Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(72) TANSANIA 2004 Südtour nach Tunduru (aus den Reisetagebücher von M&R) IX

10. Januar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Die letzte Geschichte endete mit: "Nach der standesamtlichen Trauung habe er gelacht und gesagt: „Jetzt habe ich zwei Frauen!“

(M erzählt) Er hat insgesamt neun Kinder, zwei mit seiner Hauptfrau, sie beide haben keine gemeinsamen Kinder. Zuerst hat sie mit in seinem Haus in Tunduru gelebt, aber seine erste Frau hat sie abgelehnt und sie mochte auch nicht dort wohnen. So hat sie zuerst die meiste Zeit in ihrer Wohnung in D’Salaam mit ihren Kindern verbracht. Er hat für sie dann dieses Haus im Busch, seinem Geburtsort gebaut und verbringt nun abwechselnd je zwei Tage bei seiner Haupt- und seiner Nebenfrau, wenn er nicht im Parlament in Dodoma oder (zumeist) in D´Salaam ist. Sie haben noch ein Haus in D’Salaam, wo drei seiner Kinder wohnen und sie selbst auch, wenn sie dort sind.

Ich versuche, das Gespräch wieder auf eine allgemeine Ebene zu lenken und frage sie über die Frauen im Dorf aus. Tanzania 114Sie berichtet, dass Frauen fast die gesamte Feldarbeit übernehmen – die Hausarbeit sowieso – und die Arbeit mit den Cashewnüssen. Sind die Nüsse oder andere Früchte geerntet, fahren die Männer zum Verkaufen, und haben sie dann das Geld, suchen einige sich eine andere Frau! Es gibt welche, die lassen ihre Kinder, ihre Familie ohne einen Pfennig zurück. Sie verkaufen sogar den Reis, den ihre Frauen für die Familie geerntet haben.

„Ich hätte immer gerne einen weißen Mann geheiratet,“ sagt sie, “die fühlen sich für ihre Frau und Kinder verantwortlich. Die haben nur eine Frau und sorgen für ihre Familie“.

R. meint hinterher, immerhin sei Akukweti so tolerant gewesen, eine Frau mit vier Kindern zu akzeptieren und auch seine andere Frau war vorher schon einmal verheiratet.

Bei unserem nächsten Gespräch erzählt sie, dass ihr erster Mann an einem Leberschaden gestorben ist. Er habe viel Bier getrunken, obwohl ihm der Arzt immer geraten habe, Milch zu trinken, da er ständig mit giftigen Substanzen in Berührung gekommen sei. Er habe mit Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln gehandelt.

Sie hat große Sehnsucht nach ihrer Familie, die in D’Salaam lebt und nichts mit Akukweti zu tun haben will. Sie ist im Wahlkreis ihres Mannes als Kandidatin für die Frauenorganisation gewählt worden, die als „Quotenfrau“ ins Parlament abgeordnet wird. Deshalb muss sie in diesem Bezirk ihren Hauptwohnsitz haben, bis sie nächstes Jahr Abgeordnete ist. Im Oktober muss sie eine Rundreise machen, sich überall sehen lassen und sich in den Dörfern für ihre Wahl bedanken. Sie hasst dieses Dorf.

Südtour 1 nach Tunduru vor der Küche„Ich werde dich sehr vermissen,“ sagt sie mehrere Male zu mir. „ich brauche jemanden zum Reden, ich habe ja sonst weiter nichts zu tun.“ „Aber du hast doch deine Stieftochter und die anderen Frauen hier im Dorf“. „Die kommen jeden Tag zu mir, aber nur, um mir ihre Probleme zu erzählen und zu fragen, ob ich ihnen helfen kann,“ sagt sie. Ich lade sie herzlich ein, uns bei ihrem nächsten Aufenthalt in D’Salaam zu besuchen.

