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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(72) TANSANIA 2004 Südtour nach Tunduru (aus den Reisetagebücher von M&R) VIII

7. Januar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Esther – Annäherung an eine Person (M erzählt).

Tunduru M&EstherIn Matemanga, wo wir mit dem Honourable Akukweti verabredet sind, fahren wir am vereinbarten Treffpunkt vorbei. Als wir merken, dass wir zu weit gefahren sind, wollen wir auf einer Polizeistation fragen, wo es zum Fußballplatz geht, aber die Station steht offen und da ist niemand. Ein Luxusjeep kommt auf uns zu und aus steigt eine üppige, sehr gut aussehende etwa 45-jährige Frau, die sich als Akukwetis Ehefrau Esther vorstellt. Sie steigt zu uns in den Wagen und dirigiert uns zum Treffpunkt. Unterwegs winken ihr und uns die Leute zu und sie lächelt zurück. Nach der Besichtigung des Entwicklungszentrums haben wir noch Zeit bis zum Beginn des Fußballspiels, und wir müssen uns auf einen Platz in der Mitte des Dorfes auf die schnell herbei gebrachten Stühle setzen. Die Männer sitzen zusammen und wir. Ich versuche es mit dem in Südamerika erlernten Smalltalk und frage sie nach ihren Kindern. Vier hat sie, der Älteste ist 23, der Jüngste 14, zwei arbeiten bzw. studieren im Ausland, zwei sind in D’Salaam im Internat. Sie ist Christin und kommt aus Songea, ihre Familie stammt aus dem Grenzgebiet zu Malawi. Von ihren Kindern sind zwei Christen und zwei Muslims. Das ist wirklich ein toleranter Mann, denke ich.

Auf der Fahrt zu ihrem Dorf sitzt sie bei uns im Wagen und kommuniziert mit ihrem Mann und den Leuten bei sich zu Hause mit einem superneuen Handy. Südtour 1 nach Tunduru NachtfahrtWir fahren durch den entlegendsten Busch und sind schließlich an ihrem Haus, einem einfachen lang gestreckten Flachbau mit Wellblechdach. Ihr Mann hat noch in der „Stadt“ Tunduru zu tun. Im Wohnzimmer stellt sie uns seine 40-jährige Tochter vor, die mit ihrem Mann im selben Haus lebt. Sie gießt uns Tee ein und wir plaudern. Sie sagt, sie hat sich ihrem Mann angeschlossen und arbeitet nun in der Frauenorganisation der Partei CCM. Sie wurde kürzlich in seinem Wahlkreis zur Vorsitzenden dieser Organisation gewählt. Sie unterstützen besonders NGOs von Frauen, die auf irgendeine Art versuchen, sich ökonomisch selbst zu helfen. Ansonsten handelt sie mit Cashewkernen aus der Gegend, die sie aufkauft und von Mtwara aus nach Indien verschiffen lässt.

Vor kurzem war sie in den Vereinigten Staaten und in England, um ihre Kinder zu besuchen.

Als Akukweti kommt (und seine Tochter verschwindet), fragt er mich, ob ich auch berufstätig bin. Ich berichte, dass ich ein Angebot in D’Salaam als Englischlehrerin an einem Spracheninstitut habe und eins an der Uni in der Englischlehrer-Ausbildung und dass ich noch überlege, ob ich es mache. Außerdem habe ich keine Arbeitserlaubnis. Sofort bietet er mir an, eine zu besorgen – es kostet ihn einen Anruf. Aber ich wehre ab, ich möchte lieber weiter Kiswahili lernen und mich intensiv mit dem Land beschäftigen. Ich erzähle ihm, dass es mich interessiert, wie die Menschen leben und empfinden und bringe das Beispiel Ecuador, wo ich mit Frauen auf dem Lande gelebt und sie interviewt habe. 2004-08-20A 230Dabei sei mir aufgefallen, dass sie manchmal ganz anders empfänden als ich, z.B. würde ich sehr leiden, wenn mein Mann eine andere Frau hätte. „Ja, ich leide auch“, sagt Esther plötzlich. „Ach Unsinn, du leidest doch nicht!“ wischt er ihren Einwand beiseite, „du bist doch glücklich! Außerdem ist das Essen fertig“. „Aber Liebe ist nicht teilbar,“ sagt sie beim Hinausgehen.

