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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(53) Erfurt (2000-2003): Freundschaft II

1. September 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

Im ersten Teil habe ich die Freunde Marle&Wolf, Doryth&Michael und Consuelo&Torsten vorgestellt. Jetzt geht es weiter

 

Andreas BauseweinUnd dann waren da Sysann (Susi) und Andreas. Sie war Sekretärin der Fraktion im Landtag, er qualifizierte sich weiter, studierte Sozialarbeit, arbeitete daneben auch bei uns im Büro als Seminarassistent, solche Leute musste ich unterstützen, erinnerten sie doch an meinen Lebensweg. In der Nachwuchs-Akademie holte er sich wichtige Bausteine für seine Parteikarriere, kam in den Vorstand, vertrat den linken Flügel, wurde aussichtsloser Kandidat für die Wahl zum Oberbürgermeister von Erfurt, ging mit der PDS zusammen – und gewann. Ich meine, er wäre der jüngste Oberbürgermeister von Deutschland. Keinesfalls störten die Kinder, waren selbstverständlicher Teil ihrer Berufs- und Parteikarriere und bekamen das 3. bei seiner Wahl. Bei unserem letzten Treffen war Susi verwundert über die Frage, nein, ihren Beruf wolle sie nicht aufgeben, wolle nicht repräsentieren als Oberbürgermeistersgattin, sie habe ihr eigenes Leben.  


Erfurt_0758.jpgElvira und Roberto hatten sich in der UdSSR lieben gelernt, bei ihrem Studium, sie als Russischlehrerin, er als jungen kubanischen Atomphysiker auf dem Weg zur Spitzenmannschaft. Sie heirateten, zogen nach Kuba für 7 Jahre, hatten zwei Kinder und eine große Familie. Dann zog es sie in die nun mehr gewendete Stadt Erfurt, wenige Jahre bevor wir kamen. Elvira arbeitete in ihrem Beruf, nunmehr als Spanisch- und Englischlehrerin, er bei der Bahn als Computerexperte, einem Nebenprodukt seiner Ausbildung, an logistischen Verbesserungen. Dann zog der Latino-Blues sie nach Spanien, sie verkauften ihr Haus und ließen alles hinter sich, eröffneten eine Tapas-Bar und Elvira war glücklich. Er nicht, baute ab, bekam Symptome des Burn Out, ob der Belastungen vorher oder der Veränderung aktuell war nicht zu sagen, war egal, Depressionen sind schlimm. Wir haben einen Urlaub in ihrer Stadt verbracht, Elvira war immer da, hatte uns alles organisiert, schmiss lächelnd mit Geduld und Effizienz den Laden, viel Arbeit war es, für zwei gedacht, doch er war kaum ansprechbar, schlimm dran und wollte zurück nach Deutschland in die Sicherheit. Schweren Herzens verkaufte sie, zog mit ihm zurück nach Erfurt, wollte nicht mehr als Lehrer arbeiten (sie war es, die sagte: das ist die Berufsbezeichnung, die Frau sieht man), eröffnete eine Krabbelstube und war zufrieden. Er bekam eine Stelle, die Depressionen verschwanden, doch offenbar blieb etwas zurück. Sie haben sich getrennt. Nun müssen wir doppelte Treffen vereinbaren, wenn wir in Erfurt sind.

Erfurt-0733.jpgKatrin und Heiko sind noch immer zusammen, sie ist noch immer Lehrerin für Kunst an der Schule, die M fertig machte, er noch immer Verkehrsexperte mit Unistelle und privatem Beratungsunternehmen. Von ihm habe ich gelernt, dass Kreisverkehr nicht nur kostengünstiger sondern auch verkehrstechnisch sinnvoller ist. Das haben sie bei ihren Studien festgestellt. Ampelanlagen, sagt er, machen nur Siemens reicher. Die Folgekosten sind enorm und der Verkehrsfluss ist zumeist nur suboptimal geregelt. Sie haben eine Tochter, mittlerweile Studentin und Sängerin und wenn die Mutter neben ihr steht, weiß man nicht, wer die jüngere ist. Auch sie besuchen wir gerne.

Und da war die Gruppe junger Leute die wir schulten, denen wir beibrachten, wie Veranstaltungen vorbereitet und durchgeführt werden. Sie halfen bei der Logistik, bauten auf und ab, machten den Bücherstand, all das Formale, notwendig als Rahmenbedingung und zum Gelingen beitragend. Sie setzten sich in meinem Büro auf den Boden, erzählten von ihren Problemen beim Studium und zu Hause, später auch von Freundschaften, nahmen an unseren Jour Fix unterm Dach juchhe teil. Sie waren offen, dachten und handelten sozial, engagierten sich und machten ihren Weg; das Gegenteil der im Westen so beliebten Ossi-Karikatur.  Ich habe sie bewundert und viel von ihnen gelernt.     

Eine ganze Reihe interessanter. liebenswerter und weniger liebenswerter Menschen haben wir kennen gelernt.

 

 

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