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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(75) TANSANIA Juli 2004: Was ich sonst noch mache; von Mma. Mongella, dem Wirtschaftskreis, Berichten, u.a.

24. Januar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

29.7.2004 Dar es Salaam

Liebste Schwester!

Du hast gefragt, was ich gerade so mache. Ganz interessante Sachen. Der Deutsche Frauenrat hat Gertrude_Mongella.jpgMma. Mongella eingeladen zu einer internationalen Frauenkonferenz in Berlin über Geschlecht und Demokratie (was es nicht alles gibt!). Mma. Mongella ist schon eine eindrucksvolle Figur. Ich hab sie jetzt erst kennen gelernt, obwohl früher enge Kontakte zu ihr bestanden. Ihr Titel ist und ihre Funktionen heute sind: Honorable Ambassador Gertrude I. Mongella (MP), President Panafrican Parliament, President for Advocacy for Women in Africa. Damit ist sie protokollarisch die höchste Person in Afrika soweit ich das sehe und die erste Präsidentin des Panafrikanischen Parlaments überhaupt. Davor war sie mehrmals Ministerin (schon unter Nyerere) und als Diplomatin der Vereinten Nationen leitete sie von 1993-1996 die Weltfrauenkonferenz. Und die Politiker in TAN haben sie weggelobt, weil die Gefahr bestand, dass sie sich zur Wahl als Präsident im Land stellt - und gewinnt. Auf soviel Frauenpower ist man hier nun doch noch nicht eingestellt. Sie zu kontaktieren dauerte lange, aber dann war sie doch mal in D´Salaam und wollte mich treffen. Nein, nicht irgendwo im Hotel oder in ihrem Büro, sie kommt zur FES. Das hättest du sehen müssen als sie ankam. Alle, aber auch alle meiner Mitarbeiter verbeugten sich, machten einen Knicks, senkten das Haupt, hatten die rechte Hand am linken Unterarm. Eine starke Frau. Auch im Gespräch. Nett, offen aber mit einer ungeheuren Kraft und Dynamik dahinter. Jetzt mach ich den Logistic-Officer zwischen Frauenrat, FES Bonn, Mma. Mongella und meinem Büro. Weil auch die FES sie 2 Tage zu politischen Gesprächen in Deutschland einlädt.

Am Montag war der Start meiner Starveranstaltung. Also, das erste Treffen. Ich hab einen Dr.jpgArbeitskreis Wirtschaft gegründet (offiziell: Economic Discussion Circle). Und eine Reihe Persönlichkeiten aus Regierung, Parlament, Unternehmerverbänden, Gewerkschaft, Universität und Gesellschaft dafür geworben. Alles wichtige Leute. So z.B. der Dep. Speaker des Parlaments oder der ehemalige Botschafter in Moskau und jetziges Mitglied im Regionalparlament. Oder der oberste Chef von einem der Unternehmerverbände und so. Und der kleine R rief und alle kamen! Donnerlitch! Ich meine, nicht alle, von 10 eingeladenen waren 6 da. Aber die sind gut dabei. Die schick ich jetzt nach Deutschland, sollen sich mal angucken, wie unser System funktioniert. Das organisiere ich auch gerade.

Dann schreib ich an Berichten. Ich schreib meinen Jahresbericht immer weiter. Und muss noch ein Info über die Ostafrikanische Gemeinschaft abgeben, zur Veröffentlichung soll das was taugen (ob es veröffentlicht wird steht auf einem anderen Blatt, aber viel Arbeit ist es. M hilft viel bei den Berichten, liest, schreibt, übersetzt, kommentiert, korrigiert).

Dann ist unsere neue Webseite zu aktualisieren. Und weil der Spezi, der das gemacht hat, mittlerweile in Deutschland sitzt, ist die Kommunikation schwierig.

Zwei-nette-Praktikantinnen.jpg

Dann hab ich 2 deutsche Trainees (Praktikanten) und 2 Landsleute als Doktorandinnen hier im Büro. Die sind auch nicht pflegefrei. Die Trainees haben Schwierigkeiten mit der Akklimatisierung im Umfeld. Es ist ihnen zu laut dort wo sie wohnen und der Muezzin macht sie morgens fertig. In der Tat ist da eine Hühnerfarm in der Nachbarschaft, die Fenster haben keine Scheiben und die Leute laufen manchmal durchs Zimmer. Komfortabel für afrikanische Verhältnisse.

Hinzu kommt, dass Adda in Urlaub ist und ich die ganzen Auszahlungen am Hals hab. Schecks einlösen lassen, Safe aufschließen, Geld auszahlen, Safe abschließen, der Nächste bitte. Bin ich mal gespannt, ob das alles stimmt. TAN FES - 5Betty, die Sekretärin, wächst über sich hinaus und bewegt sich sichtbar schneller. Nein, das ist keine Beschwerde, ich genieße ihre Ruhe und ihre Hilfsbereitschaft. Und wenn sie mir zeigt, dass man seinen Arsch auch ruhig schwingen kann, dann bin ich gerne lernbereit.

