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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(52) Erfurt (2000-2003): Politische Bildung mein Geschäft VII

23. August 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Wichtige und wichtigtuerische Persönlichkeiten luden wir ein, lernte ich kennen. Thierse erinnerte sich nicht an Rio und den langen Tag, den er uns aufzwang, die Stadt kennen zu lernen, nun ja, wir waren Handlanger für Politikreisende; Karsten Schneider, der junge Bundestagsabgeordnete war Dauergast, waren wir doch eine seiner heimatlichen Plattformen; Thilo Sarrazin, noch Bundesbahnvorsitzender, sollte den Wirtschaftspolitischen Dialog als Serie leiten, sagte - heute wissen wir Gott sei Dank - ab, Literaten kamen und gingen, Landes- und Bundesabgeordnete, Ministerpräsidenten, Wissenschaftler. Sie alle wurden kleiner, handhabbarer vor ihrem Auftritt, manche waren stur, manche umgänglich. Meine liebste Bekanntschaft: ReghildebrandtRegine Hildebrandt. Großartig diese Frau, schon vom Krebs befallen, immerzu kämpferisch für Recht und Gerechtigkeit, sich trauend, in der DDR-Vergangenheit auch positive Elemente zu sehen. Den größten Saal musste ich mieten, 800 Leute kamen, sie war beliebt, nicht nostalgisch, vertrat Grundsätze ihrer Partei, der SPD. Wir haben noch lange zusammen gesessen, ich war fasziniert von ihrem Leben, ihrer Aufrichtigkeit, ihren christlich-humanen Grundsätzen. Gerne komme ich wieder, Reinhold, sagte sie. Ihr Tod traf mich wie ein Schlag. "Kinder" hatte sie gesagt, „das Sterben gehört zum Leben. Jammern nutzt da nüscht".   

Kritik traf mich immer doppelt. War schon mein Qualitätsanspruch an Inhalt und Ablauf hoch, war der von der Büroleiterin unermesslich. Nichts durfte schief gehen. Einmal jedoch war die Ironie der Geschichte zu eindeutig. Eppelmann Rainer, seines Zeichens Groß-Dissident der DDR, später CDU-Minister der letzten DDR-Regierung, beschwerte sich wütend. In einem Zeitungsartikel über die Ausstellung "SPD-Gründung DDR" wurde er zusammen mit Schnur als Stasi-Informant genannt. Nicht das verärgerte ihn. Böhme, empörte er sich, der IR und SPD-Mann, der fehlt. Wir konnten nichts für den falschen Artikel. In der Ausstellung wurde nicht er, sondern Böhme und Schnur korrekterweise als Stasi-Informanten benannt.

Am meisten hab wohl ich gelernt von den vielfältigen Veranstaltungen. Alle Themen, die uns auf den Nägeln brannten brachten wir in die Planung, arbeiteten uns inhaltlich ein, suchten Referenten und Fachleuten, promovierten Literaten und Künstler mit gesellschaftlichen Themen, hatten Politiker von Land und Bund, auch Wissenschaftler im engeren Kreis, leiteten Nachwuchs an, trafen uns mit Kollegen zur Weiterbildung. Ich lernte Probleme und Hintergründe der Verbraucherinsolvenz kennen, organisierte Schulungen in Verwaltungsmodernisierung, arbeitet mit der Handwerkskammer zusammen (Ubernell, mein Freund und Projektleiter aus Kolumbien war in Frankfurt, ich lud ihn ein zu einer Podiumsdiskussion über "regionale und lokale Förderung der Klein- und Mittelindustrie in Lateinamerika" - schön wars, ihm Erfurt zu zeigen). Schlussendlich optimierte ich dann doch die Arbeitsabläufe im Büro, wir hatten uns besser kennen und akzeptieren gelernt, Therapie und Übungen halfen. Oft. Noch viel gibt es von interessanten Inhalten zu erzählen. Vom Theater der Unterdrückten mit Jugendlichen, von alternativer Wirtschaftspolitik, die keinen interessierte, von Managerkreisen, russischen und baltischen Besuchergruppen, die unsere Wirtschaftsordnung kennen lernen wollten, von indischen und afrikanischen Besuchern und von einer Gruppe rüstiger Rentner aus dem Ruhrgebiet, die als alte SPD-Mitglieder unbedingt berühmte Wirkungsstätten aus der Geschichte ihrer Partei kennen lernen wollten. Daraus wurde sogar ein Angebot eines Reiseveranstalters, denn Thüringen hatte viel zu bieten. 1869 gründete sich in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP) unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Sechs Jahre später verbündete sich die SDAP mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein im Tivoli in Gotha. 1890 änderte die Partei ihren Namen in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“. Ein Jahr später verabschiedet sie auf ihrem Parteitag im Kaisersaal in Erfurt das gleichnamige Programm und so weiter und so fort. Geschichtsträchtig, diese Gegend. Niemand hatte bis dato offiziell daran gedacht. Bis die alten Sozialdemokraten kamen. Das machte mir Spaß und brachte Glücksgefühle. 

Andreas_Bausewein.jpgMein größter Erfolg? Ich habe dazu beigetragen, dass Erfurt einen jungen SPD-Oberbürgermeister hat. Nun ja, ein wenig. Die Idee, eine Nachwuchsakademie für zukünftige Partei- und Gewerkschaftskader aufzubauen, den jungen Leuten Wissen über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Führung zu vermitteln, kam von den Genossen. Das dürfen wir nicht, sagte Kollegin Büroleitung, wir durften wirklich nicht, alle vom Bundeshaushalt alimentierten politischen Stiftungen (jede der im Bundestag vertretenen Parteien hat ein Anrecht auf eigene Stiftungsförderung) müssen offen sein für alle Menschen, doch das ließ sich per Verfahren regeln. Noch nie hatte ich ein solch enormes Potential mit unseren Bildungsangeboten so gezielt  qualifiziert. Bewundernswert, wie die zukünftige Elite in ihrer Freizeit paukte, lernen wollte, wir hatten den Nürnberger Trichter gefunden. Aus einigen ist was geworden. Schon tätig in Dar es Salaam, ein paar Jahre später, kam die Nachricht, Andreas hat die Wahl gegen den langjährigen CDU-Oberbürgermeister gewonnen. Das hatte ich nicht erwartet. Er und sein neuer Assistent waren die eifrigsten in der Nachwuchsakademie.  

 

 

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