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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft IV

17. August 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Erfurt_0758.jpgMit zunehmendem Stress nahm der Tinnitus zu, machte mich reizbarer, war manchmal schwer auszuhalten. Stritt mit M, war unduldsam im Büro, latent aggressiv, durcheinander, Scheiße, es musste mehr passieren als eine Vereinbarung über Arbeitsteilung . Medizinalrätin war sie, die Frau Dr. Ledermann, aufrecht, streitbar, selbstbewusst, der traditionellen Medizin mit einfachen Mitteln zugewandt. Ihr Alter an der Rentengrenze sah man ihr weder an noch würde sie es akzeptieren. Wir mochten sie und sie uns, noch mehr, nach dem sie unsere Geschichten mit bekam. Das konnten wir damals nicht in der DDR, sagte sie, höchstens Kuba. Sie schickte mich zu einer Psychologin. Diese Modekrankheiten, sagte sie, hatte man früher nicht. Ihre Probleme sind seelischer Natur. Und dann hat man Stress und dann hört man Töne.

Ganz aufschlussreich, die Gesprächstherapie. Sie arbeitete einsichtig Ursachen der Konflikte im Büro heraus, zeigte mich gespalten in einigermaßen selbstbestimmt privat, motorisch außengesteuert im Büro, unscharf für die Mitarbeiter, gab Mittel zur Veränderung: machen Sie ihre Tür zu, wenn sie arbeiten wollen und erklären Sie, warum; bereiten Sie ihre Argumente vor und benutzen Sie nur eins! Notieren Sie Ideen aber auch, auf was Sie verzichten können, belohnen Sie sich. Aber ja, mach ich, Freitag geh ich mit M fein aus. Und üben Sie NEIN sagen, jetzt nicht, später. Teilen Sie auf in Zeit zum Arbeiten, Zeit zur Kommunikation. Schwer war es, alte Verhalten abzulegen, nicht sofort auf alle Anforderungen zu reagieren, jeden Anruf anzunehmen (haben sie noch 30 Exemplare...), jede Nachfrage der Mitarbeiter umgehend zu bedienen, sich ablenken zu lassen von Kernaufgaben wann immer sich eine Gelegenheit bot. Ich hatte nun Checklisten zur Prüfung des Tages und Planung des nächsten. Zur Definition, was schön gewesen und zur Belohnung für Erreichtes. Manchmal half es. Dann fühlte ich mich, dem Sucher nach seinem Mittelpunkt, auf dem richtigen Weg.

Ausgesprochen hilfreich diese Therapie auch privat, war Kompass bei der Einordnung in das Geflecht von Beziehungen in der Familie, mit Freunden, zeigte Schwächen und Stärken, meinen Standort als Außenseiters mit Familiensinn. Das alles hatte was gebracht, dem Tinnitus nichts. Er brummte, machte meinen Kopf verrückt. Dann, sagte die Medizinalrätin, brauchen Sie eine Kur. Danach ging es erst mal besser mit dem Rauschen im Kopp. Doch der Stress kam schnellsten wieder.

Mit Jungendlichen arbeitete ich am liebsten. Anderen Themenschwerpunkte zu aktuellen politischen Problemen und Diskussionen mit Politikern und Experten waren ebenso wichtig, bereicherten mein Hintergrundwissen. Schon im Vorfeld musste ich mich einlesen, Kontakte aufnehmen, Programme und Einführungen schreiben. Die Riester-Rente war aktuell, gleich mehrere Seminare boten wir an. Überraschend, dass unsere Nachbarn schon längst Lösungen gefunden hatten, warum sah man da nicht hin? Holland hatte ein 3-stufiges System, das mir gefiel. Eine Basisrente für alle Bürger, ob sie gearbeitet hatten oder nicht, gerade eingebürgert waren oder dort geboren, Frauen und Männer gleich, die Lebensgrundlage abdeckend (damals waren es etwa 1000,-Euro), hinzu kamen betriebliche Renten für über 70% aller Arbeitnehmer plus der Eigenvorsorge. Ein Holländer kann nicht abrutschen in Armut, es sei denn, er will. Undenkbar allerdings in Deutschland, Arbeitgeber und Gewerkschaften so lange zusammen beraten zu lassen, bis ein System gefunden wird. Die Schweizer hatten schon lange ihren Pensionsfonds, der drohte, in seinem Wachstum den Bundeshaushalt zu überrunden. Die Dänen hatten ihr eigenes, flexibles, andere auch. Doch es schien, das Deutschland nie über seinen Tellerrand hinaus blickte, andere Erfahrungen aufnahm. Ein eigenes unbefriedigendes System musste her. Für die Politiker waren diese Veranstaltungen kein Zuckerschlecken. Sie kamen oftmals in Erklärungsnot.

 

 

 

 

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Martin 08/19/2010 23:25



Sehr hübsches Foto ;-)


Das hat ich erst so richtig auf diesen Artikel aufmerksam gemacht. Interessant, das alles zu erfahren.



R.Einloft 08/20/2010 10:13



Na, das freut mich. Das Bild ist aus Erfurt, vor einem Lokal, passt aber prima zu meinem Blog. Mal sehn, ob ich das nicht dauerhaft unterbringe.


Danke für deine netten Worte


Bestens RE