Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(62) TAN 2003: Andere Länder, andere Sitten (von M)

16. Oktober 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

„Meine Mutter ist gestorben, ich brauche eine Woche frei um zur Beerdigung zu fahren und alles zu regeln“.  Der schwarze Gärtner stand mit gesenktem Kopf vor mir. „Natürlich können sie zur Beerdigung Ihrer Mutter fahren. Mein herzliches Beileid! Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ „Ja, ich brauchte etwas Geld für die Fahrt, den Sarg und die Versorgung der vielen Verwandten und Freunde, die kommen wollen“. Ich gab ihm 50 Dollar und er ging mit hängendem Kopf.

Er war ein zuverlässiger Arbeiter, immer freundlich und hilfsbereit, aber nach drei Monaten stand er wieder vor der Tür: „ Ich muss ins Dorf meiner Familie, meine Mutter ist gestorben und ich brauche eine Woche frei und etwas Geld.“

Wenn ich nicht in einen Kurs „Interkulturelle Kommunikation“ darauf vorbereitet gewesen wäre, hätte ich ihn ausgelacht und weg geschickt. Geht ja gar nicht, dass die Mutter zweimal stirbt, der will mich wohl ausnutzen und für dumm verkaufen. 

Aber es stimmte und das lernten wir: die ältere Schwester seiner Mutter war ebenfalls seine Mutter (die große Mutter), die jüngere Schwester war die kleinere Mutter. Die beiden kümmern sich im Normalfall um die Kinder ihrer Schwestern und sind wichtige Bezugspersonen. Sie werden auch Mutter genannt und wir wissen nie genau, welche die wichtigere für die Kinder war.

Wenn man als Ausländer Leute bei sich angestellt hat, sei es als Chauffeur oder Bürobote, ist man für sie verantwortlich, das heißt bei Todesfällen, Krankheiten, wenn das Schulgeld für die Kinder nicht bezahlt werden kann und bei anderen Problemen in der Familie ist man verpflichtet zu helfen. Es geht nicht, sich auf den Standpunkt zu stellen, man habe nur eine Person angestellt und sie zu bezahlen. Man gehört zur erweiterten Familie und muss sich auch um die Anderen kümmern. Eigentlich so, wie es früher in Deutschland im Idealfall in den patriarchalischen Verhältnissen beim Übergang vom Handwerk  zur Industrialisierung oder auf dem Lande mit den Pächtern und den Gutsherren war.

Menschen-vor-unserem-Haus---2.jpg„Interkulturelle Kommunikation: Dabei geht es darum ..., dass Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund auch andere Wertmaßstäbe, Gesetze und Gebräuche im täglichen Umgang haben und dass unsere Regeln und Ansichten nicht die einzig möglichen oder richtigen sind. Wie wir uns missverstehen können, auch wenn wir dieselbe Sprache sprechen und doch etwas Anderes meinen. Wenn wir z.B. das Wort „Familie“ hören, haben wir einen  Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder im Kopf. Afrikaner denken an eine Großfamilie mit den Großeltern, den vielen Tanten und Onkeln, Geschwistern und Cousins.

Im Kurs „Interkulturellen Kommunikation“ übten wir nonverbales Verhalten bei Gesprächen: man behielt die Hand des Anderen nach der Begrüßung und beim anschließenden Reden in seiner Hand;  zog man weg, beleidigte man den Gesprächspartner. Eine Frau gab Männern nicht die Hand, schaute ihnen nicht ins Gesicht,  sie hatte sich normalerweise sowieso aus den Gesprächen der Männer heraus zu halten. Und wir übten Argumentieren in Afrika: das hieß nicht Rechthaberei oder Beharren auf seinem Standpunkt und seinem guten Recht. Es ging auch nicht, dem Anderen das Wort im Munde herum zu drehen,  jeden Satz mit „Aber“ zu beginnen und dann ab- und den Anderen zu überstimmen. Es war vielmehr ein darum herum Reden, Gedanken zum Thema Sammeln, Andere und ihre Meinung mit Einbeziehen, sich Einigen oder eine Entscheidung Treffen erst, wenn alle zufrieden, zumindest aber angehört worden waren. Das war das berühmt-berüchtigte Palaver. Es konnte auch bedeuten, die Sache erst einmal einige Zeit auf sich beruhen zu lassen und später wieder darüber zu sprechen.

Und es war sehr wichtig, dass man den Leuten die Möglichkeit lassen musste, „ihr Gesicht zu wahren“, d.h. man durfte sie nie in Gegenwart anderer Menschen kritisieren oder bloßstellen. Wenn es bei Untergebenen einmal nötig wäre, ein Fehlverhalten anzusprechen, dann immer unter vier Augen. Es gab Leute, die nahmen sich das Leben, weil sie es als so große Schande empfanden, dass sie vor Anderen gemaßregelt wurden. In Europa ist ein physischer Angriff, eine Tätlichkeit besonders schlimm, mit Worten darf man verletzen, ohne größere Sanktionen erwarten zu müssen. Wir durften nicht vergessen, dass es in Tansania anders war.

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post

Lacuna 10/17/2010 13:27



Interessanter Beitrag. Bitte mehr davon :)



R.Einloft 10/17/2010 16:54



Danke. Freilich geht es weiter. Es gibt schon mehr davon, siehe rechts unter "Kategorien" - "Von Einem der auszog -"


Gruß RE