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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(53) Erfurt (2000-2003): Ist der Ossi anders?

3. September 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

 

Zur Begründung der Standort-Wahl am Beginn der Erfurt-Geschichten hatte ich angegeben, wir wollten wissen: Ist der Ossi anders?Ja und nein, lernten wir.

P1000671Beginnen wir mit dem Nein. Auch sie sind typisch Deutsch geblieben trotz aller Indoktrination. Das als sozialistisch ausgegebene neue Menschenbild war in seinen Grundzügen nichts anders als Kleinbürgerlichkeit mit seinen Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, Rechthaberei und Anpassung (nein, nicht geschmeidige, eher nach oben dienernde). Kann sogar sein, dass dieser Verhaltenskodex im Westen auf dem Rückzug, im Osten nach wie vor zentraler war. Darin waren sie Deutsche. Ich habe einmal vorgeschlagen, die Handbremse, wie in anderen Ländern üblich, nicht anzuziehen beim Parken. Dann können die Autos leicht mit der Stoßstange rangiert, die Parkplätze optimaler genutzt werden. Sie haben mich fast gelyncht. Ihr in der Werteskala ganz oben angesiedeltes, Liebhaberstatus einnehmendes, nach langer Dürreperiode neu erworbene Spielzeug zum Nutz- und fahrbaren Untersatz zu degradieren kam einem Sakrileg gleich. Des Bürgers liebstes Kind! Das allerdings widerfährt einem im Westen auch.

Anders sind sie freilich, vorneweg die Frauen. Sie benötigen keine eigenen Statussymbole und Organisationsformen, keine lila Latzhosen und Zeitschriften, sie SIND emanzipiert mit einer lässigen Selbstverständlichkeit. "Ich bin Lehrer, dass ich eine Frau bin, sieht jeder" sagte eine Freundin. Neue, die Sprache verstümmelnde Wortungetüme brauchen sie nicht, gleichberechtigt arbeiten war und ist für viele selbstverständlich. Oft habe ich sie erlebt, diese zweifelsfreie Selbstverständlichkeit der Frauen, mit den Männern auf Augenhöhe zu stehen UND anders zu sein. Das hat mir imponiert.

Aus unserer lateinamerikanischen Sicht erschienen Ossis ehrlicher, natürlicher, aufrichtiger, Wessis dagegen eloquenter, hatten die Tendenz zur Übertreibung. Ossis redeten ohne Mühe von Gefühlen, waren direkter im Ausdruck, kamen schneller zum Kern der Sache ohne viel darum herum zu reden. Cool sein war ihnen noch ein Fremdwort. Wessis dagegen wirkten schnell von oben herab, überheblich, aufgeblasen. Fand man die richtige Stricknadel, war die Luft schnell heraus. Doch die richtige Nadel zu finden war schwer, auch für mich, eloquentes Auftreten kann verwirren, lässt hinter der Maske mehr vermuten als vorhanden, macht hilflos, produziert die Tendenz, auch so sein zu wollen.

P1000684Anders auch die Essgewohnheiten, bis heute zu bemerken.


Hinweggefegt hatte das Volk offenbar auch die sturen Quadratschädel - ham mer nich, gönn mer nich, kriegen wer ooch nich rein und Grenzer sind bedrohlich. Oder war die Ursache des neuen Verhaltens eher der Unsicherheit des Arbeitsplatzes im "Gabidalismus"  zuzuschreiben? Jedenfalls waren die meisten Verkäuferinnen überaus freundlich. Nur ab und an lugten die alten Verhaltensmuster veränderungsresistent um die Ecke: Nee, das haben wir schon immer so gemacht. Anders auch das Straßenbild, im Westen geprägt vom Einheitsmode-Look, hier bunter, individueller, weniger aufgemotzt-konsumorientiert. Manchmal kam es mir südländischer vor, besonders wenn die Sonne schien in Erfurt. Auch normal damals, dass Kinder die Sachen der älteren Geschwister auftrugen, schon lange undenkbar im westlichen Teil des Landes. Und kleine Jungens trugen Igelfrisur und Schwänzchen.

Aber auch öfters spürbar die latente Aggressivität gegen alles Andersartige und Fremde. Das ging so weit, dass rechtsgerichteten Jugendliche sich von Solidarität getragen fühlen konnten, wenn sie gegen Ausländer demonstrierten, sogar, wenn sie gegen sie vorgingen. Und das kam öfters vor. Sogar bei mir mit meinem ecuadorianischem Hut, sahen sie mich, wechselten sie die Seite, kamen auf mich zu, ich war gut beraten, abzubiegen. Das aber war gar nichts, die Gewalt gegen Ausländer war systematisch. Ein befreundeter Inder, Professor an der Universität, mit einer Deutschen verheiratet, schon lange in unserem Land, wurde in der Straßenbahn angefallen, auf dem Nachhauseweg, wo sie ihn kriegen konnten. Er musste Sicherheitsstrategien für seine Präsenz in der Öffentlichkeit einbauen. Die Polizei konnte ihm nicht helfen, niemand. Bei mir produzierte das ohnmächtige Wut. Und M haben die Glatzen, Freunde einer ihrer aggressiven Schülerin, mit Kampfhunden verfolgt. Eine Schusswaffe hätte ich mir gewünscht. Wegen der Hunde. Auch das war der Osten.

P1000685Wenn ich heute (2010) zurückdenke, ist die Summe der Erfahrungen positiv. Die Menschen im Osten erinnerten damals manchmal, nur ganz wenig, aber doch in Richtung an die Menschen in Lateinamerika. Gut, sie tanzten nicht bei allen Gelegenheiten. Unser Versuch, Fasching in Kneipen zu feiern, ging baden. Wir waren die einzig Verkleideten. Sogar der Kubaner, den wir trafen, fand keine tanzbare Musik. Da hat er uns Mambo beigebracht. Ansonsten aber war die Welt noch einfacher, beziehungsfreundlicher, nicht radikal auf Gewinnstreben ausgerichtet.

 

Erfurt-Juli-09---28.jpg

 

 

Die Wessis, die am Osten reich wurden, haben die neue Art des Denkens und Handelns eingeführt.

Insgesamt haben sie mir gefallen, die Erfahrungen in dem etwas anderen Deutschland. 

  

 

 

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Marianne Schreiber-Einloft 09/03/2010 13:54



die Fotos sind einfach toll dazu!



R.Einloft 09/03/2010 14:21



Danke, fand ich auch, die passten irgendwie


Gruß und so von mir