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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(72) TANSANIA 2004 Südtour nach Tunduru (aus den Reisetagebücher von M&R) VII

5. Januar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

Das Essen:

Tunduru-Kuche.jpgin Iringa, bei unserer ersten Übernachtung, aß ich Steak, R Hähnchen-Pili-Pili, geröstetes Hähnchen mit Reis und einer Tomaten-Soße. Am nächsten Abend in Songea wollten wir zwar etwas Anderes, aber es gab nur Hähnchen-Pili-Pili. Als wir in Matemanga unseren Freund Akukweti und seine Frau trafen und von der Blaskapelle begrüßt worden waren, mussten wir in dem „Deichmann“-Entwicklungszentrum zuerst einmal auf einem Podium im Speisesaal Platz nehmen und Hähnchen-Pili-Pili essen. Zu Hause im Dorf, wo Akukweti mit Esther wohnt, gab’s zum Abendessen Hähnchen-Pili-Pili. Am nächsten Tag im Krankenhaus, ehe wir zum Rundgang aufbrachen, bekamen wir zur Begrüßung Hähnchen-Pili-Pili. Abends bei Esther ebenfalls, allerdings gab’s neben dem Reis auch Kartoffeln. Ich hatte mich schon so auf „Pilau“ gefreut, ein typisch tansanisches und arabisches Essen, aber das gab’s nur für die Ngoma-Trommler und Tänzer. Für uns wurde extra gekocht! Am nächsten Tag bei seiner Hauptfrau war der Tisch so überreich gedeckt und wir konnten neben Hähnchen-Pili-Pili auch Fisch und anderes Fleisch und Gemüse wählen, was ich dann auch tat. Abends Hähnchen-Pili-Pili bei Esther und dazu einige Ziegenknochen zum Abnagen. Ugali – das typische Alltagsessen, bekamen wir kein einziges Mal – das ist so alltäglich, dass man es Gästen nicht vorsetzt! Der Unterschied beim Essen: die Leute haben keine Angst, Speisen anzufassen. Auch die Spaghetti kann man mit den Fingern essen!

Höflichkeit drückt sich in Bedienung aus. Die Frau bedient ihren Mann, was heißt, sie hält ihm eine Schüssel unter die Hände, reicht ihm Seife und gießt ihm warmes Wasser darüber, damit er sich waschen kann. Sie macht ihm seinen Teller fertig, sie bereitet ihm seinen Tee zu, rührt ihn um, sie kommt nach dem Essen wieder mit warmem Wasser, einem Handtuch.... Wenn Gäste da sind, werden sie ebenso behandelt, und dann bemüht sich sogar der Hausherr. Dies sei Tradition bei Einladungen, sagt Akukweti..... Ich würde mir lieber meinen Teller und meinen Kaffee selbst zubereiten, damit alles so ist wie ich es mag, aber keine Chance, sie halten nichts von „Self-Service“.

Afrikanische Lethargie

Südtour 1 nach Tunduru - 48Lethargisch die Haltung vieler Menschen. Und langsam. Sie ruhen unter den Bäumen, auf den Türschwellen, neben den Häusern. Die Frauen sorgen langsam und bedächtig für das tägliche Leben, die Männer schieben ihre Fahrräder zum Markt und transportieren Sachen, aber nur, wenn es unbedingt notwendig scheint. Diese Lethargie ist der Entwicklungshemmer Nr. 1 hier im Süden. Daran ist schon – ich kann es mir vorstellen – der erste Präsident Nyerere mit seinem Modell eines afrikanischen Sozialismus gescheitert. Obwohl der zu den traditionellen Gemeinschaftsarbeiten zurück wollte. (Wenn gemeinsam nix gearbeitet wird, wird’s auch nicht mehr). Daran scheitert auch heute der (neoliberale) Anreiz, mehr bekommen zu können, wenn dafür auch mehr gearbeitet werden muss.

Vielschichtig die Gründe. Ein Faktor könnte mit der Religion zu tun haben. Sichtbar hier im südlichen Gürtel eine Lethargie, die jede Anstrengung über das Notwendige hinaus ablehnt. Im Dorf zumeist Reisbauern, und Akukweti erzählt, dass sie nur einmal während der Regenzeit säen und ernten. Wasser ist genügend da, der Fluss staubar, der Boden gibt drei Ernten her. Er hat eine Musterfarm, macht vor, was möglich ist, aber die Männer ziehen es vor, ein Dreivierteljahr nichts zu tun Am Grenzfluss zu Mozambique entlang zog sich eine Sklavenstraße der Araber zum Malawi-See. Wahrscheinlich der Grund für den dominanten Islam hier unten. Männer, so wird mir erzählt, verkaufen die von Frauen gezogen und geerntete Waren. Und gehen hin und kaufen sich für das erworbene Geld eine weitere Frau. Das ist, so hoffe ich stark, eine Ausnahme, zeigt aber die Denkrichtung.

