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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(72) TANSANIA 2004 Südtour nach Tunduru (aus den Reisetagebücher von M&R) V

30. Dezember 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

19.8. Auch heute werden wir wieder in seinem Wahlkreis herumgereicht, dieses Mal hauptsächlich in verschiedenen Schulen. In jeder Lehrerversammlung, in jedem Lehrerzimmer hält Akukweti eine Wahlrede und bittet R. um ein paar Worte. 2004-08-20A 243Ich wollte an einer Wasserstelle vor der Schule die malerisch aussehenden Frauen beim Wasser schöpfen fotografieren, aber sobald du deine Kamera herausholst, hast du hundert völlig verdreckte, nach Urin stinkende kleine Jungen auf dem Bild. Gut, dass der Geruch nicht mit drauf kommt! Das ursprüngliche Motiv ist kaum noch zu sehen. Ich weiß nicht, wo die so plötzlich in solchen Mengen her kommen.

Die Schulen:

2004-08-20A 242In den Dörfern meist gestampfter Lehm oder Sand am Boden, Schulbänke, in denen sich statt der vorgesehenen zwei drei oder vier Schüler zusammen drängen, eine schwarz angemalte gerade Fläche an der Wand als Tafel, wenn es hoch kommt, ein Buch für drei Kinder. Disziplinprobleme gibt es nicht. Als ich sie anspreche, wissen die Lehrer ganz offensichtlich nicht, was ich damit meine. Was, es gäbe in Deutschland tatsächlich Kinder, die die Hausaufgaben nicht machten??? In der Sekundarschule gibt es auch keinen Strom, woanders sowieso nicht, kein Anschauungsmaterial, keine Bücher, Karten, nichts!

Ich bin manchmal so fassungslos über das, was an deutschen Schulen abläuft – die haben alles, und ein Großteil der Schüler will nichts tun, ist anspruchsvoll und nicht bereit zu lernen oder irgendetwas zu leisten. An der Sekundarschule in Tunduru stellen die Schüler mit den Lehrern in der ersten Ferienwoche selbst Lehmziegel her, damit ein weiterer Klassenraum gebaut werden kann.

Einladung der Hauptfrau

Ja und dann in Tunduru musste Akukwetis liebenswerte Frau Esther, über die ich noch schreiben werde, das Auto verlassen, weil wir zu seiner esten Frau zum Essen eingeladen waren. Sein von ihm selbst erbautes erstes Haus, in dem noch immer die Hauptfrau lebt, ist von schier unfassbarer Hässlichkeit: die Wände hellgelb gestrichen, vom undichten Blechdach ziehen sich Schlieren herab; überall hängen kolorierte Fotos mit Akukweti und allen möglichen wichtigen Leuten, dazu Fähnchen, sich bewegende Bilder von Wasserfällen, Kitsch. An allen vier Wänden stehen klobige dunkelrote Plüschsofas und Sessel mit weißen Spitzendecken abgedeckt. Auf diesen liegen zur Schonung aus dicker türkisfarbener Baumwolle gehäkelte Deckchen. Der Sofatisch steht in der Mitte des großen Raumes. Er ist voll gestellt mit Nippesfiguren auf besagten weißen Spitzen- und türkisblauen Häkeldeckchen. Es passt nicht einmal ein kleines Schälchen für Nüsse mehr auf den Tisch. Um den Tisch herum acht Hocker, alle mit türkisen Schonerdeckchen. Auch das Telefon auf einem kleinen Wandregal hat eins abgekriegt.

Wir wurden an ein Büffet im Essraum geführt, wo wir uns selbst bedienen konnten – wenigstens habe ich heute das erste Mal auf der Reise was Anderes als Hähnchen-Pili-Pili bekommen – und aßen dann im Wohnzimmer, wo jeder zwei Hocker als Tisch vor seinen Sessel gerückt bekam. Seine Erstfrau, eine dicke Bäuerin, die kein Englisch spricht, bediente uns ununterbrochen mit Wasser zum Hände waschen, mit mehr Reis, mehr Gemüse, mehr Fisch, Obst, noch mal Wasser zum Hände waschen. Aber das muss man ihr lassen – sie kocht gut!

Wir wurden auf dem Grundstück herum geführt, wo sie Mais, Bananen, Maniok und Spinat anbaut, und als ich sah, wie und wo der Hund lebt, der leise winselnd an einer ein Meter langen Eisenkette zwischen Plastikmüll lag, dachte ich mir, „dann ist es wirklich besser, sie haben keine Hunde!“ Als Akukweti meinen Blick sah, sagte er voller Stolz: “Ja, das ist unsere Art, wie wir Hunde behandeln!“

Tunduru-M-Esther.jpgHeute Abend haben wir frei und ich sitze im Garten. Aber da kommt schon wieder Esther, die es nicht vertragen kann, wenn ich einen Augenblick alleine bin.

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