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Friday, 28. january 2011 5 28 /01 /Jan. /2011 12:45

 

Das Buch "Der Weltensammler" von Ilja Trojanow bringt mir die Diskussion zurück, wie Kulturen zu bewerten sind. Denn die Beschreibungen des Lebens von Richard Burton (nein, nicht der von Liz Taylor, dieser, ein Forscher und Orientalist hat von 1821-1890 gelebt) geben eine eindeutige Antwort: rein bis über beide Ohren in die anderen Gesellschaften und lernen, lernen, lernen.

Das Buch ist ein Vergnügen aus dem prallen Leben wenn man es wagt, einzutauchent. Gegen diesen Weltenbummler sind M & ich  Anfänger. Burton hat Sprachen gelernt, Kulturen aufgesogen, hat - als englischer Offizier Mitte des 19. Jhds. in Indien - mit den Einheimischen gelebt, ohne dass die wussten, dass er Engländer ist. Er hat, als Inder verkleidet und als Muslim konvertiert die Hadj, die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina auf den abenteuerlichen Wegen der damaligen Zeit mitgemacht (er wäre des Todes gewesen, hätte man seine wahre Identität als Europäer herausgefunden). Und hier in Tansania gehörte er zu den großen Entdeckern auf der Suche nach den Quellen des Nils. Immer mit Kenntnis, Akzeptanz und Wissen der anderen Kultur und Sprache, offen für Informationen wie ein Schwamm und an der Grenze existierend, derjenige gänzlich zu werden der er vorgab. Denn er versuchte immer Mitglied der anderen Gesellschaften sein.

Genau da ist der unsichere Grenzbereich: welcher Kultur gehören wir an? Das setzt schon bei uns ein. verschiedene-Welten.jpgEs gibt so viel Schönes und Bewundernswertes aus den anderen Welten, die man nicht mitnehmen kann oder nur bedingt, denn sie irritieren einen selbst und die anderen Menschen in der alten Heimat. Aber innerlich reich wird man bei diesen Abenteuern, andere Menschen und Welten zu begreifen. Bewundernswerte menschliche Einsichten aber auch radikale Haltungen gegenüber uns lieb gewordenen humanen Selbstverständlichkeiten  werden deutlich. Manchmal denke ich, die Bewertung müsste gänzlich aussetzen.

Oft haben wir sie geführt, die Diskussion mit unseren Freunden, wie andere Welten zu sehen und zu bewerten sind. Beispielhaft mit TANSANIA-Tunduru 0708Wolf und Male, die ein Mal um die Welt gereist waren, sie in ihrem Buch katalogisierten und einschätzten. Wolf meint, man müsse sie nach ökonomischer Überlebenseffizienz messen. Wir meinen, Zufriedenheit sei nicht zu verachten. In Afrika ist Würde wichtig, in Lateinamerika sehr häufig Lebensfreude. Male setzt dagegen, lachen sei kein Messkriterium, wichtig seien Menschen- und Frauenrechte, so wie sie festgeschrieben sind in unseren Gesellschaften. Burton hat geradezu den Gegenentwurf gelebt zu dieser eurozentristischen Sichtweise mit ihrem blinden Stolz auf Vernunft und Aufklärung, als gäbe es beides per se in anderen Kulturen nicht. Sie sind nicht allein, unsere Freunde. Noch immer setzt gängige Entwicklungspolitik an am Heilsversprechen rationaler Bewältigung der Welt, an der Übertragung der Entwicklungserfahrung industrialisierter Gesellschaften mitsamt der vermeintlichen Dominanz des Menschen über die Natur. Alle anderen Denkweisen werden als "unterentwickelt" bezeichnet und übersehen geflissentlich, dass den Menschen im Norden die Verbindung zu Natur und Übernatürlichem verloren gegangen ist. Es wird mir immer unmöglicher zu glauben, dass Habgier, Egoismus und Gewinnstreben letzte Weisheiten und Sinn eines humanen Lebens sein sollen. Es treibt uns die Sucht nach Fortschritt, immer schneller, höher, weiter, tiefer und auf der Strecke bleibt die Kontemplation, das sich zurücklehnen können, ruhig und zufrieden betrachten und genießen, was geschaffen wurde. So wie meine Vorfahren im Dorf abends auf ihren Bänken saßen, der Nachbar vorbei schaute und ja, ja sagte. Die Hetze dominiert unsere hoch technisierte Gesellschaft, überall muss man erreichbar sein, überall schnell hingelangen. Ist es wirklich ein Fortschritt, dass die Bahn 1/2 Std. früher an ihrem Ziel ankommt? Das wenigstens können wir in den anderen Welten lernen, dass Zeit nicht einengt, zur Verfügung steht, gelebt werden kann. Ihr habt die Uhren, haben sie uns gesagt, wir die Zeit. Freilich zieht unser Reichtum wie ein Magnet immer mehr Menschen der anderen Welten an. Es hat unbestreitbar Vorteile, in komfortablen Häusern zu leben, Schulbildung für alle und jederzeit Zugang zu einem hoch entwickelten Gesundheitssystem zu haben. Doch produziert unser Gesellschaftssystem nicht mit zunehmenden Warenausstoß zunehmenden Stress? Können wir nicht von denen lernen, die mit weniger auskommen (müssen)? Warum können wir nicht zufrieden sein mit dem, was wir (schon im Überfluss) haben?

Einige Male haben wir schon darüber berichtet. In ein paar weiteren Folgen will ich versuchen, diese anderen Kulturen, Denkweisen, Lebenshaltungen zu skizzieren. Keinesfalls sind sie umfassend, in jedem Fall meine eigene, beschränkte Sicht.

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