Am nächsten Morgen treffen wir uns im Garten. Akukweti ist nicht da, er hat die Nacht bei seiner anderen Frau in Tunduru verbracht, wird aber gleich kommen. Esther erzählt, dass sie ihren Mann vor zehn Jahren kennen gelernt hat. Er hat ihr über seine Probleme mit seiner Frau und den Kindern berichtet und war sehr freundlich zu ihr. Sie war gerade Witwe geworden. Schließlich hat er sie um ihre Hand gebeten, aber sie wollte nicht, weil er verheiratet war. Als er einige Zeit später zu ihr kam und ihr sagte, dass er geschieden sei, willigte sie in die Heirat ein. Nach der standesamtlichen Trauung habe er gelacht und gesagt: „Jetzt habe ich zwei Frauen!“

 

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Joachim 01/10/2011 18:07



Geld und Beziehungen sind überall von Nutzen. Wünsche auch eine schöne Woche!


LG Joachim



R.Einloft 01/10/2011 22:02



Ja, das kannst du sagen, Geld und Beziehungen sind gute Schmiermittel. Sie haben mir aber auch in meiner Arbeit geholfen - ohne Geld. Ich hatte durch meinen Freund plötzlich Zugang zu ganz
anderen politischen Kreisen, konnte ganz andere - auch politisch wichtige - Projekte angehen als vorher. Davon berichte ich noch.


Schönen Abend noch und Gruß


RE



Katharina vom Tanneneck 01/09/2011 01:58



Wieder ein sehr schöner Bericht! Es ist sicher nicht einfach für die Frauen wenn ihr Mann noch eine andere Frau hat. Ich könnte das nicht!


Ich glaube, in jedem Land der Welt ist es einfacher eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen als in Deutschland. Hier wird jede Motivation schon im Keim erstickt durch die vielen Auflagen und Gesetze.
Dazu braucht man noch viel Geld um sich selbstständig zu machen. Es könnte einfacher sein wenn sie die Gesetze, zumindest für den Anfang oder eine Übergangszeit, außer Kraft setzen.


Liebe Grüße, Katharina   



R.Einloft 01/10/2011 13:36



Danke Katharina, für die Blumen!


Tja, Deutschland ist halt ein durch und durch geregeltes Land. Das hat seine Vorteile (man weiß, was man tun muss - oder kann es erfahren), aber auch Nachteile, wenn es um spontane und
menschliche Lösungen gehen soll.


Eine schöne Woche wünsche ich dir


Bestens RE



Frank 01/08/2011 12:32



Hallo,


toller Artikel! Er macht gleich Lust auf mehr und bestärkt mich in meinem eigenen Anliegen auch einmal in diese Gegend zu reisen! Danke!


 


Gruß


Frank



R.Einloft 01/10/2011 13:44



Immer ran an das Reisen. Afrika ist vielfältig und erlebenswert. Kann ich nur empfehlen.


Bestens RE



Joachim 01/07/2011 16:30



Hallo RE! Schön zu lesen, wie in diesem Land, wie so oft in der Dritten Welt, die Erteilung von Erlaubnissen und Genehmigungen von Beziehungen abhängt. Da hättet Ihr schneller eine
Arbeitserlaubnis bekommen als Ausländer hier in Deutschland. Lach!


LG Joachim 



R.Einloft 01/10/2011 13:48



Jo, das war überall so. Es gab immer Hintertüren. Unser Rechtsempfinden stört das, aber einfacher macht es die Sache allemal - wenn man Geld hat (und Beziehungen)


Schöne Woche wünsche ich


Gruß RE