Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(77) Afrika ist anders: aber wie bewerte ich andere Kulturen?

28. Januar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

Das Buch "Der Weltensammler" von Ilja Trojanow bringt mir die Diskussion zurück, wie Kulturen zu bewerten sind. Denn die Beschreibungen des Lebens von Richard Burton (nein, nicht der von Liz Taylor, dieser, ein Forscher und Orientalist hat von 1821-1890 gelebt) geben eine eindeutige Antwort: rein bis über beide Ohren in die anderen Gesellschaften und lernen, lernen, lernen.

Das Buch ist ein Vergnügen aus dem prallen Leben wenn man es wagt, einzutauchent. Gegen diesen Weltenbummler sind M & ich  Anfänger. Burton hat Sprachen gelernt, Kulturen aufgesogen, hat - als englischer Offizier Mitte des 19. Jhds. in Indien - mit den Einheimischen gelebt, ohne dass die wussten, dass er Engländer ist. Er hat, als Inder verkleidet und als Muslim konvertiert die Hadj, die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina auf den abenteuerlichen Wegen der damaligen Zeit mitgemacht (er wäre des Todes gewesen, hätte man seine wahre Identität als Europäer herausgefunden). Und hier in Tansania gehörte er zu den großen Entdeckern auf der Suche nach den Quellen des Nils. Immer mit Kenntnis, Akzeptanz und Wissen der anderen Kultur und Sprache, offen für Informationen wie ein Schwamm und an der Grenze existierend, derjenige gänzlich zu werden der er vorgab. Denn er versuchte immer Mitglied der anderen Gesellschaften sein.

Genau da ist der unsichere Grenzbereich: welcher Kultur gehören wir an? Das setzt schon bei uns ein. verschiedene-Welten.jpgEs gibt so viel Schönes und Bewundernswertes aus den anderen Welten, die man nicht mitnehmen kann oder nur bedingt, denn sie irritieren einen selbst und die anderen Menschen in der alten Heimat. Aber innerlich reich wird man bei diesen Abenteuern, andere Menschen und Welten zu begreifen. Bewundernswerte menschliche Einsichten aber auch radikale Haltungen gegenüber uns lieb gewordenen humanen Selbstverständlichkeiten  werden deutlich. Manchmal denke ich, die Bewertung müsste gänzlich aussetzen.

Oft haben wir sie geführt, die Diskussion mit unseren Freunden, wie andere Welten zu sehen und zu bewerten sind. Beispielhaft mit TANSANIA-Tunduru 0708Wolf und Male, die ein Mal um die Welt gereist waren, sie in ihrem Buch katalogisierten und einschätzten. Wolf meint, man müsse sie nach ökonomischer Überlebenseffizienz messen. Wir meinen, Zufriedenheit sei nicht zu verachten. In Afrika ist Würde wichtig, in Lateinamerika sehr häufig Lebensfreude. Male setzt dagegen, lachen sei kein Messkriterium, wichtig seien Menschen- und Frauenrechte, so wie sie festgeschrieben sind in unseren Gesellschaften. Burton hat geradezu den Gegenentwurf gelebt zu dieser eurozentristischen Sichtweise mit ihrem blinden Stolz auf Vernunft und Aufklärung, als gäbe es beides per se in anderen Kulturen nicht. Sie sind nicht allein, unsere Freunde. Noch immer setzt gängige Entwicklungspolitik an am Heilsversprechen rationaler Bewältigung der Welt, an der Übertragung der Entwicklungserfahrung industrialisierter Gesellschaften mitsamt der vermeintlichen Dominanz des Menschen über die Natur. Alle anderen Denkweisen werden als "unterentwickelt" bezeichnet und übersehen geflissentlich, dass den Menschen im Norden die Verbindung zu Natur und Übernatürlichem verloren gegangen ist. Es wird mir immer unmöglicher zu glauben, dass Habgier, Egoismus und Gewinnstreben letzte Weisheiten und Sinn eines humanen Lebens sein sollen. Es treibt uns die Sucht nach Fortschritt, immer schneller, höher, weiter, tiefer und auf der Strecke bleibt die Kontemplation, das sich zurücklehnen können, ruhig und zufrieden betrachten und genießen, was geschaffen wurde. So wie meine Vorfahren im Dorf abends auf ihren Bänken saßen, der Nachbar vorbei schaute und ja, ja sagte. Die Hetze dominiert unsere hoch technisierte Gesellschaft, überall muss man erreichbar sein, überall schnell hingelangen. Ist es wirklich ein Fortschritt, dass die Bahn 1/2 Std. früher an ihrem Ziel ankommt? Das wenigstens können wir in den anderen Welten lernen, dass Zeit nicht einengt, zur Verfügung steht, gelebt werden kann. Ihr habt die Uhren, haben sie uns gesagt, wir die Zeit. Freilich zieht unser Reichtum wie ein Magnet immer mehr Menschen der anderen Welten an. Es hat unbestreitbar Vorteile, in komfortablen Häusern zu leben, Schulbildung für alle und jederzeit Zugang zu einem hoch entwickelten Gesundheitssystem zu haben. Doch produziert unser Gesellschaftssystem nicht mit zunehmenden Warenausstoß zunehmenden Stress? Können wir nicht von denen lernen, die mit weniger auskommen (müssen)? Warum können wir nicht zufrieden sein mit dem, was wir (schon im Überfluss) haben?

