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Sunday, 8. august 2010 7 08 /08 /Aug. /2010 11:45

Erfurt_0019.jpgM freute sich wie eine Schneekönigin. Anke, ihre beste Freundin aus Bogota, hatte eine Stelle als (Hilfs)Lehrerin ausgerechnet in Erfurt bekommen. Überall in den Deutschen Landen hatte man sie abgewiesen, die Selfmadefrau, die sich nach der Wende auf die Socken gemacht hatte, in Spanien spanisch gelernt, in Kolumbien Lehrerin, 7 Jahre war sie geblieben, musste zurück, wollte auch - und fand keine Arbeit. Wo sind ihre Berechtigungen? Langjährige Erfahrungen als Lehrerin auch an einer Deutschen Schule zählen nicht. Erfurt stellte sie als Sprachlehrerin ein mit der Vorgabe, alle Studiengänge nachzuholen. Na gut, mach ich, sagte Anke. Dann war sie da, suchte ein Zimmer, M half, auf unserem Flur war eine kleine Wohnung frei, Anke sah und kam. Nun waren sie Nachbarn, die Freundinnen, schwelgten in Erinnerungen, redeten oft spanisch, hörten ihre Musik, waren nur traurig, nicht tanzen zu können wie gewohnt im tanzverliebten Lateinamerika. Was für ein Glück! 

Sie war eine machtvolle Frau, nicht gerade schön zu nennen mit ihrer großen Nase und der afrikanischen Figur, aber schön wenn sie lachte, es war ansteckend. Ich mochte diese Frau, die das Leben nahm wie es kam und sich darüber freuen konnte, setzte mich gerne zu den beiden, hörte ihr zu wenn sie von einem Kolumbien erzählte, das wir nicht mehr kennen gelernt hatten. Sie war alleine durch das Land gereist, hatte Landschaft und Menschen in abgelegenen Orten kennen gelernt und schwärmte von ihnen. Erst später wurde es fast unmöglich zu reisen ohne das Risiko einer Entführung oder Verwicklung in bewaffnete Konflikte einzugehen.

Anke kam  öfters über den Flur, zu einem Quatsch mit M, brachte kleine Köstlichkeiten, lachte viel auch über Schwierigkeiten mit sturen Deutschen und ihrer Schule, legte zu Anfang lateinamerikanische Gewohnheiten nicht ab, ging zum Bahnhof, wartete und nahm den nächsten Zug zum Ziel, noch immer erstaunt, wie viele fuhren. Und amüsierte sich köstlich über ungeduldige Reisende, die, mit Handy am Ohr und Blick zur Uhr bei kurzen Verspätungen Herzinfarkt gefährdet waren. Was, bittschön, sind 15 Minuten wenn man 24 Std. am Tag zur Verfügung hat, sagte sie. Wir verstanden, es ging uns nicht anders mit der Pünktlichkeitsmanie. Zeit war zum Leben da, nun mussten wir uns zurück gewöhnen, dass Leben Arbeiten bedeutet. Es war schön, nicht alleine gegen Mehrheiten zu sein.

Auf einmal machte sie sich rar, verzog sich mehr und mehr in die Düsterkeit einer verhängnisvollen Beziehung, gab Kontakte auf, auch zu uns. Anfangs noch hatte sie ihn vorgestellt, ihren armenischen Straßengeiger, doch der hatte ein anderes Frauenverständnis, wollte sie nur für sich, wachte eifersüchtig über all ihre Schritte und lebte von ihrem Geld. Alle Versuche, mit ihr zu reden scheiterten an dem Argument, sie habe nun den lang ersehnten Freund, wolle ihn nicht aufgeben. Auch in Kolumbien hatte sie viele Freunde, offenbar nur selten einen für ihre Liebe. Nur manchmal sahen wir sie noch in der Stadt, im Treppenhaus, sie wirkte bedrückt. Ach Anke, ach Anke.

Aufgeregt stand Anke vor der Tür, ich hab ihn rausgeschmissen, jetzt droht er mir, will mich umbringen. An meiner Tür klingelt er Sturm, darf ich hier bleiben. Aber freilich. Vor der Eingangstür brüllte ein völlig aufgelöster Mann, rüttelte, versuchte die Tür ein zu treten, hielt die Klingeln aller Wohnungen gedrückt. die Nachbarn trafen wir im Treppenhaus, bitte nicht auf machen, der Mann ist gefährlich. Irgend wann schaffte ich es, die Klingelanlage ab zu schalten, das Schrillen aus zu stellen. Dann war Ruhe, eine viertel Stunde lang. Dann das Telefon, unser Ober vom Italiener gegenüber, hier war der Freund, er wollte eine Pistole, ein Messer, wir haben ihm natürlich nichts gegeben, er ist zurück. Zielgerichtete Schläge donnerten nun gegen die Eingangstür, zum Glück massiv, alt und haltbar, sie bog sich. Jetzt müssen wir die Polizei einschalten. Die kam, nahm ihn vorläufig fest und befragte uns, wie viel wir getrunken hätten. Am nächsten Tag setzte der Richter einen Radius von 2 Km um das Haus fest, den er zu meiden hätte. Anke hatte trotzdem Angst, ich kenne ihn, seine Manneswürde ist verletzt, er bringt mich um, auch in der Stadt. Erst als er ausgewiesen wurde weil ohne Papiere war sie wieder sicher.

Wir waren wieder oft zusammen, hatten unseren Spaß, lernten ihre Eltern kennen. In den Ferien in Spanien, traf sie eine Argentinierin, verliebte sich, holte sie nach Erfurt und lebte mir ihr zusammen. Die beiden heirateten und auch das ging nicht gut aus für uns. Auch diese Liebhaberin war eifersüchtig auf alle Freundschaften ihrer Geliebten, wollte sie nur für sich alleine in der kleinen Zwei-Zimmer Wohnung unterm Dach juchhe in Erfurt an der Straße, die Lange Brücke heißt. Wir haben die Freundschaft mit ihr verloren. Ach Anke.

 

 

 

 

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