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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(60) TAN - Die Arbeit I - aller Anfang ist verdammt schwer

10. Oktober 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Resident Director FES steht auf meiner Visitenkarte. Politische und soziale Projekte mit langer Tradition soll ich weiter führen, denn die FES war die erste Stiftung, die schon in den späten 60er Jahren den afrikanischen Sozialismus des Gründervaters Julius Nyerere unterstützte, dem charismatischen tansanischen und afrikanischen Führer und Freund von  Willy Brandt.

Begruessung am Tor„Karibu Ofici“ heißt mich Mohammed, der Wächter, freudestrahlend morgens am Tor willkommen. Und dann knallt er die Hacken zusammen und grüßt schneidig.

 

 

TAN-Buro-FES.jpgDer einstöckigen Flachbau, umgeben von einem großen, brachliegenden Stück Land mit tropischen Bäumen, war als Wohnhaus gebaut und von einem meiner Vorgänger umfunktioniert worden. Das Team macht einen freundlichen, zurückhaltenden, würdevollen Eindruck. Ich lerne, sie gerne zu haben. Aber die Büroräume sind weder funktional noch sehen sie repräsentativ aus. M hilft mir. Sie schreibt: Auf uns wirkte es verwahrlost, wie mehrere Abstellkammern hintereinander. Alles war etwas vernachlässigt, die Möbel zeugten von schlechtem Geschmack, die Schranktüren hingen schief in den Angeln, die Tische wackelten und die Polster der Sessel waren zerschlissen. Wir notierten uns eine Liste mit den erforderlichen Umbauten und Einkäufen.

Die Mitarbeiter waren alle überaus freundlich. Die Büroleiterin Adda war Deutsche, und ich konnte mich mit ihr unterhalten wie mit alten Freundinnen und Kolleginnen aus der Gewerkschaft. Die männlichen wissenschaftlichen Mitarbeiter und einfachen Angestellten verhielten sich mir gegenüber zurückhaltend und scheu, aber die Frauen gingen mit freundlicher Neugier auf mich zu und ich spürte, wie ich sie vor den Kopf stieß, weil ich schon wieder meine Hand bei der Begrüßung zu schnell weggezogen hatte. Na, die waren Kummer gewöhnt mit den Deutschen und würden es mir nicht übel nehmen. Wie sollte ich mir nur diese Namen merken! Llwehabura und Mmuya und Ishengoma und Msheku und Ngogoto und und und.

Beginn Mai-Juni 2003

Die Arbeit fing voll an. Interne Sitzungen wechselten sich mit externen ab. Arbeitsessen, Botschaftsempfang, EU-Kommision, Seminare, Tagungen, Experteneinsätze. Peter, der Vorgänger, schleppte mich überall hin mit, stellte seine Kontakte und Arbeitsansätze vor, einen Monat hatten wir Überlappungszeit, sie gingen schnell rum.  Dann musste ich ihn und Valeria verabschieden mit offiziellen und privaten Feiereien, irgendwann endgültig. Peter wollte nicht aus seinem Büro hinaus, jetzt saß ich drin. Ich musste überall reden. Hier wurden Reden geschwungen bei jeder Begrüßung. Auf ENGLISCH auch noch!!!!

Einschub von M (27.6)

FES-Tansania-Ubergabe.jpgUnd nun war  der große Tag gekommen – die Übergabe der Geschäfte an R. Peter hatte dazu ein geschmackvolles Hotel gebucht und es stellten sich eine Reihe von  Botschaftern, Politikern und anderen wichtigen Menschen mit herausgeputzten Gattinnen ein, die Afrikanerinnen in prachtvollen bunten Kleidern und dazu passendem Kopfputz.

Mein Liebster war  wie immer aufgeregt. Besonders bei einem so wichtigen Termin konnte er nächtelang vorher nicht schlafen. Hinzu kam, dass er erst dabei war, seine geringen Englischkenntnisse aufzubessern. Und er wusste, dass seine Aussprache einen stark spanisch gefärbten Akzent hatte. Wir hatten zusammen eine richtig gute Rede aufgesetzt und jeden Tag wieder etwas daran verbessert. Leider hatten wir nicht alle Wörter vermeiden können, die er nicht aussprechen konnte, und so musste er sich mit „strengthening“ und „appreciated“ auseinander setzen, aber er las alles bravourös ab und brachte sogar spontan einige witzige Bemerkungen unter. Peter, der danach sprach,  hörte überhaupt nicht wieder auf, er redete und redete und ich wunderte mich über sein mäßiges Englisch. Er war doch über drei Jahre hier gewesen?

Langsam verstand ich, was unser Freund Wolfgang meinte mit der Bemerkung „die neue Weltsprache ist schlechtes Englisch“. Klar, die meisten haben es als Zweitsprache gelernt und so klang es auch. Den Vergleich mit den anderen Rednern brauchte Sebastian nicht zu scheuen und ich war als seine Englischlehrerin wohl zu anspruchsvoll.

Die Minister, Botschafter, Gewerkschaftsvorsitzenden, Parlamentarier, deutschen Experten und Mitarbeiter hielten lange Reden, scheinbar ohne jede Selbstzweifel aus dem Stegreif und jeder lobte die gute Zusammenarbeit und die große Hilfe, die unsere Stiftung und ihr Repräsentant für das Land bedeuteten,  und die sicherlich auch der neue Direktor – Verbeugung - weiterführen würde. Auch seiner Gattin – mir – wünschten sie einen angenehmen Aufenthalt in ihrem Land.

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Joachim 10/13/2010 12:44



Dass es die Gattin ist, die schreibt!


LG Joachim



R.Einloft 10/14/2010 19:27



Wie gesagt, immer dann, wenn ein M davor steht und die Schrift in Kursiv gesetzt ist


M schreibt gut, ich weiß. Andere Sicht, andere Darstellung.


Gruß RE



Joachim 10/12/2010 21:30



Muss man wissen! Lach



R.Einloft 10/13/2010 12:24



Was meinst du muss man wissen? Vielleicht zu ausführlich? Es hört bald auf


Beste Grüße RE



Joachim 10/11/2010 17:35



Das ist wohl aus der Sicht der Gattin geschrieben? Nicht schlecht!


LG Joachim



R.Einloft 10/12/2010 10:49



Ja, immer dann, wenn M davor steht und der Text kursiv ist, dann ist sie Berichterstatter. Es ist ein zweiter Blickwinkel.


Gruß RE