Artikel teilen! (61) TAN 2003 Sansibar: Der kleine König: (M schreibt) Die Überfahrt mit dem Schnellboot dauert knapp zwei Stunden und auf dem Weg dorthin sind ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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(M schreibt) Die Überfahrt mit dem Schnellboot dauert knapp zwei Stunden und auf dem Weg dorthin sind viele kleine Inseln im tiefblauen
oder türkisfarbenen Indischen Ozean zu sehen – manche nur weißer Sand, manche auch mit Palmen und Urwald drauf. Stone Town hat ein paar sehr prachtvolle alte Gebäude aus der Zeit der Perser und
der Sultane von Oman, sowie eine christliche Kirche, islamische Moscheen und einen indischen Tempel, alle dicht beieinander. Die meisten Häuser sind ziemlich heruntergekommen durch die feuchte
salzige Luft und die Armut der Menschen. Morgens um halb fünf und dann auch tagsüber noch ein paar Mal jodelt der Muezzin. Die meisten Frauen sind verschleiert, manche haben einen Seeschlitz, die
anderen tragen nur ein Kopftuch und ein langes Kleid. ...Es gibt eine Reihe von Indern und Inderinnen, die meist sehr schön gekleidet sind, sie sind fast immer Händler oder Hotelbesitzer. Viele
Leute haben einen persischen Einschlag, aber die meisten sind schwarz.
(R) Muslimische Frauen dürfen nicht Rad fahren, dürfen nicht baden. Sie dürfen nicht in die Kneipe, keine eigene Geschäftstätigkeit ausüben. Was sie dürfen und tun blieb immer für uns im Dunklen, auch die Frage, ob sie glücklich oder unglücklich sind. Bis zu 4 Frauen darf ein Mann haben, umgekehrt wär’s logischer. Im Park habe ich sie gesehen, ein Mann führte seine Familie mit Frauen und Kindern aus, schritt einsam an der Spitze würdevoll dahin und hinter ihm, lustig und schnattern wie die Gänse, sein Anhang.
(M) Unser „Tembo“-Hotel war prachtvoll und überladen mit alten arabischen Möbeln und Lampen, über jedem Bett ein Moskitonetz, und es hatte das schönste Badezimmer, das ich je gesehen
hatte: eine Sitzbadewanne im Fußboden mit Stufen aus kleinen blau-gold-weißen Kacheln, die Armaturen waren aus verschnörkeltem Messing. Das „Tembo“ diente bis zum Ende der Kolonialzeit als Palast
des britischen Gouverneurs. Das Essen war vorzüglich, sehr viel frischer Fisch und Seegetier, intensiv und sehr fremdartig gewürzt und mit Cocosmilch gekocht. Leider bekam man weder Wein noch
Bier, nur Wasser und Limo. Es war verboten, Alkohol zu trinken, auch auf den Zimmern.
(
R) Am Sonntag morgen vor Sonnenaufgang Geschrei am Strand.
Ein Vorsänger brüllt eine Strophe, der Chor der Männer fällt ein. Rau, laut, kräftig. Dann wieder der Vorsänger. Rhythmischer Wechselgesang. Es waren Fischer, die ein Boot mit ihrem “hau-ruck”
aus dem Wasser zogen.
Die Insel ist landwirtschaftlich intensiv genutzt und überall sehr grün. Es gibt herrliche weiß gesäumte Strände und
Korallenriffe, wo man tauchen und schnorcheln kann. Wir hatten nicht den Eindruck, dass Ausländer abgelehnt werden, fühlten uns eher von den Verkäufern und Fremdenführern verfolgt. Nur dass
einige weiße Frauen es nicht lassen können, mit kurzen Hosen und Top durch die engen Gassen zu laufen, kann ich nicht begreifen.
Natürlich musste ich seiner Exzellenz, dem Vizepräsident der kleinen Insel meine Referenz erweisen, dem kleinen Mann, der sich wie der König von Timbuktu gerierte. Ihn zu betreuen war eine meiner Aufgaben während der Vorbereitung auf den Auslandseinsatz in Deutschland (Frühjahr 2003). Die FES hatte ihn eingeladen zu einer Afrika-Woche zusammen mit anderen Führern des Kontinents. Es waren wirkliche Könige und Präsidenten darunter, einzig ER hatte verlangt, samt Frau und Hofstaat inklusive Leibwächter reisen zu müssen. Wir konnten ihn auf 7 Begleitpersonen herunterhandeln und Kostenbeteiligung. Sansibar war nun wirklich nicht das relevanteste Land, wenn auch eine sehr interessante Insel. Politisch gehörte sie seit 1964 zu Tansania, war recht eigenständig geblieben, hatte eine lange Geschichte der Okkupation durch die Sultane von Oman, die zeitweise ihren Regierungssitz auf die weit entfernte Insel verlegten. Kein Wunder, denn die Insel war wunderschön, muslimisch dominiert und reich an gefragten Gewürzen.