2004-08-18 11-02-54Das ist nicht überall so. Bei der Fahrt über das Hochland von Iringa bis Songea emsige Aktivitäten beobachtet. Hier dominieren die Christen. In Iringa eine Hauptstraße voller Männer und Frauen an Nähmaschinen. Das Land extensiv genutzt, Mais, Tabak, Tee, Kartoffeln, alles was wächst. Arm die Leute auch hier, aber sichtbar aktiver. Und überall Kirchen, Missionen, Gotteshäuser. Dasselbe habe ich auch im Norden in Arusha gesehen, allerdings weniger Kirchen. Und die Kirchen gründen überall Entwicklungszentren. Sie wirken, zumindest im Kleinen. Gerade die protestantische Arbeitsethik hat auch in Europa zu Entwicklungsschüben geführt. Der Islam dagegen ist auf Freuden im Jenseits ausgerichtet. Für Sansibar gilt die muslimische Haltung ebenso.

TAN - 7FESEs gibt auch fleißige Muslims, die für ihre Familien sorgen – meine beiden Fahrer Shamte und Khalid z.B. – aber alleine die Koranschulen, die ja nichts Brauchbares, nichts praktisch Anwendbares unterrichten, sie bereiten die Schüler zumindest nicht auf Erfolg im Arbeitsleben vor.

Einen weiteren, viel trivialeren Grund der lethargischen Haltung benennt Akukweti. Es sind die Krankheiten der Menschen, besonders die Malaria, an der weit mehr Menschen sterben als an jeder anderen Krankheit – auch an Aids. Oft, sagt Akukweti, haben sie Fieber, können gar nicht anders als herumliegen. Traurig, das Ganze.

Kommt hinzu die Abgeschiedenheit der Gegend, die völlig unzureichenden Straßen und Pisten, die Unterversorgung mit Entwicklungshilfe-Mitteln durch den Staat. Dies zu ändern ist eine der politischen Hauptbemühungen von Akukweti.

 

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Katharina vom Tanneneck 01/09/2011 01:44



Ein schöner und realistischer Bericht! Ich habe mich köstlich amüsiert über Euer Essen. Da möchte man gerne etwas etwas Einfaches essen und bekommt  fast jeden Tag Hähnchen - Pili -
Pili. Sie meinten es alle gut und wollten Euch etwas bieten. Das ist nun mal so und bei uns nicht anders. Ich habe trotzdem geschmunzelt.


Zu den Menschen in Afrika, da ist es auch nicht viel anders als in allen anderen Ländern. Es gibt überall fleißige und faule Leute. Ich habe beides kennen gelernt, auch in anderen Ländern. Bei
uns in Deutschland ist es nicht anders!


Liebe Grüße, Katharina 



R.Einloft 01/10/2011 13:43



Ja, sie wollten uns nur das Beste anbieten. Da hast du recht. Und wir hätten gerne mal das Alltägliche von ihnen gegessen. Da gibt es nämlich auch ganz schmackhafte Gerichte drunter. Meist aber
ist in der Tat das Essen auf dem Land recht eintönig und einseitig. Viele und gerade Kinder haben Mangelernährung dadurch. In Tansania verhungern die Menschen ganz selten (das ist bekannterweise
in anderen Teilen Afrikas leider anders), aber ihr Essen ist oft Vitamin und Nährstoffarm.


Ich sehe schon einen kleinen Unterschied in der Arbeitsauffassung gerade in Deutschland gegenüber anderen Ländern: bei uns wird Arbeit oft der Lebensinhalt (man lebt um zu arbeiten) und schon
weiter Südlich wird Arbeit als eine Notwendigkeit angesehen, um Leben zu können. Leben, mit Menschen zusammen sein, es sich gut gehen lassen (wenn auch auf einfacherem Niveau) tritt dabei in den
Vordergrund. Hab ich immer als angenehm empfunden.


Liebe Grüße RE