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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft II

12. August 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Teil II

Eine andere Ebene war, Lehrern Insider-Informationen zu vermitteln. Was dachten diese Glatzköpfe, was war attraktiv an ihnen für junge Leute, wie waren sie organisiert und vernetzt, welche Musik hörten sie, welches Frauenbild hatten sie und warum ordneten sich Frauen dem unter? Es waren ja nicht nur Glatzen, mittlerweile gab es eine neue Generation von smarten Rechten auch in den Schulen, die intelligent waren, zu argumentieren wussten, die Schwachstellen ihrer Gegner kannten und Diskussionen gewinnen konnten. Es gab Modelle von Schulorganisation gegen Rechts, seltsamerweise war es schwer, mehr als Einzellehrer dafür zu gewinnen.

Noch besser, beschlossen wir, ist es, Schüler direkt anzusprechen. Weniger mit Gegenargumenten gegen Rechts, die nützen eh nichts wenn die Attraktivität in Kraft und Macht lag. Erfahrungen zeigten, dass Demokratie einüben eine gute Waffe ist. Nun denn.

Es gab bereits Schüler-Streitschlichter, das sollte auch in Thüringen möglich sein, wir begannen mit der Ausbildung im Schüler-Schlichter-Modell an Schulen. Dabei bereden die jungen Leute unter sich nach einem festgesetzten Schema die Probleme so lange, bis eine für beide Seiten akzeptable Lösung gefunden ist. Dazu musste 1. die Schule bereit sein und 2. Streitschlichter ausgebildet werdend. Was dabei herauskommen kann ist Toleranz gegenüber Andersdenkenden sowie ein konstruktiver Umgang mit Konflikten.

Einschub:

"Streitschlichtung kann dazu beitragen, das soziale Klima in der Schule zu verbessern. 
Streitschlichter vermitteln in Konflikten zwischen Mitschülern mit dem Ziel, eine für beide Seiten akzeptable Konfliktlösung zu finden. 
Beide Streitparteien erhalten die Möglichkeit, die Situation aus ihrer Sicht darzustellen. 
Die Streitschlichter wiederholen, fassen zusammen, fragen nach, vermitteln, ergreifen aber niemals Partei oder fällen ein Urteil. 
Im Laufe der Vermittlung sollen sich die Streitparteien über ihre Interessen, Gefühle und Bedürfnisse, die mit dem Streit in Verbindung stehen, bewusster werden und nach einer fairen und realistischen Lösung für die Zukunft suchen. 
Die Lösungsmöglichkeit, auf die sie sich letztlich einigen, wird in einem Vertrag schriftlich festgehalten. 
Das Gespräch findet in einem ruhigen Raum statt, der von den Streitschlichtern gestaltet wurde. Das Gespräch wird vertraulich behandelt, d.h. weder die Streitschlichter noch die Konfliktparteien dürfen das, was im Streitschlichterraum besprochen wurde, anderen Personen berichten. Eine Grundannahme der Vermittlung bzw. Streitschlichtung ist, dass die Beteiligten sich eher an Abmachungen halten, die sie selbst ausgearbeitet haben. Schüler, die einen Konflikt mit Hilfe der Streitschlichter untereinander gelöst haben, können sich wieder begegnen. Keiner hat verloren und niemand muss Gelegenheiten suchen, Rache zu nehmen."  

(Eine Praxis zu verfolgen bei http://www.surenland.de/streitschlichter.html und eine Übersicht über die Möglichkeiten der Streitschlichtung zu finden bei: http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=2208).

Natürlich machten wir diese Kurse nicht alleine, andere Organisationen schlossen sich an, Fachleute führten sie durch. (Noch heute - 2010 - gibt es sie).

Erfurt-Juli-09---25.jpgPrima Erfahrung hatten unsere Kollegen in Sachsen mit dem Planspiel Kommunalpolitik. Kommt mal zu uns, stellt es vor, zeigt was man machen muss. Sie kamen. In Zusammenarbeit mit einer Stadtverwaltung spielen die Schüler Stadtrat. Die Gruppe arbeitet sich über Wochen in die kommunalen Probleme ein und entscheidet in einer simulierten Stadtratssitzung. Vor Ort, praxisnah, lebendig, in Zusammenarbeit mit realen Verantwortlichen. Das war was. Demokratie von unten lernen. Mit realen Problemen aus ihrem Umfeld. Der Bürgermeister von Erfurt war einverstanden, die Fraktionen ebenso, eine Schülergruppe fanden wir, los gings. Gleich mit Problemen. Unsere Schüler interessierten sich für was ganz anderes als Parkplatzregelungen und Umgehungsstraßen, die Fraktionen des Stadtrates hatten wenig Zeit, der Bürgermeister - er war von der anderen großen Partei - gar keine, abgeschoben wurden wir zur Volkshochschule. Die fanden das ganz interessant, hatten aber wenig Einfluss auf den Rat der Stadt. Ein paar Gespräche schusterten wir mehr schlecht als recht zusammen, das war nicht meine erhoffte Inneneinsicht in die Mechanismen und Aufgaben des Rates. Dann kam der große Tag, der Schülerbürgermeister saß oben auf dem dicken Sessel, sein Rat um ihn herum, der Oberbürgermeister samt Kollegen spielten Publikum. Der Saal war voll, Presse und Fernsehen waren da, es hatte sich herumgesprochen, schien Interesse zu wecken. Und dann liefen sie zu voller Form auf, die jungen Räte, zeigten sich von ihrer besten Seite, riefen den Oberbürgermeister zur Räson, der sich mit Gewohnheitsrecht einmischen wollte, lösten Probleme nach ihrer Sicht und verschoben was nicht zu lösen war professionell in Ausschüsse. Es hatte noch ein politisches Nachspiel, die Fraktion der anderen großen Partei fühlte sich umgangen, im Nachhinein zu wenig eingebunden, gönnte nicht den Erfolg samt Presseecho ihren Gegnern, die gar nichts dafür konnten, im Strom der FES als der ihr nahestehenden Partei mit schwamm. In Erfurt haben wir unter diesem Bürgermeister nie wieder eine solche Sitzung hin gekriegt. Dafür in anderen Städten.  

 

 

 

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