Artikel teilen! (52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft VI: Daraus machen wir ein Buch, sagte Wolf. Wir waren auf dem Rückweg von ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
Hier gehts zurück zum Anfang: -------------->Erste
Seite
Daraus machen wir ein Buch, sagte Wolf. Wir waren auf dem Rückweg von einer Veranstaltung über Demokratie, hatten weiter diskutiert mit Teilnehmern, fuhren durch eine verzauberte, mondbeschienene Landschaft Nordthüringens, mal sich weit öffnend, mal in Täler sich absenkend, durch Orte, an urigen, baumbestandenen Flussufern entlang, alles menschenleer, wir waren allein auf der Welt. Und hatten immer bessere Ideen, zu humanen Gemeinwesen. Unsere Demokratie, war Wolfs Kredo, ist zwar nicht die best denkbare Organisationsform, theoretisch gibt es viel bessere, aber sie hat in den 50 Jahren ihrer Existenz in Deutschland ihre Funktionalität bewiesen. Da war was dran, er war der Wissenschaftler, der sich damit beschäftigte, öffnete mir neue Sichtweisen. Und meine Fragen als Praktiker mit dem Problem "wie sag ich´s meiner Zielgruppe" endete im Beschluss, daraus ein Buch zu machen. "Wie funktioniert Politik" ist in einer Sprache geschrieben, die auch Jugendliche verstehen, in Schulen einsetzbar und eingesetzt und jedem zu empfehlen, der dieser Frage schon immer mal nachgehen wollte (Wolf Wagner, "Wie funktioniert Politik?"; Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen 2002).
Ein richtig Freudscher Versprecher war das. Harprecht stellte seine Erinnerungen als Redeschreiber von Brandt vor, Buch Habel voller Leute, ich aufgeregt wie immer begrüße ihn nicht in Erfurt sondern in "Erfurcht". Alles lacht. Mit rotem Kopf erzähle ich meine Geschichte weiter aus der Brandt-Zeit, wie wir 1972 bei Barzels Misstrauensantrag im Bundestag in Rowenta Gewehr bei Fuß standen, aufgewühlt und kampfbereit wie nie vor und nachher, bereit, nach Bonn zu fahren. Doch die Abstimmung ging gut aus. Für Brandt hätten wir viel getan. Die Leute lachen nicht mehr, nicken zustimmend. Brandt war noch immer groß.
Erschütternd jedes mal die
Veranstaltungen über Konzentrationslager, in Thüringen hatte es einige gegeben. 22 Außenlager waren 1944 dem KZ Buchenwald unterstellt, Arbeitslager durchweg, wie Buchenwald einer bestimmten
Fabrikation zugeordnet, die Gefangenen bis zum Tode ausbeutend. Berühmt berüchtigt Dora-Mittelbau, nach der Zerstörung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde umgebaut zur größten unterirdischen
Rüstungsfabrik des Zweiten Weltkrieges, vor allem zur Produktion der „Vergeltungswaffe“ (V2) genutzt. Klamm und kalt ist es in den Schächten, unverständlich, wie Menschen da drin arbeiten und
existieren konnten (sie konnten nicht, starben massenweise). Wir haben Veranstaltungen innerhalb gemacht, erschüttert alleine durch die Vorstellung. Wer weiß schon, dass Werner von Braun mit
verantwortlich war für diese Anlage, mehrmals vor Ort war, den massenweisen Tod ausgebluteter Gefangenen billigend in Kauf nahm? Wer erinnert sich noch an den Ettersberg bei Weimar, dort wo
Goethe und Schiller herumspazierten, der zum unsäglichen Ort des Leides wurde? Mit dem Lager sollten politische Gegner bekämpft, Juden, Sinti und Roma verfolgt und „Gemeinschaftsfremde“, unter
ihnen Homosexuelle, Wohnungslose, Zeugen Jehovas und Vorbestrafte, dauerhaft aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgeschlossen werden. Wer erinnert sich noch, dass in Buchenwald 80% der Gefangenen
unterernährt waren, wie die Fliegen an Entkräftung, Hunger, Krankheit, Überarbeitung starben (mehr als 50 000)? Wer erinnert sich noch, dass Buchenwald danach zum Sowjetischen Speziallager wurde,
nochmals tausende umkamen? Wo wir konnten haben wir die Gedenkstätten unterstützt, wollten beitragen, Erinnerungen wach zu halten. Wenn ich an die Bilder, Berichte von noch lebenden Gefangenen,
Erläuterungen der Wissenschaftler, Darstellung der Zeitzeugen denke, läuft es mir immer noch kalt den Rücken hinunter. Dort auf dem Platz zu stehen, die Folterzellen, Massenverbrennungsöfen,
Erschießungsvorrichtung zu sehen ist anders als davon zu lesen. Ich wünschte, alle jungen Leute müssten diese Orte des größten Grauens Deutscher Geschichte besichtigen. So wie
die Weimarer, die von den Amerikanern gezwungen wurden, die Leichenberge anzuschauen. Sie hätten, sagten die meisten, von nichts gewusst. Nie wieder!