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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(72) TANSANIA 2004 Südtour nach Tunduru (aus den Reisetagebücher von M&R) III

20. Dezember 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

o Iringa - 41(17.8.) Mitten im Dorf sitzen wir unter einem ausladenden Baum, warten bis das Fußballspiel beginnt, sind schnell umringt von Leuten. Die großen Augen der Kinder haben es mir angetan. Dreckig sind sie, unglaublich dreckig im Gesicht und am Körper. Sie drängeln, stoßen, drücken, schreien, gestikulieren, wenn ich die Bilder, die ich von ihnen gemacht habe auf dem Display der Kamera zeige.

Der Dorfdepp jagt in gestrecktem Galopp hinter den Kindern her, die schreiend auseinander stieben. Er hat ein Gebiss wie ein Gaul und kann kaum beruhigt werden. Eine junge Frau erzählt, er beiße! Er habe schon jemanden umgebracht, aber man könne ihn ja nicht ins Gefängnis stecken, weil er verrückt sei und nichts dafür könne. Nach einer wilden Hetzjagd lässt er sich in etwa einem Meter Entfernung zu meinen Füßen nieder und grinst mich dauernd an. Mir wird unheimlich zu Mute, es sieht aus, als würde er gerne zubeißen.Fahrt-nach-Tunduru---Fu-ball-I.jpg Wir sitzen auf Ehrenstühlen am Spielfeldrand, sie haben auf uns gewartet mit dem Endspiel des Turniers. R wird wie Prinz Phillip den Mannschaften vorgestellt und wünscht gutes Gelingen. Sie spielen nicht schlecht, nur die wenigsten haben Schuhe. Doch dann ist Schluss und Akukweti wird Volkstribun. Dicht an dicht stehen die Menschen um uns herum und jubeln. Ich muss die Geldpreise überreichen (etwa 15 und 20 Euro)  und R. den Pokal, den der Honourable in Europa auf einem Flohmarkt erstanden hat. „Olivetti“ steht drauf, und in seiner Wohnung hat er einen ganzen Vorrat davon. Das tut der Freude keinen Abbruch.

Sudtour-1-nach-Tunduru-Nachtfahrt.jpgStockdunkel die Orte, die wir durchfahren nach dem Spiel. Einzelne Feuer vor den Hütten, von Kindern am Leben erhalten. Am Wegesrand tauchen Gestalten auf, die sich an den Rand ins hohe Gras drängen. Wir ziehen eine dicke Staubfahne hinter uns her. Es ist nicht pittoresk, durch die Dörfer zu fahren, eher deprimierend und traurig. Alles grau, braun und staubig. Der Boden, die Tiere, die Kinder, die Häuser. Sie sind aus Lehm oder Ziegeln. Ich kann nicht begreifen, wie man in diesem Dreck existieren kann.

18.08.  Akukwetis Haus:

Tunduru-Wohnzimmer AkukwetiVorgestellt hatten wir uns einen – vielleicht kleinen – arabisch anmutenden Palast. Schließlich ist Akukweti ein hoher Herr im Lande. Doch sein Haus ist ein einfacher, lang gestreckter Flachbau mit kleinen Zimmern auf beiden Seiten eines Ganges, einem voll gestellten Wohnzimmer mit alten Möbeln, einer Kochnische und einem kleinen Esszimmer (Die Küche im Hof hat Kochstellen auf dem Boden). Ein Teil seiner Familie wohnt bei ihm. Unser Zimmer: voll mit einem Bett und einer Kommode mit gebrochenem Spiegel, die Fenster zum Hof ohne Scheiben, morgens kräht der Hahn direkt hinein. Die Wände und der Boden grau-braun verputzt. Das Bad: ein Klo ohne Brille, davor ein Loch und zwei Eimer mit Wasser. Reinhold-beim-Duschen-in-Tunuru.jpgDie Schöpfkelle dient als Klospülung, zum Waschen, Rasieren und zum Duschen. Ich wasche meine Haare auf dem Klo sitzend. Der Luxus – wir kriegen morgens und abends einen Eimer warmes Wasser!

Neben der Einfahrt noch eine offene Hütte mit großen Raum. Darin Sitzgelegenheiten für mindestens dreißig Leute und ein Fernseher. Akukweti sagt, er habe am Anfang ständig das Haus voll gehabt von Leuten aus dem Dorf – die meisten sind irgendwie mit ihm verwandt – die fernsehen wollten. Nun sitzen sie jeden Abend draußen.

Fahrt nach Tunduru -Akukweti&KinderAkukweti ist Muslim und hat zwei Frauen. Seine erste und damit Hauptfrau lebt am Stadtrand von Tunduru, die jüngere ist Geschäftsfrau, werdende Politikerin, Christin und wohnt in dem Dorf, wo wir jetzt sind und in Dar es Salaam. Die eine kann Englisch, die andere kochen, die eine Cashewnüsse vermarkten, die andere Kühe züchten, die eine macht sich gut bei einem Empfang, die andere bei traditionellen Zeremonien und bei den Moslems. Prima Ergänzung, wir stehen dazwischen und wissen nicht, was wir denken sollen. Ist er zu Hause in Tunduru, muss er die Hälfte der Zeit bei der ersten Frau übernachten, zwei Nächte hier, zwei Nächte dort. Dann fährt er abends weg, wenn wir ins Bett gehen und ist nach dem Frühstück wieder da.

Seine 40-jährige Tochter wohnt mit ihrem Mann auch in dem Haupthaus, auch eine Nichte und ein Neffe der Tochter. Während er gestern unterwegs war, saßen wir im Wohnzimmer und sie und Esther unterhielten sich. Als draußen ein Wagen zu hören war, stand die Tochter auf. Esther meinte, sie solle bleiben, das sei doch altmodisch. Die Tochter kämpfte sichtbar mit sich, aber als Schritte an der Eingangstür zu hören waren, verschwand sie plötzlich. Wenn der Hausherr nach Hause kommt, haben die Kinder zu verschwinden. Sie dürfen erst später kurz erscheinen, um ihren Vater zu begrüßen oder wenn sie herein gerufen werden.

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