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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft V

19. August 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

So ganz gegen meine Erwartungen verlief die Veranstaltung zum Schulsystem. Auf dem Podium saßen sie, Vertreter der Kultusbürokratie, Lehrer, Gewerkschaft, Schüler. Letzterer gänzlich angepasst an die neue Welt, dunkel im Managerstiel gekleidet, ausgestattet mit allen Attributen der zukünftigen Führungskraft. Er verteidigte das 3-stufige System am vehementesten. Eigentlich alle, auch die aus der alten, 10klassigen polytechnischen DDR-Schule kommenden. Darüber hatte ich meine Diplomarbeit geschrieben, wusste aus Erfahrung mit Lübkescher Dorfschule um die Vorteile eines Einheitssystems, das unabhängig vom Bildungsstand der Eltern alle Fähigen zum hochrangigen Abschluss bringt. Auch gegen die Kritik, die DDR hätte Arbeiterkinder eher gefördert, hatte ich nichts, war ich doch eines. Natürlich war die ideologische Beeinflussung ständig und perfide, doch die Finnen hatten es vor gemacht, wie es gehen konnte. Schon in den 70er Jahren hatten sie das DDR-System studiert, aller Ideologie entkleidet und es zum führend Schulsystem der Welt ausgebaut. Es gab nicht nur Nachteile dieser Schulform, es gab Vorteile. Das 3-geteilte, noch immer der wilhelminischen Klassenteilung vor über 100 Jahren folgenden dagegen bot einzig der Elite Vorteile. Ich war verblüfft, waren das jetzt alle Elitehungrige da vorne, bot an, Kontakte zu und Informationen über die Finnen zu organisieren, warum schaut ihr euch das nicht mal an, nein, sie wussten schon, das wollten sie nicht, im Westen alles bestens. Einzig der Gewerkschafter wagte kleine Zweifel hie und da einzustreuen.

Daraus machen wir ein Buch, entschied die Kollegin Büroleitung, das ist hochinteressant. Fand ich auch. Besonders gut gelungen war mir dieses Seminar in der Fachhochschule mit drei hochrangigen Experten. Stirbt der Osten aus? Nein sagten die, und Prof. Schwarz, ehemaliger Leiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung setzte dem noch eins provokativ drauf: eher stirbt Deutschland aus. Na glaubste denn! Ihre Zahlen und Analysen zeigten es. Der Geburtenrückgang seit Anfang der 70er Jahre führt dazu, dass der Bevölkerungsstand der vorigen Generation nur noch zu 2/3 reproduziert wird. Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert. Wenn die Geburtenrate von 1,3% weiter gehalten wird, werden wir im Jahr 2040 nur noch 68 Mio. Deutsche sein. Und die Erwerbstätigen, also die Menschen im arbeitsfähigen Alter, werden von 37 Mio. (1997) auf 24 Mio. 2040 gesunken sein, die Mehrzahl davon über 45 Jahre. Und wer bezahlt dann die Renten? 1995 waren es noch 4 Erwerbstätige, die einen Rentner finanzierten, 2040 werden es nur noch knapp 2 sein, die das Geld für eine Rente abführen müssten. Denen bliebe nicht mehr viel zum eigenen Überleben. (Das lernte ich ebenfalls, unser Rentensystem ist nicht ein Fond, in dem die Abgaben eingezahlt werden und im Alter zurückfließen, es ist ein Rotationssystem, in dem die gerade Tätigen mit ihren Abgaben die Rentner finanzieren. Bisher war es krisenfest, bleibt es aber nur, wenn genügend Menschen Arbeit haben). Wie können Lösungen aussehen? Wollten wir den Rückgang der Bevölkerung ausgleichen, auf dem Stand von 1994 halten, brauchten wir jährlich 1 Mio. Einwanderer und bis bis 2040 insgesamt 25 Mio. Wir müssten also ein Einwanderungsland werden. Als unterstützende Strategie schlugen die Experten vor, die Frauenerwerbstätigkeit zu erhöhen, Beruf und Familie zu vereinbaren.  Und für den Osten gilt: ab 2006 wird Thüringen qualifizierte Arbeiter suchen (Wagner), im Osten wird das Arbeitskräftepotential knapp werden (Schwarz). (Heute Morgen - 2010 - höre ich im Radio, im Osten werden händeringend Lehrlinge gesucht. Siehe da, es hat gestimmt). Die Broschüre "Stirbt der Osten aus?"  ist bei der FES, Landesbüro Thüringen erschienen

 

 

 

 

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