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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(77) Afrika ist anders: über den Rassismus

13. Februar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

 

Reinhold--MarianneProjekt-Diozese-Pemba-Organigramm---1.jpgEs war in Mosambik, oben in Pemba, beim Bischof, dem wir als Senior-Experten die Organisation verbessern sollten. Wir mussten in verschiedenen Zimmern schlafen, es war schließlich seine Residenz mit Fremdenzimmern für zölibat-kirchliche Besucher. Nachts schlich ich mich mit dem Kopfkissen unterm Arm zu M, dann hörten wir Hörbücher vom iPod. Daran war eine Weiche eingeklinkt, an die jeder seinen Kopfhörer anschließen konnte. Dann lagen wir auf dem Bett, ließen uns von warmer Luft umschmeicheln und hörten Literatur. Später, wenn M eingeschlafen war (sie schlief schnell ein bei dem Gesummse aus dem Gerät) schlich ich mich wieder zurück, wir wollten nicht unnötig auffallen. Außerdem war es bei der Hitze angenehmer, allein zu schlafen, das Kuscheln mussten wir auf kältere Zonen verschieben.             

Eines Nachts begannen wir, Josef Conrad zu hören. Herz der Finsternis. Es war wie ein Schock mit Erkenntnisfaktor. Das war Afrika aus der Kolonialzeit so, wie es wahrscheinlich gewesen ist. Voller gieriger, arroganter, unsensibler Europäer, nur auf Exploration aus und auf der anderen Seite die amorphe, dunkle, ja Angst machende Masse der unbekannten Afrikaner. Und dann die Sprache! Knapp, genau, unsentimental (später sollte ich lernen, dass Conrad  Vorbild für die modernen Schriftsteller war. Jack London, Crane, Hemingway haben von seinem Schreibstil gelernt, von einem Mann, der als Pole geboren später Engländer wurde, als Matrose und Kapitän auch Flüsse in Afrika befuhr, Schriftsteller wurde und aus seinen Erfahrungen Geschichten machte). Warum ist dieses Buch nicht bekannter? Afrika-Kenner zitieren ihn, wenn sie extreme Ausbeutung beschreiben.

Ich hab mich ein wenig schlau gemacht.

Hanna Arendt (wer sie nicht kennt: sie ist eine wichtige Frau in der theoretischen Diskussion über den Ursprung des Totalitarismus und besonders des 3. Reiches), hat einen Zusammenhang gesehen zwischen der Expansion der Kolonialmächte und der Entstehung der modernen Rassenlehre. Und als einen ihrer Kronzeugen hat sie Josef Conrad genannt. Es gebe keine Rechtfertigung des Rassewahnes, schreibt sie, weder eine theoretische noch eine politische. „Will man daher das Entsetzen begreifen, aus dem er entstand, (solle man) Joseph Conrads Erzählung «Das Herz der Finsternis» (studieren)...(seine Erzählung) ist jedenfalls geeigneter, diesen Erfahrungshintergrund zu erhellen, als die einschlägige geschichtliche oder politische oder ethnologische Literatur.“ 

Der Rassebegriff, die Unterscheidung in höher- und minderwertig, ist schon früh in der Menschheit entstanden, sogar Aufklärer wie Kant und Voltaire stuften die Schwarzen als minderwertige Rasse ein und wenn die das schon machen, wen wundert’s, wenn Dumpfbacken nachziehen. In Afrika waren die Buren die ersten Weißen mit vermeintlicher Berechtigung, sich als Herrenmenschen aufzuspielen (sie holten ihre Begründung aus der Bibel) und die Kolonialherren folgten prompt. Die Weißen sahen sich als höherwertig. Darum durften die Afrikaner, ja mussten sogar ihnen dienen und konnten, wenn notwendig, ausgerottet werden. Es gab furchtbare Massaker, die der Rassenwahn unmittelbar hervorbrachte (Ausrottung der Hottentotten Stämme, das wilde Morden Carl Peters' in Ostafrika, die ungeheuerliche Dezimierung der friedlichen Kongobevölkerung im Namen des belgischen Königs um nur eine kleine Auswahl zu nennen.) Und wenn man sie nicht ausrottete, dann konnten sie prima zu Sklavenarbeit eingesetzt werden unter Bedingungen, die nicht menschenwürdig waren. Das war der Trick: Afrikaner zu Nicht-Menschen herab zu stufen um sie wie Tiere ausbeuten zu können.

Conrad hat sie gut beschrieben, diese Abenteurer und Glücksritter, die gesetzlos ohne Ideale den Abschaum der europäischen Gesellschaft darstellten, und die von den europäischen Handels- und Königshäusern gezielt für ihre Interessen der Ausbeutung der Schätze des schwarzen Kontinentes eingesetzt wurden. Conrad, so Arendt, habe diese Art von abstoßenden Individuen treffend in der Figur des Herrn Kurtz geschildert,  als „durch und durch leer und hohl, leichtsinnig und weichlich, grausam und feige, voller Gier, aber ohne jede Kühnheit.“ Wahrscheinlich ist, dass Bundesarchiv-Bild-183-R30019--Dr.-Carl-Peters.jpegCarl Peters – der Tanganjika-Peters, der die Frau, die ihm als Bettstatt diente, zusammen mit ihrem vermeintlichen Liebhaber hat aufhängen lassen - für Herrn Kurtz als Modell gedient habe.