Ich frage sie immer, wie ich mich zu verhalten habe, z.B. was von uns bei der Ngoma (dem Trommel-Tanzfest) erwartet wird. Wir müssen nicht die ganze Nacht dabei sein! So bleiben wir abends eine Weile, und ich lasse mich am nächsten Morgen auch noch mal sehen – das reicht. Kaum verlasse ich mit meinem Tagebuch das Haus, um im Garten zu schreiben, kommt jemand, um mir Gesellschaft zu leisten. Erst Shamte, dann Esther. Sie erzählt, einige Leute im Dorf und sie selbst fänden es nicht richtig von Akukweti, uns als seine Freunde ein zu laden und dann weg zu fahren. Ich habe das eigentlich gar nicht registriert, denn solange wir abends auf waren, war er immer dabei – und beim Frühstück bin ich für jeden dankbar, der nicht da ist. Trotzdem, als er gegen 10 Uhr kommt um uns ab zu holen, flachse ich mit ihm – das sei ja noch schöner, uns die ganze Nacht die Ngoma auf den Hals zu hetzen und selber zum Schlafen woanders hin zu fahren.

Hinterher bedankt sich Esther, dass ich das gesagt habe.

Sie bewundert meine Figur und meine Haare. Sie selbst hat etwa zwei Zentimeter langes Haar. Daran sind lauter kleine Zöpfchen geflochten, die so lang sind, dass sie damit einen Pferdeschwanz oder eine Hochsteckfrisur machen kann. Etwa alle sechs Wochen sind die eigenen Haare so gewachsen, dass man an den unterschiedlichen Farben sieht, dass es nicht ihr eigenes ist, und sie muss es neu machen lassen, was ungefähr sechs Stunden dauert.

Als wir uns verabschieden, entschuldigt sie sich für alles, was in den letzten Tagen vorgefallen sein könnte und uns missfallen hat. Wie in Südamerika! Wir tun dasselbe.

Akukweti meint zu mir, er wisse ja, dass die Deutschen immer ziemlich direkt seien und ehrlich sagten, was sie denken. Aber das sei auch ein Vorteil – man wisse wenigstens, woran man sei.

Akukweti ist ein richtiger Politiker: er benutzt die Menschen, setzt sie für sich ein. Er hat eine muslimische und eine christliche Frau, die er je nach Ambiente präsentiert, er holt uns in seinen Wahlkreis um sein Renommee zu steigern und weil er weiß, dass wir uns verpflichtet fühlen, zu helfen (die FES hat danach Frauenprojekte in Tunduru begonnen); er kleidet sich mal europäisch mal arabisch; er redet mit den Häuptlingen, verspricht, setzt seine Beziehungen ein....

Aber er ist mir sympathisch!

R-mit-Freund-Akukweti.jpgUnd für R wurde er ein guter Freund, der ihm politisch viele Tore öffnete.

 

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post

Katharina vom Tanneneck 01/13/2011 00:22



Es ist kein einfaches Leben für die Frauen dort. Ich glaube es gibt dort auch Eifersucht unter den Frauen auch wenn sie es nicht so zeigen. Warum sonst wünscht sich eine Frau einen weißen Mann?
Allerdings gibt es unter den Weißen auch Halunken. Zum Glück sind nicht alle so, weder die Afrikaner noch die Europäer. Es gibt überall Gute und Böse. Trotzdem bin ich dankbar, hier in
Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Vielleicht wird es ja doch noch viel besser für die Frauen in Afrika. Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen.


Liebe Grüße, Katharina  



R.Einloft 01/13/2011 13:36



Das ganze Problem ist sehr komplex. Frauen (und Männer) sind in Afrika oft traditionell eingebunden und abgesichert durch die Großfamilie. Die Ausprägung, die wir geschildert haben, gab es in
dieser Konsequenz auch nur in der Gegend im Süden. Ansätze davon gibt es überall (auch bei uns). Und wie eine Frau empfindet, die sich mit mehreren einen Mann teilen muss, darüber gibt es
unterschiedliche Informationen. Natürlich können wir nicht von unserer Sozialisation auf diese Form des Ehelebens schließen. Esther war auch anders, modernen sozialisiert. Sie hat sehr gelitten.
Akukweti allerdings hat umfassend für seine Frauen gesorgt und sie abgesichert, auch die Kinder die nicht seine waren. Die konnten alle auf gute Schulen gehen, auch im Ausland studieren. Und
Esther und seine Erstfrau waren selbständig mit eigenem Einkommen.


