Artikel teilen! (62) TAN 2003: Afrika ist anders – Impressionen II: „Mzee“ heißt alter Mann. Marianne behauptet, das sei afrikanisch ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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„Mzee“ heißt alter Mann.
Marianne behauptet, das sei afrikanisch ehrfurchtsvoll, weil die ja alte Männer ehren. Für mich sei die Anrede „alter Mann“ auch so gemeint. Ich habe Urlaub, deshalb haben wir unser Hausmädchen
abbestellt. “ Ach“, hat sie zu Marianne gesagt, „Mzee braucht Ruhe“? Ja, Mzee braucht immer mehr Ruhe.
Abfall heißt takataka und wird im Garten oder am Straßenrand verbrannt. Dann stinkt es nach verkohltem Gummi und Plastik in der ganzen Nachbarschaft.
Manchmal fährt ein Jeep schnell über die Buckel und Löcher der Staubpiste vor unserem Haus. Dann hüpfen die Räder in der Federung und die
Fahne aus Staub hinter ihm senkt sich ganz langsam und verteilt sich bis zu uns. Wir sitzen auf dem Balkon im 2. Stock wie auf einer Tribüne. Das Leben ist bunt was da so vorbeikommt.
Eine Frau in afrikanischen
Gewändern mit einer Schüssel auf dem Kopf hoch beladen mit Wäsche geht vorbei, eine andere trägt ihren Regenschirm quer auf dem Haupt, eine andere einen Besen. Gerade kommen 2 auf Fahrrädern
vorbei, hoch beladen mit Holz. Viel wird auf diesen chinesischen Rädern transportiert. 15 Kartons je 50 Eier hab ich neulich gezählt . Auch Bierfässer, Säcke mit Holzkohle, Feldfrüchte,
Freunde und Familie. Die Frau im Damensitz hinten und beide Söhne auf der Stange. Die Männer fahren langsam und bedächtig durch die Löcher und über die Hubbel. Manchmal bleiben
sie fast stehen. Verschleierte Frauen mit hohen Absätzen stöckeln durch den Staub. Alte Lastwagen quälen sich schlingernd von Loch zu Loch. Mittags kommt eine Frau und verkauft Essen. Sie sitzt
am Wegesrand auf einem Schemel umgeben von hohen Töpfen und die Männer sitzen um sie herum und essen ihr Ugali, den klumpigen Maisbrei, mit Gemüse und Soße.
Unser Nachbar gegenüber repariert
um sieben Uhr schon die ersten Fahrräder. Afrikanische Musik schallt herüber. Von sieben bis sieben Uhr abends ist er da, auch samstags. Sonntags kommt er etwas später und hört Gottesdienst im
Radio. Vor seinem wackligen Kiosk ist immer was los. Wenn er abends die Birne raus dreht und das Radio ausschaltet, kehrt Ruhe in unsere Straße ein. Dann fährt er mit seinem Fahrrad zu seiner
Schlafstelle damit er morgens um 7 wieder anfangen kann. Zuerst stellt er sein Fahrrad ab und schaut lange die Straße rauf und runter. Dann kriecht er hinten durch ein Loch in seine Bude, klappt
den Laden hoch und macht das Radio an. Danach wedelt er mit einem Lappen den Staub von der Auslage. 3 Pack Brot liegen da, daneben Plastikbehälter mit Süßigkeiten, Cola und verschiedenfarbige
Limonadeflaschen hängen als Reklame von der Leine. Innen hat er Fahrradersatzteile und Zigaretten und Kaugummi und Uhu und Kleinkram auf windschiefen Brettern. Und einen alten Kühlschrank. Danach
kehrt er im Staub herum und schiebt den Abfall neben die Bude. Ab und an wird der Haufen verbrannt und dann stinkt es. Menschen kommen und bringen ihre Räder oder ihre Schläuche oder sie schauen
nur mal vorbei. Alles geschieht langsam und mit Würde und einer unendlichen Ruhe. Wenn keine Arbeit da ist spielen sie Dame und die Steine aus Kronenkorken knallen auf dem Brett herum. Manchmal
ist eine Gruppe Männer da und dann reden sie. Laut und durcheinander. Auf Kisuaheli. Trinken sehe ich sie nie etwas. Rauchen auch nicht. Keiner. Sie reden, arbeiten, spielen und leben da.
Die alten schweren Lastwagen quälen sich
schnaufend durch die Schlaglöcher auf dem Weg vor unserem Haus. Maji steht auf den ovalen Tanks, Wasser. Sie beliefern die Häuser hinter uns auf der Halbinsel. Ebenso die
Jungens, die Wasser in großen Kanistern auf ihren zweirädrigen Karren gebeugt vor sich her schieben. Wir haben eine Zisterne, aber auch damit reicht die Wasserversorgung nicht. Besonders in
trockenen Jahren wie diesem. Eine Regenzeit ist ausgeblieben. Auf dem Land fangen Hungersnöte an. Die Regierung öffnet ihre Depots und gibt Lebensmittel billiger ab in den betroffenen
Gebieten.
Über 75% der Menschen in Tansania leben auf dem Land. 80% aller Leute, die arbeiten können, arbeiten in der Landwirtschaft. Überwiegend in
traditionellen kleinen Höfen. Die Ernten reichen gerade zum Überleben. Und wenn eine Ernte ausbleibt, ja wenn sie nur weniger wird, dann müssen die Leute hungern. Jetzt ist der Regen zurück
gekommen.
Wenn es richtig regnet, sieht
man den Nachbarn kaum. Ich liebe das Dauerrauschen, der Boden saugt, die Baumblüten explodieren. Gestern nach einem Wolkenbruch war der Swimming-Pool ein Friedhof fliegender Termiten. Obendrauf
schwamm eine Schicht toter Insekten und wir hatten keine Lust mehr zum Schwimmen.