sie musste zum Rektor, weil ihre „Kollegin“ ihn darauf hingewiesen hatte, dass sie ihre Testfragen so ungewöhnlich formuliert hätte. Aber die Kinder haben sie doch richtig beantwortet, also müssen sie sie doch verstanden haben? Okay, er sah das ein. Die Eltern waren nicht mit den Inhalten des Systemvergleichs DDR und BRD einverstanden. Die blöde Kuh war doch gar nicht bei uns, die kann das doch nicht wissen! Und dass sie in der neunten Realschulklasse „Nathan der Weise“ behandeln sollte, fand sie sehr merkwürdig, aber wenn es sein musste. Die andere Deutschlehrerin im Team hatte es ihr so gesagt. Die Schüler verstanden nichts, sie lasen es nicht, nach zwei Monaten wussten die meisten noch immer nicht die Namen der beiden Protagonisten. Sie quälte sich durch. Später hieß es, nur ein Gleichnis, also etwa eine Seite daraus hätte bearbeitet werden sollen, das hätte sie sich doch denken können!

Sie bereitete sich so intensiv vor, wie nur damals vor der Prüfung, sie gab sich die Schuld, dass keine Unterrichtsstunde so lief, wie sie sie geplant hatte. Die Beleidigungen wurden immer gröber, die Störungen immer unverschämter. Der Gipfel waren in roter Farbe getränkte Damenbinden und –tampons, mit denen sie beworfen wurde, wenn sie an die Tafel schrieb. Als sie freitags die Schule verlassen und zum Bus gehen wollte, wartete ihre größte Feindin, eine dummgeile Tussi aus der neunten mit zwei glatzköpfigen Freunden auf sie. Sie hatten Kampfhunde dabei und wollten sich ihr an die Fersen heften. Also blieb sie, bis die nach anderthalb Stunden gingen.

Mit dem Rektor sprach sie einige Male, wies auf die Probleme hin, bat einige Kolleginnen um Hilfe, aber die Standardantwort war, dass es sonst nie Probleme gäbe, nur mit ihr! Eine nette Kunstlehrerin  erzählte ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass auch andere Lehrer kämpfen müssten, aber bei einer Wessi sei es natürlich am schlimmsten. Und auf den Beistand des Rektors könne man nicht zählen.

Und dann kam sie nach Hause, klagte ihr Leid, brauchte Verständnis und fand schon wieder einen Besser-Wessi vor, der ihr Ratschläge erteilte, wie die ausgerastete Meute einzufangen sei. Ich war zu dusselig, auch zu empört, um sie einfach nur in den Arm zu nehmen und zu zu hören. Nach vier Monaten hatte sie ein Magengeschwür, Schlafstörungen, Depressionen, ständigen Durchfall und zitterte so, dass sie sich kaum schminken konnte. Sie war krank, ging wieder hin, war wieder krank. Meine M war verschwunden, meine liebe, nette, sensitive Kameradin und Liebhaberin.

Sie bat um Supervision – was an ihrem Unterricht oder ihrem Verhalten war dafür verantwortlich, dass die Schüler sich so benahmen? Die Leiterin der Lehrerausbildung fand ihren Unterricht gut und die Schüler asozial. Es nützte nichts. Der Rektor redete sich heraus (die Kampfhunde waren nur Zufall), (nächstes Schuljahr wird es bestimmt besser).....

M. überlegte. Sie hatte nicht mehr allzu viel Zeit, glücklich zu sein. Wenn sie so unglücklich war wie in der letzten Zeit, wirkte sich das auch auf unsere Beziehung aus. Eine von der Ärztin beantragte Kur wurde abgelehnt, Magengeschwüre, Durchfall und Schlafstörungen könne man auch ambulant behandeln – das Wort „Burnout“ hatte im Antrag gefehlt.

Sie kapitulierte nach neun Monaten. Einfach so, nach einer besonders albtraumhaften Stunde legte sie dem Rektor ihre Kündigung "mit sofortiger Wirkung" auf den Tisch. Mit der Schulrätin hatte ich beruflichen Kontakt, sie unterstützte unsere Projekte. Bei einem Treffen gestand sie mir, sie mache sich noch immer Vorwürfe, M an diese Schule gelassen zu haben, hatte sie doch gewusst, was da ab ging. Ihre Frau, sagte sie, kann jederzeit - sie unterstrich das Wort - zu mir kommen, ich gebe ihr jede Schule, die sie will. M aber hatte genug.

In der Volkshochschule war der Leiter hoch erfreut über eine ausgebildete Sprachlehrerin, die gleich vier Sprachen unterrichten konnte. Ab dem Wintersemester war sie mit großer Erleichterung und Begeisterung an der VHS – die Schüler wollten etwas lernen, waren dankbar für ihre innovativen Vorbereitungen und die Medienvielfalt und sprachen bereits nach ein paar Stunden ganz passabel Englisch, Spanisch und Deutsch, und als der Portugiesischlehrer ausfiel, konnte sie auch ihn noch vertreten.

Das Leben wurde wieder schöner, sie konnte wieder schlafen und vor allem lachen und mich lieben.

 

 

 

 

 

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Hanne 08/03/2010 22:59



Das war eine schlimme Zeit inmitten der schönen Erfurt-Zeit! Wir haben alle mitgelitten.



R.Einloft 08/08/2010 12:13



Bei M wirkt sie bis heute nach. Wos firn Schrott


Schöne Woche wünsche ich dir und wenns draußen regnet innen Sonnenschein


Dein Bruder R