Artikel teilen! (51) Erfurt (2000-2003) Leben unterm Dach juchhe: War es das italienische Flair dieser Brückenstadt, die Italiener anzog? Jedenfa ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
Hier gehts zurück zum Anfang: -------------->Erste
Seite
War es das italienische Flair
dieser Brückenstadt, die Italiener anzog? Jedenfalls gab es viele ihrer Lokale, oft in historischen Gebäuden. Il Molino und La Grappa waren unsere Lieblinge, die Ober kannten uns, redeten
italienisch mit M, ließen uns im Glauben, besondere Gäste zu sein. Il Molino in der Mühle hinter unserem Haus, dreistöckig, die Räume des alten Gebäudes entkernt, zu großen Sälen umgebaut, die
öfters voll waren und im Sommer saßen die Gäste auf Holzplattformen am murmelnden Bach, bedient von einer Heerschar emsiger Kellner. La Grappa, Nähe Rathaus in einem historischen Fachwerkhaus war
verwinkelt, ausgestattet mit italienischem Interieur, das vorbeiführende Gässchen mit den Sonnenschirmen erinnerte an Florenz oder Siena, besonders wenn die Sonne schien. Viele Abende verbrachten
wir hier, manchmal kam M mit dem Fahrrad von der Arbeit, stellte es draußen hin, wurde von Kellner abgefangen, überschwänglich italienisch begrüßt und mit Grandezza an meinen Tisch geführt. Sie
mochten es, wie wir uns mochten. Und je weiter der Abend fort schritt, Essen, Wein und Grappa genießend, um so mehr mochten wir uns, erzählten Geschichten aus der Vergangenheit, wie wir uns
kennen lernten, von den Jungens und der schönen Zeit in Ecuador, in Nürnberg und Bonn um immer wieder nach Rio und den irren Nächten zurück zu kehren. Irgend wann kam die Rechnung mit Espresso
und Stärkerem, sie wussten, was wir wollten. Nach Hause war es nie weit, von Ill Molino sogar auf allen Vieren möglich.
M hatte ein Bäckerfahrrad, so eins mit Gepäckträger vorne und hinten. Damit sauste sie in der Stadt umher zum Einkaufen. Ging prima,
war alles flach und transportieren konnte sie Großeinkäufe.
Wie schön war diese Stadt!
Meist gingen wir, entdeckten neue Ecken und Winkel, ließen uns treiben im Zentrum, saßen an heimeligen Flüsschen, tranken Wein in typischen Kneipen, aßen Salat mit Bratkartoffeln gemischt und
gerne Knödel, thüringische mit und ohne Fleisch. Winterabends gab es Bachkonzerte in Kirchen, ein Teil der Familie hatte als Musiker hier gelebt, Ende der Sommerzeit DomStufen Festspiele, es gab
das größte Altstadtfest Thüringens benannt nach der Krämerbrücke. Es gab den heimeligen Weihnachtsmarkt, Oktober und Weinfeste, es gab immer etwas. Das Auto brauchten wir selten. Anfangs war das
abendliche Fahren auf einsamen Landstraßen angstbesetzt, lange noch geprägt von den Erfahrungen aus Kolumbien. Einmal kamen wir aus Weimar zurück, es war dämmrig, Schatten täuschten springende
Terroristen, M zitterte, mir war mulmig, wir sind doch in Deutschland zu sagen half nichts. Tief drinnen waren die Reaktionen, verschwanden nur langsam.
Immer auf der Suche nach Erkenntnissen über mich und die Welt las ich weiterhin besessen. Einen Mittelpunkt wollte ich finden, in dem ich ruhen konnte, die Umgebung interessiert betrachtend, den Augenblick genießend. Der Tag hatte wieder seinen Rhythmus, erst mal verlustig gegangen durch den Wechsel aus Südamerika. Nun begann er um 6.00 Uhr mit Meditation, Lesen, Sprache lernen (Italienisch faszinierte mich), Büro, Mittagspause zu Hause oder an dem kleinen Flüsschen vor dem Büro, dessen Murmeln beruhigend wirkte, Reflexion am Abend und Genuss mit M. Ach, hatten wir´s gut. Manchmal.