Artikel teilen! (65)TAN September 2003: Bagamoyo und die Kolonialmächte: M hatte geschrieben: Ein paar Mal in meinem Leben bin ich an ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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M hatte geschrieben:
Ein paar Mal in meinem Leben bin ich an Orte gekommen, wo ich dachte: “Hier möchte ich bleiben und nie mehr weg gehen“. So ein Ort war bei unserem Freund Pidder in Ekuador, so einer ist
unsere Terrasse in Hommertshausen und solch ein Ort ist Bagamoyo.
Bagamoyo war die Hauptstadt der deutschen Kolonie Tanganyika (der Spuk dauerte von 1885-1919). Die Stadt liegt eine gute Stunde nördlich von Dar es Salaam direkt am Meer. Der Besitzer des Hotels ist ein (sehr gut aussehender) Franzose, der schon lange hier lebt, ein wenig den Tropenkoller hat und viel säuft. Bar und Restaurant sind in einem luftigen Bau aus Bambusröhren ohne Seitenwände, nur mit einem großen steilen Blätterdach. Es gibt kleine Hütten mit Palmdächern, wo man wohnen kann, einen verwilderten Sportplatz, Boules, Tischtennis, Volleyball.
Bagamoyo ist ein Besuch wert, auch mit Gästen – es strahlt einen verschlafenen Frieden aus.
(R) In der Stadt erlaufen wir uns Geschichte: Deutschen Ursprungs sind Fort, Zollamt, Handelshäuser, Hauptquartier, Hängplatz, Friedhof. Deutsch Ost-Afrika hat hier begonnen und die Reste stehen noch, eingefallen und vergangen wie die Kolonie. Kinder bieten Münzen aus der Kolonialzeit an, die sie im Sand ausgegraben haben. Die Kolonie hatte als einzige eine eigene Währung, den Heller.
Januar 1844 hat der 1. Deutsche Sansibar betreten (soweit wir wissen und es aufgezeichnet ist). Es war der Missionar Krapf. Sultan Said, Herrscher nicht nur über die Insel sondern des gesamten Küstenstreifens von Kenia bis Tansania (das Innere des Kontinents war noch nicht erforscht, wurde nur zum Sklavenfangen benutzt), empfing ihn sofort und war sehr freundliche zu ihm. Krapf wollte in der Nähe von Mombassa seine Missionsarbeit beginnen und später einen Gürtel Missionsstationen quer durch Afrika ziehen, um dem sich nach Süden ausbreitenden „Mohammedanismus" ein Bollwerk entgegen zu stellen. Der Sultan stellte Krapf ein sehr nettes Empfehlungsschreiben aus: „Dr. Krapf, ein Deutscher, ein guten Mann, der die Welt zu Gott bekehren will. Benehmt euch gut zu ihm und leistet ihm überall Dienste." Der Sultan wusste offenbar nicht, dass Krapf ein eifernder Islamhasser war. Oder er stand darüber. Für Krapf war der Islam „ein Meisterstück der Hölle".
Krapf und sein Kollege Rebmann waren die ersten Europäer, die den Kilimanjaro sahen. Ihre Berichte über Schnee auf seinem Haupte wurden von einem Teil der europäischen Wissenschaftler vehement zurück gewiesen: am Äquator gäbe es keinen Schnee. Krapf war übrigens derjenige, der das Kisuaheli in die Schriftsprache übertrug. Deshalb können wir Deutschen es gut lesen. Lernen bleibt trotzdem schwierig.
16 Jahre später gelang es dem Baron von der Decken, den Kilimanjaro 4280 m hoch zu besteigen. Er musste umkehren, weil „die Schwarzen ernstlich litten". Sie hatten nicht genügend Kleider zum Anziehen. Auch des Barons Bericht über Schnee auf dem Kilimanjaro wurde weiterhin von Wissenschaftlern als unmöglich deklariert und als Halluzination abgetan. Was wundert, denn Humboldts Reisebeschreibungen waren schon veröffentlicht und enthielten Berichte über Schneeberge am Äquator. Humboldt hat ihm natürlich geglaubt.
Freitag, 5.9. Bagamoyo
Christen und Mohammedaner sind strikte Gegner
des Ausschlafens. Die Mohammedaner beginnen schon um ½ 5 morgens mit dem ersten Gebet. Aber nicht im stillen Stüblein, nein, mittels moderner Lautsprechertechnik verstärkt vom Minarett gebrüllt.
Meiner Meinung nach singen die auch falsch, es kann nicht nur die fremde arabische Melodik sein, die meine Ohren quält. Um ½ 6 folgt die Glocke der Missionsstation. Ich scheine mich daran zu
gewöhnen und schlafe wieder ein. Ist ja Urlaub.