Einige Male haben wir schon darüber berichtet. In ein paar weiteren Folgen will ich versuchen, diese anderen Kulturen, Denkweisen, Lebenshaltungen zu skizzieren. Keinesfalls sind sie umfassend, in jedem Fall meine eigene, beschränkte Sicht.

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post

Wolfgang Kwiattek 05/24/2011 22:09



Wäre  es nicht besser, wir würden es zumindest versuchen, als ein relativ "unbeschriebenes Blatt" in der Welt unterwegs zu sein? Müssen wir immer und überall bewerten und katalogisieren?
Seit fast zwei Jahren arbeite ich mit einer einheimischen Reiseinintiative im westafrikanischen Land Benin zusammen. Wie Tourismus auf Augenhöhe mit der Bevölkerung im Benin aussehen könnte, dass
versuchen wir mit unseren Afrikanischen Mitarbeiter/innen den Reisenden aus Deutschland zu vermitteln. Eine nicht ganz leichte Aufgabe. Wie schwer es doch fällt, die "Europäische
Vogelperspektive" zu verlassen. Wie schwer es doch fällt, sich auf den "Rythmus" einer uns fremden Kultur einzulassen. Aber..., es lohnt sich: Wer es schafft, loszulassen vom Terminkalender
geprägten Alltag in Deutschland, wer sich auf "andere" Menthalitäten einzulassen weiss, wer nicht versucht, ständig "unsere Kultur" als die einzig glückseelig machende anzupreisen, der kommt mit
einem erweitertem Horizont zurück. Euch noch viel Freude beim Reisen und bei der eher wertschätzenden als bewertenden Berichterstattung darüber.



R.Einloft 05/27/2011 13:41



Das hört sich gut an mit ihrem Projekt. Auch wir haben die Erfahrung, dass persönlicher Augenschein das beste Lehrmittel anderer Welten ist. Wenn man richtig eingeführt wird. Immer haben sie mich
fasziniert, diese andere Welten, denen wir möglichst ohne Scheuklappen begenen müssen um ihren Reichtung zu verstehen und einiges nutzbar zu machen für sich selbst. Nicht werten, das ist schwer
aber machbar. Und das versuche ich mit meinen Geschichten.


Danke und Gruß


RE



Katharina vom Tanneneck 01/30/2011 23:58



Wir könnten eigentlich alle voneinander lernen wenn wir nur wollten! Leider haben viele unserer Landsleute es nur mal bis Malloca geschafft, was auch eine wunderschöne Insel ist. Andere Kulturen,
andere Welten haben ihren eigenen Zauber. Vieles könnte man besser machen bei uns wenn man etwas mehr Gelassenheit hätte. Als ich hierher auf das Land zog, hatte ich auch noch eine Uhr.
Mittlerweile brauche ich eine Uhr nur noch um Termine einzuhalten. Ansonsten lebe ich gelassen und ohne Hektik und Stress. Natürlich verfaäält man manchmal noch zurück aber es wird immer
seltener. Gewonnen habe ich mehr Lebensqualität und mehr Freude am Leben in der Natur.


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 02/01/2011 10:44



Da bewundere ich dich mit deinem Zeitmanagement. Trotz aller Einsicht, dass ohne Uhr es besser geht, komme ich nicht von ihr weg (ich bin halt auch nur so einer, der es theoretisch besser weiss).
Klar bedeutet das ohne Zeit mehr Lebensqualität. Da bin ich mir auch sicher.


Liebe Grüße Re



Joachim 01/28/2011 18:00



Hallo RE! Das hast du sehr klug und mit Lebenserfahrung aus anderen Welten geschrieben. Ich teile Deine Auffassungen. Wir haben früher in der DDR Seminare gegeben, um den Mozambikanern,
Angolanern, Äthiopiern usw. die Ideen und Praktiken des Sozialismus nahe zu bringen - und immer mit großem Engagement! Und siehe, was daraus geworden ist! Ich hatte damals auch viele gute Freunde
aus anderen Welten kennengelernt. Wer weiß, ob sie noch leben nach dem umschwenken in diesen Ländern.


Am besten hat mir der Ausspruch gefallen: "Ihr habt die Uhren und wir die Zeit"! Lach!


LG Joachim 



R.Einloft 01/29/2011 13:13



Die Ideen und Praktiken des Sozialismus sind sicher nicht auf taube Ohren gestoßen. Mosambik nennt sich noch immer einen sozialistischen Staat (nu ja, praktisch sehr fraglich), Tansania folg noch
immer einigen  Ideen des afrikanischen Sozialismus seines Gründers Nyerere  und auch in den anderen Ländern gibt es viele Menschen, die im Kapitalismus Gefahren für Afrika sehen. Sie
wolles es allerdings anders machen als die DDR es vorlebte. Hoffentlich.


Ja, schade, dass du nicht weißt, wo deine ehemaligen Freunde sind. Im Hinterkopf habe ich ein Buch von einem, der diesen  Freunden nachgespürt hat und einige wieder traf. Könnte Scherzer
gewesen sein, habs vergessen. War allerdings hoch interessant.


Mit Grüßen aus dem kalten, sonnigen Tal


RE