Dann kommen Anträge, Besuche, Kontakte, ich muss Programme durchsehen und korrigieren, Honorare entscheiden, Material sichten ob was Wichtiges drin steht, die Arbeiten im Büro organisieren und so weiter und so. Letztens hatten wir einen Filmabend mit einem deutschen Filmemacher (Peter Heller) der 2 Filme gezeigt hat: Cottonmoney und über Tabak „Smokesacrifice“. Beide mit einem engen Bezug sowohl zu TAN als auch zu Deutschland. Wusstet ihr, dass Deutschland der zweitgrößte Zigarettenhersteller der Welt ist? Und wer ist der größte? Texas? Nee, USA? Nee. Glaubste nicht: Holland. Deutschland nimmt 12 Mrd. Euro Steuern aus dem Zigarettenverkauf und der Produktion ein. Das hat die Grünen (die SPD sowieso) völlig für die Tabakindustrie eingenommen. Sie stimmten gegen alles in internationalen Gremien, was nur an den Rand der Gefahr von Nikotinentzug kommt. Tabakproduktion (Blätter) gibt's auch. Bei Heidelberg. Von der Firma kriegen die Bauern für einen Sack 4 Euro. Vom Staat 5 Euro drauf. Gut, was? Nach dem Film hat mir die Pfeife nicht mehr geschmeckt. So lerne und lerne ich dazu.

Ach ja, lernen muss ich ja auch noch erwähnen. Noch immer jeden Tag 3/4 Std. bis 1 Std. Englisch.

So, das war ein Auszug. Sport mach ich ja auch noch. 3 mal die Woche will ich, 2 mal schaff ich zumeist.

Das hört sich viel an. Ist es auch. Aber ich hab dazu eine ganze Mannschaft. Das dürft ihr nicht vergessen. Ich hör jetzt auf. Ich glaub, ich mach mal weniger. Kein Wunder, wenn ich müde bin.

 

Dein Bruder

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Hanne 01/29/2011 20:02



Schön, einen 7 Jahre alten Brief erneut zu bekommen! Wir sollten uns öfter mal wieder schreiben!


Apropos schreiben: sich sehen ist ja noch viel besser! Im Historischen Museum in Frankfurt ist eine Ausstellung Deiner Freundin Abisag Tüllmann - noch bis März. Wollen wir nicht zusammen
hingehen?



R.Einloft 01/30/2011 11:00



Ja, hab ich ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert. Weil es eine gute Beschreibung meines Alltags und der Arbeit war. Ich hoffe, du nimmst es nicht übel.


Einen schönen Sonntag noch! Wir fahren gleich


Bis zum nächsten WoEnde (hoffentlich)


Reinhold



Katharina vom Tanneneck 01/26/2011 00:17



Das stimmt mit dem Tabakanbau bei Heidelberg. Da gibt es sehr viel in Sandhausen und St. Ilgen. Die Tabakbauern sind reiche Leute! Deutschland verdient sehr gut an den Rauchern und hat keine
Hemmungen dabei.


Alles was ich sonst noch gelesen habe, hört sich nach sehr viel Arbeit an. Langeweile kommt da erst gar nicht auf! 


Liebe Grüße, Katharina


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 01/26/2011 12:48



Ist doch ein Ding, oder? Und das sogar unter Rot-Grün. 14 Milliarden Steuer sind eben kein Pappenstiel, da schaut man gerne mal an seinen Prinzipien vorbei. Verkommen nenn ich so was, zumindest
mit Doppelmoral behaftet (ich rauche zwar, sehe aber die politische Unlogik)


Bestens RE



Joachim 01/25/2011 12:38



Mma Mongella scheint eine resolute Politikerin zu sein und - wie das Foto zeigt - sicherlich sympathisch.Ich hoffe, sie kann etwas in ihrer hoen Funktion bewirken. Im eigenen Land könnte sie
wohl konkreter Ergebnisse erzielen. Leider wurde sie da weggelobt!


LG Joachim



R.Einloft 01/25/2011 12:44



Ich hab leider die Verbindung zu ihr verloren, der Preis für sich Ausklinken aus dem Geschäft. Sie war immer sehr regsam und wirkungsvoll, ich gehe davon aus, dass das auch weiterhin so ist. Auch
in Tansania war sie noch hoch präsent und hat viel getan für ihr Land. Solch eine Frau auf solch hohen afrikanischen und internationalen Posten zu haben ist eine gute Konnktion. Und ich glaube,
sie war nich korrupt (kann ich mir bei ihr auch nicht vorstellen). Allemal eine hervorragende Botschafterin und Politikerin für Tansania.


Bese Grüße RE