Es ist alles kompliziert. Finde ich. Besonders wenn man in Kulturen lebt, die fremd für uns sind. Aber auch spannend, wenn man sich hineindenken will. Deshalb habe ich meinen Blog "Andere Welten"
genannt. 


Liebe Grüße, RE 



Sonya 01/12/2011 10:11



Der Bericht ist sehr authentisch geschrieben und hat mich durchaus berührt. Trotz der kulturellen Unterschiede sind für mich doch Parallelen zu erkennen, die vielleicht nicht jeder sieht. Auf den
ersten Blick mag es vielleicht absurd klingen, dass der Mann seine Frau ohne einen Cent Geld sitzen lässt und sich eine neue sucht ... aber mal ganz ehrlich ... gibt es das nicht auch bei uns in
Deutschland?



R.Einloft 01/12/2011 13:10



Danks Sonya. Wenn die Geschichten Leute berühren können, dann hab ich viel erreicht. Freilich gibt´s das überall, dass Männer Frauen verlassen und umgekehrt. Manchmal für weniger als Geld. Und es
sind natürich nicht alle Männer in Tansania (und Afrika), die so selbstlos handeln. Viele, ich würde sagen, die meisten, kümmern sich redlich um ihre Familien, trotz Armut und Elend. Eigentlich
sind Afrikaner weit aus mehr Familienmenschen als Europäer. Bei uns dominiert die Kleinfamilie, in Afrika ist Kern des Lebens die Großfamilie. Und darin ist jeder für jeden verantwortlich


Gruß RE



Joachim 01/11/2011 09:43



Habe ich mir schon gedacht, dass dieses Verhalten der Männer nur in einer bestimmten Region vorkommt und zweifellos nicht allgemein ist.


LG Joachim



R.Einloft 01/12/2011 13:12



Ja, das ist in der Tat so. Noch ein Argument habe ich vergessen: In Afrika dominiert die Großfamilie nach wie vor. Und in der hat jeder für jeden Verantwortung, auch finanzielle. Im Bericht über
die Südtour kommen Männer vor, die ganz und gar nicht representativ sind.


Gruß RE



Joachim 01/10/2011 18:04



Ein sehr schönes Freundschaftsfoto! Mich hat im Text die Stelle beeindruckt, dass die Männer, wenn sie Geld nach dem Verkauf in der Tasche haben, sich eine andere Frau suchen und sich auf
und davon machen. Ist das heute auch noch so?


LG Joachim



R.Einloft 01/10/2011 22:00



Das ist eine wichtige Frage, die du da stellst, Joachim. Es muss in der Tat der Eindruck vermieden werden, so seien die Männer in Tansania, vielleicht sogar in Afrika. Von was wir da berichten
ist eine bestimmte Gegend im Süden des Landes, da haben sie uns von diesem Problem erzählt. Es ist offenbar abhängig von der Religion, von Stammessitten und sozialer Gliederung. Es gibt andere
Stämme, da ist die Frau weitaus besser geschützt. Und von den Bekannten, Mitarbeiter und Freunden, die wir in D´Salaam hatten, war keiner der Männer so. Mein Freund Akukweti, der ja aus dieser
Gegend im Süden stammt, hat immer dafür gesorgt, dass seine Frauen abgesichert waren. Er hat sich verantwortlich gefühlt auch für die Kinder, die nicht von ihm waren. Danke dass du danach gefragt
hast.


Beste Grüße, RE