Heute, bei den modernen Theoretikern, wird Conrad als ein "Vorläufer westlicher Wahrnehmungen der „Dritten Welt“ gesehen. Genau so, wie unser Wahrnehmung ambivalent ist, schreibt er. Er schildert zwar die Unterdrückung und Ausbeutung, der schwarzen Bevölkerung, ihre Herabstufung zu Tieren, beschreibt sie aber gleichzeitig auch nicht humaner. Positive afrikanische Subjekte kommen in seiner Darstellung nicht vor. Entweder sind sie eine wilde, amorphe, unfassbare und unverständliche Masse mit seltsamen Gebräuchen oder, wenn er mal einen näher beschreibt wie seinen Steuermann, dann ist er  einer, der die Augen rollt und zuckende Bewegungen macht. Seine Holzfäller sind allesamt Menschenfresser. Es bleibt, dass er mit einer ungeheuren Sprachmacht das Wüten der weißen Rasse in den Kolonien auf den Punkt bringt. Und damit auch noch zum Vorläufer der modernen Schriftsteller wurde.

Also ran an ihn, wer über unsere Geschichte mit Afrika was wissen will.

PS: Populationsgenetiker argumentieren seit den 1970er Jahren, dass äußerliche Unterschiede wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform lediglich Anpassungen an unterschiedliche Klima- und Ernährungsbedingungen sind, die nur von einer kleinen Untergruppe von Genen bestimmt werden. Die genetischen Unterschiede zwischen den bis dato in verschieden Rassen eingestuften Menschen sind geringer als sie innerhalb der Populationen auftreten.

 

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Joachim 02/15/2011 16:56



Na, da muss ich aber wirklich suchen, ob ich das Buch noch finde!


LG Joachim



artemisia 02/15/2011 13:04



ein wichtiges Buch eines modernen Schriftstellers ist die "Wassermusik" von T.C.Boyle - über einen englischen Afrikaforscher - das Leben in England und Afrika -


 


 



R.Einloft 02/15/2011 13:17



Danke für den Hinweis, das Buch ist in der Tat zu empfehlen und weitaus lesens- weil lachenswerter als Conrad. Beide beschreiben das gleiche Phänomen: Die Europäer stolpern durch Afrika ohne
Kenntnis und Interesse an dem Kontinent.


Bestens RE



Joachim 02/14/2011 16:03



Hallo RE! Ich kenne josef Conrads Erzählung nicht. Was er schreibt, muss sicherlich viel Ärger und Empörung in Euch hervorgerufen haben, zumal Ihr dort in Afrika in ehrlicher Helfermission
gearbeitet habt. Ich muss noch bei mir auf dem Dachboden ein Buch aus der Zeit vor 1945 haben mit dem Titel "Ehrhard am Kilimandscharo". Das muss ich mal suchen. Ist wohl ein Roman. Mal sehen,
wie da die Eingeborenen beschrieben wurden. Ist schon eine finstere Zeit in der afrikanischen Geschichte und im europäischen Denken.


LG Joachim



R.Einloft 02/15/2011 11:48



Lieber Joachim, wenn du ein Buch über Erhardt hast, dann hast Du einen richtigen Schatz. Denn der hat mit Rebmann zusammen so um 1850 als erster Weißer die Gegend bis zum Victoriasee erforscht
und eine Karte davon erstellt. Er war Missionar, aber offenbar einer, der forschte.


Ja, es war eine finstere Zeit europäischer Dominaz. Ärgerlich und empörend ist die Haltung der Kolonialherren gegenüber den "Untermenschen". Conrad war ein Pionier, diese Verhältnisse korrekt zu
beschreiben. Insofern muss man ihm dankbar sein. Das mit der "Helfermission" ist zwiespältig. Klar hoffen wir, den einen oder anderen Anstoß, die eine oder andere Unterstützung geleistet zu
haben. Mir war immer bewusst dabei, dass wir nicht "helfen" können und sollten (helfen tut man immer von aussen) sondern besser die eigenen Anstöße unserer Partner verstärken.


Bin mal gespannt, was du in dem Buch findest.


Beste Grüße RE 



Katharina vom Tanneneck 02/14/2011 01:45



Beim ersten Absatz habe ich geschmunzelt! Getrennt schlafen, um dann heimlich mit dem Kissen durch die Gänge zu der Geliebten schleichen. Ist sicher recht abenteuerlich gewesen.


Was Du danach geschrieben hast ist allerdings sehr interessant und das Buch von Josef Conrad "Das Herz der Finsternis" bestimmt lesenswert. Dazu braucht man sicher auch gute Nerven und es wird
wohl schwer zu lesen sein. Schwer in dem Sinne, dass es traurig ist. Soll ich mir das antun? Ich bin mir nicht sicher!


Einen guten Start in die neue Woche und einen romatischen Valentinstag wünsche ich Euch.


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 02/15/2011 11:57



Erstmal herzlichen Dank für den romantischen Valentinstag-Wunsch. Wir hatten es schön wie immer und wenn M gesagt hat, ach wie bist du so nett (sagt sie öfters mal, ist ja auch mein Ziel), dann
hab ich gestern darauf verwiesen, es sei ja V-Tag. Ach so, hat sie gesagt und geschmunzelt.


Conrad ist insgesamt lesenswert, das Beste ist allerdings Herz der Finsternis. Lesen dann, wenn Dich die Zeit und gute Literatur interessiert. Er ist verfilmt worden. Und Anleihen sind in Herzogs
"Aguirre" zu finden, außerdem in "Apocalypse Now". Hast Du wahrscheinlich gesehen. Dann hast  Du auch Conrad gesehen, wie er die Welt beschrieben hat.


Auc weiterhin wünsche ich Euch schöne Valentins-Tage


Bestens RE