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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(62) TAN 2003: Afrika ist anders – Impressionen II

20. Oktober 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

Old-but-Gold-Kipepeo---3.jpg„Mzee“ heißt alter Mann. Marianne behauptet, das sei afrikanisch ehrfurchtsvoll, weil die ja alte Männer ehren. Für mich sei die Anrede „alter Mann“ auch so gemeint. Ich habe Urlaub, deshalb haben wir unser Hausmädchen abbestellt. “ Ach“, hat sie zu Marianne gesagt, „Mzee braucht Ruhe“? Ja, Mzee braucht immer mehr Ruhe.

Abfall heißt takataka und wird im Garten oder am Straßenrand verbrannt. Dann stinkt es nach verkohltem Gummi und Plastik in der ganzen Nachbarschaft.

Manchmal fährt ein Jeep schnell über die Buckel und Löcher der Staubpiste vor unserem Haus. Dann hüpfen die Räder in der Federung und die Fahne aus Staub hinter ihm senkt sich ganz langsam und verteilt sich bis zu uns. Wir sitzen auf dem Balkon im 2. Stock wie auf einer Tribüne. Das Leben ist bunt was da so vorbeikommt. Menschen-Tansania---13.jpgEine Frau in afrikanischen Gewändern mit einer Schüssel auf dem Kopf hoch beladen mit Wäsche geht vorbei, eine andere trägt ihren Regenschirm quer auf dem Haupt, eine andere einen Besen. Gerade kommen 2 auf Fahrrädern vorbei, hoch beladen mit Holz. Viel wird auf diesen chinesischen Rädern transportiert. 15 Kartons je 50 Eier hab ich neulich gezählt . Auch Bierfässer, Säcke mit Holzkohle, Feldfrüchte, Freunde  und Familie. Die Frau im Damensitz hinten und beide Söhne auf der Stange. Die Männer fahren langsam und bedächtig durch die Löcher und über die Hubbel. Manchmal bleiben sie fast stehen. Verschleierte Frauen mit hohen Absätzen stöckeln durch den Staub. Alte Lastwagen quälen sich schlingernd von Loch zu Loch. Mittags kommt eine Frau und verkauft Essen. Sie sitzt am Wegesrand auf einem Schemel umgeben von hohen Töpfen und die Männer sitzen um sie herum und essen ihr Ugali, den klumpigen Maisbrei, mit Gemüse und Soße.

 

Menschen-Tansania---2.jpgUnser Nachbar gegenüber repariert um sieben Uhr schon die ersten Fahrräder. Afrikanische Musik schallt herüber. Von sieben bis sieben Uhr abends ist er da, auch samstags. Sonntags kommt er etwas später und hört Gottesdienst im Radio. Vor seinem wackligen Kiosk ist immer was los. Wenn er abends die Birne raus dreht und das Radio ausschaltet, kehrt Ruhe in unsere Straße ein. Dann fährt er mit seinem Fahrrad zu seiner Schlafstelle damit er morgens um 7 wieder anfangen kann. Zuerst stellt er sein Fahrrad ab und schaut lange die Straße rauf und runter. Dann kriecht er hinten durch ein Loch in seine Bude, klappt den Laden hoch und macht das Radio an. Danach wedelt er mit einem Lappen den Staub von der Auslage. 3 Pack Brot liegen da, daneben Plastikbehälter mit Süßigkeiten, Cola und verschiedenfarbige Limonadeflaschen hängen als Reklame von der Leine. Innen hat er Fahrradersatzteile und Zigaretten und Kaugummi und Uhu und Kleinkram auf windschiefen Brettern. Und einen alten Kühlschrank. Danach kehrt er im Staub herum und schiebt den Abfall neben die Bude. Ab und an wird der Haufen verbrannt und dann stinkt es. Menschen kommen und bringen ihre Räder oder ihre Schläuche oder sie schauen nur mal vorbei. Alles geschieht langsam und mit Würde und einer unendlichen Ruhe. Wenn keine Arbeit da ist spielen sie Dame und die Steine aus Kronenkorken knallen auf dem Brett herum. Manchmal ist eine Gruppe Männer da und dann reden sie. Laut und durcheinander. Auf Kisuaheli. Trinken sehe ich sie nie etwas. Rauchen auch nicht. Keiner. Sie reden, arbeiten, spielen und leben da.

TAN Kipepeo - 43Die alten schweren Lastwagen quälen sich schnaufend durch die Schlaglöcher auf dem Weg vor unserem Haus. Maji steht auf den ovalen Tanks, Wasser. Sie beliefern die Häuser hinter uns auf der Halbinsel.  Ebenso die Jungens, die Wasser in großen Kanistern auf ihren zweirädrigen Karren gebeugt vor sich her schieben. Wir haben eine Zisterne, aber auch damit reicht die Wasserversorgung nicht. Besonders in trockenen Jahren wie diesem. Eine Regenzeit ist ausgeblieben. Auf dem Land fangen Hungersnöte an. Die Regierung öffnet ihre Depots und gibt Lebensmittel billiger ab in den betroffenen Gebieten.

Über 75% der Menschen in Tansania leben auf dem Land. 80% aller Leute, die arbeiten können, arbeiten in der Landwirtschaft. Überwiegend in traditionellen kleinen Höfen. Die Ernten reichen gerade zum Überleben. Und wenn eine Ernte ausbleibt, ja wenn sie nur weniger wird, dann müssen die Leute hungern. Jetzt ist der Regen zurück gekommen. Tropenregen-Kipepeo---5.jpgWenn es richtig regnet, sieht man den Nachbarn kaum. Ich liebe das Dauerrauschen, der Boden saugt, die Baumblüten explodieren. Gestern nach einem Wolkenbruch war der Swimming-Pool ein Friedhof fliegender Termiten. Obendrauf schwamm eine Schicht toter Insekten und wir hatten keine Lust mehr zum Schwimmen.

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Joachim 10/22/2010 10:39



Ausdrucksvolle Milieustudien aus der anderen Welt. Solche Beobachtungen, sicherlich mit anderen Ergebnissen, könnte man bei uns wohl auch anstellen.


LG Joachim



R.Einloft 10/22/2010 16:55



In der Tat hat das mal einer gemacht. Er hatte erst seine Erfahrungen aus seiner Zeit als Entwicklungshelfer in Afrika zusammengeschrieben (Traumatische Tropen) und danach genauso seine englische
Heimat soziologisch sezersiert, so, als wäre er ein Afrikaner. Ist lustig zu lesen


Mit Grüßen RE