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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft III

15. August 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Teil 3

Andere interessante Angebote für junge Leute gab es. Da war der Aussteiger aus der rechten Szene mit seiner Schilderung "Ich war einer von ihnen...", voll Wut und Ärger von den Glatzköpfen verfolgt, musste geschützt werden, konnte realitätsnahe erzählen wie er mehr zufällig hineingerutscht war, die Kameradschaft und ihre Zeremonien in Zeltlagern und Wochenendtreffen gut fand, sich hoch diente, Apparatschik wurde, zu zweifeln begann mit mehr Durchblick und aufgab unter dem ungeheuren Druck, Verräter zu sein und genannt zu werden. Mutig der Typ, kein Glatzkopf, eher intelligenter Softie und doch mal hoch Rechts. Ich mochte ihn, er war aus Köln und öfters bei uns.

Erfurt-FES Büro REIm Büro ging es  mal schlecht mal recht. Kollegin Büroleitung war intelligent, gebildet, kontaktfreudig, sozial und politisch engagiert. Sie hatte Potential, musste  Erfahrung sammeln, kompensierte dessen Mangel mit Pingeligkeit. Das ging mir zunehmend auf die Nerven, kollidierte mit meiner Haltung, Fehler als Lerneffekt zu akzeptieren. Lass doch mal 13 gerade sein, nein, nein, alles muss perfekt sein. Ich brachte sie zur Weißglut, sie mich auch. Die von der Personalleitung erwartete wohlwollend unterstützende Rolle brachte ich wenig zustande. Manchmal schafften wir es, zogen uns zurück, gingen essen, trinken, verbrachten Nachmittage beim Italiener, öffneten unsere Hintergründe, Verständnis erwartend über besseres kennen lernen. Das half eine Zeitlang, brach dann doch wieder zusammen. Jedes zu veröffentlichende Schriftstück verlangte sie zu korrigieren, jede Einladung, jedes Vorwort, jeder wichtige Brief, jeder Artikel musste über ihren Schreibtisch und kam zurück als wäre eine Hühnerhaufen darüber gewandert. Das mir! Wer hatte diesen Job denn schon sein halbes Leben lang gemacht? Ja, ja, manchmal hatte sie ja Recht, sie konnte formulieren, hatte inhaltliche Ideen. Aber ich reagierte, als wäre es ein Angriff. Wehe, ein Seminar musste abgesagt werden, dann brach die Welt zusammen. Wehe es beschwerte sich jemand, das tat die andere politische Fraktion gerne, dann tobte sie, das darf nicht vorkommen. Ja aber, siehst du nicht den politischen Schachzug dahinter, nein, nein, Beschwerden dürfen nicht sein. Tagelang konnte sie darüber konferieren, wie der Cover einer Broschüre, das Deckblatt einer Einladung auszusehen habe. Wir haben besseres zu tun, es ist doch gut so, Nein, nein, das ist wichtig. In mir aber wehrte sich alles, hielt ich mich doch für einen erfahrenen Kopf, der sich nicht von einer jungen Frau maßregeln lässt. Natürlich wusste ich einiges besser, konnte aus Erfahrung einschätzen. Just in dieser Zeit verlegte die Stiftung Planung, Präsentation und Abrechnung der Veranstaltungen ins Intra- und Internet. Es waren meine ehemaligen Kollegen aus der IT-Abteilung, natürlich war ich ihr erster Ansprechpartner in der Praxis,  wir sollten führend sein in der Implementierung der Neuerungen. Da hatte ich schon wieder in die Nesseln gegriffen. Beide Damen in Sekretariat und Buchhaltung waren sachfremd, hielten eisern an ihren Routinen fest. Was will dieser Wessi, alles will er ändern. Hatten sie Recht, meinte ich doch zu wissen wie ein Büro organisiert wird, übersah die notwendige Langsamkeit von Veränderungen. Die mobbten irgendwann, petzten gegenüber der Büroleitung, ich maße mir die Führung an. Meine wütenden Reaktionen schlugen öfters in depressive Phasen um. Beständig war mein Kampf, der prompten Erledigung vielfältiger ad hoc Anforderungen Gelassenheit und geplante Arbeitsstrukturen entgegen zu setzen. Der Stress war wieder da. 

Es krachte mal wieder. Reinhold, sagte sie, es ist böse Stimmung mit den Damen. Ich fühlte mich gemoppt, gestoppt, ausgebremst. Es waren noch immer die Neuerungen im Netzverbund mit der Zentrale mit Adressdatenbank und PC-gestützter Abrechnung, ich war der Einzige, der es beherrschte. Doch statt, wie ich erwartete, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, zu lernen, Arbeitsabläufe zu automatisieren und zu verbessern, wollten sie nicht von ihrer Handarbeit lassen, blieben beim: das haben wir schon immer so gemacht. Ihr braucht eine Konfliktreduzierung sagte der Referatsleiter und verordnete Schulung. Da saßen wir nun und sollten unsere Tätigkeitsfelder beschreiben. Büroleitung und ich hatten viel, die Damen Althergebrachtes. Es war zum Verzweifeln. Die Buchhalterin begriff sich wenigstens als Buchhalterin, wenn auch mit handgeschriebenen Listen und Taschenrechner-Saldierung, die Sekretärin dagegen keinesfalls als solche. Sie hatte ihren kleinen Bereich von standardisierten Tätigkeiten, darüber hinaus Gehendes wehrte sie ab. All die kleinen Zuarbeiten eines Sekretariats hielt sie für Zumutung. Ich schreibe selber, telefoniere selber, ordne meine Akten selber, habe meine eigenen Adressen, sagte die Büroleitung. Ich auch. Jeder sein eigenes Servicecenter in einer Zeit der Anforderung, zentrale Programme zu nutzen, effektiver zu werden. Wenigsten das brachte die Schulung, übergeordnete Zwänge zu klären. Und eine neue Arbeitsteilung. Die hing an der Wand, wurde manchmal benutzt. Danach verstanden wir uns besser. Und ich hatte mich in Langmütigkeit bei der Wissensvermittlung zu üben. Zen am Arbeitsplatz, auch nicht schlecht. Ich las in antiken Philosophien, das höchste menschliche Gut sei, nach Sinneslust und Genuss zu streben. Zustimmung. Aber nicht im Büro. Eher schon bei der Arbeit mit den Zielgruppen.

 

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