Auf dieser Insel war ER politisch der 2 Mann und da der Präsident von Sansibar nach der Verfassung automatisch Vizepräsident von Tansania ist, war unser Gast als Vize des Vize hochrangig eingestuft. Berlin, seine erste Station, stellte zwei Verfassungsschützer, jung, dynamisch, eloquent und sprachgewandt, sichtbar bewaffnet unter ihren flotten Jacketts als Begleitung. Die standen vor dem VIP-Empfang, wir mussten zum Empfang an das Flugzeug und rollten den roten Teppich aus. Er war in der Schweiz in eine kleine Linienmaschine umgestiegen, die landete, alle Türen blieben geschlossen, der Copilot kam zu uns, fragte, wer der Leiter sei und übergab mir eine Tasche voll mit Pistolen. Dann erst durfte unsere Delegation aussteigen, danach die Passagiere. Bullige Bodyguards umgaben ihn, eine weibliche Jane Bond deckte seine Frau. Was sollte ich mit den Waffen tun? Wir mussten durch eine Sicherheitskontrolle, ich rannte los, ein Alarm schrillte, kam durch die Tür und übergab erleichtert das Paket den draußen wartenden Sicherheitsbeamten. Die regelten das. Wie im Film mit einem Polizeiwagen vor und einem dahinter, die unsere drei Wagen abschirmten, ging es flott durch Berlin zum Hotel. ER war würdevoll unnahbar, strebte umgehend dem Aufzug zu, verschwand auf seinem Zimmer, setzte sich in einen Sessel. Ich sah noch, wie sein Sekretär sich dienernd ihm näherte, dann ging die Tür zu, ich war mit seinen Bodyguards alleine. Die lachten über mein erstauntes Gesicht und verteilten sich auf dem Flur. Natürlich hatte ich in der Nähe zu schlafen, er konnte ja einen Wunsch haben. Nachts traf ich die Guards auf dem Boden vor seinem Zimmer sitzend, es fehlte noch das Lagerfeuer. Ein Boy bügelte die Kleider seines Herrn und seiner Dame auf, alle waren friedlich und freundlich. Eine Woche lang hatte ich IHM alle Wege frei zu räumen und Sonderwünsche zu erfüllen. Froh war ich über die Begleitung durch seiner Frau, so kam ich nicht in die Verlegenheit, blonde Schönheiten aufzutreiben. Vor dem Flug nach Bonn musste ich die Waffen wieder einsammeln, diesmal mit Hilfe der deutschen Schützer. Es gab Gott sei Dank nur kleinere Missverständnisse. So, als bei einer Besichtigungsfahrt den Rhein entlang signalisiert wurde, der hohe Herr möchte sich die Hände waschen. Zum Mittagessen auf dem Petersberg, der ehemaligen Regierungsabsteige für gehobene Gäste, war es nicht weit, ich vertröstete um kurz darauf vom Begleiter nochmals und dringend ermahnt zu werden, zum Hände waschen anzuhalten. Wir fuhren am Hotel vor, mussten nochmals wenden zu einem anderen Eingang, ER flitzte aus dem Auto und verschwand in der Toilette. Hände waschen war das Synonym für „mal müssen“. Ich hatte seine Blase arg strapaziert. Selten war ich so erleichtert, als die Delegation zur Abreise im Flugzeug verschwand.
Den wollte ich in seinem Herrschaftsbereich besuchen. Seine Bodyguards im Vorzimmer erkannten mich gleich, lachten, freuten sich sichtlich, tranken Kaffee mit mir. Für sie war die Reise ein Abenteuer, sansibarische Politiker reisen nicht oft. Würdevoll auf einem hohen Sessel sitzend, keine Miene verziehend, wurde ich empfangen. Das Insel-Fernsehen filmte, ein Reporter knipste, dann waren wir alleine und talkten small. Sein Anliegen war, dass die FES in Sansibar weiterhin und wenn möglich sich mit Entwicklungsprojekten engagieren solle. Er war zu weit oben um irgend ein konkretes Anliegen zu haben. In der Sprache seiner Welt hieß das, ich hatte freie Hand und Rückendeckung - wenn ich seiner politische Richtung folgte.