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Sunday, 13. february 2011 7 13 /02 /Feb. /2011 10:37

 

Reinhold--MarianneProjekt-Diozese-Pemba-Organigramm---1.jpgEs war in Mosambik, oben in Pemba, beim Bischof, dem wir als Senior-Experten die Organisation verbessern sollten. Wir mussten in verschiedenen Zimmern schlafen, es war schließlich seine Residenz mit Fremdenzimmern für zölibat-kirchliche Besucher. Nachts schlich ich mich mit dem Kopfkissen unterm Arm zu M, dann hörten wir Hörbücher vom iPod. Daran war eine Weiche eingeklinkt, an die jeder seinen Kopfhörer anschließen konnte. Dann lagen wir auf dem Bett, ließen uns von warmer Luft umschmeicheln und hörten Literatur. Später, wenn M eingeschlafen war (sie schlief schnell ein bei dem Gesummse aus dem Gerät) schlich ich mich wieder zurück, wir wollten nicht unnötig auffallen. Außerdem war es bei der Hitze angenehmer, allein zu schlafen, das Kuscheln mussten wir auf kältere Zonen verschieben.             

Eines Nachts begannen wir, Josef Conrad zu hören. Herz der Finsternis. Es war wie ein Schock mit Erkenntnisfaktor. Das war Afrika aus der Kolonialzeit so, wie es wahrscheinlich gewesen ist. Voller gieriger, arroganter, unsensibler Europäer, nur auf Exploration aus und auf der anderen Seite die amorphe, dunkle, ja Angst machende Masse der unbekannten Afrikaner. Und dann die Sprache! Knapp, genau, unsentimental (später sollte ich lernen, dass Conrad  Vorbild für die modernen Schriftsteller war. Jack London, Crane, Hemingway haben von seinem Schreibstil gelernt, von einem Mann, der als Pole geboren später Engländer wurde, als Matrose und Kapitän auch Flüsse in Afrika befuhr, Schriftsteller wurde und aus seinen Erfahrungen Geschichten machte). Warum ist dieses Buch nicht bekannter? Afrika-Kenner zitieren ihn, wenn sie extreme Ausbeutung beschreiben.

Ich hab mich ein wenig schlau gemacht.

Hanna Arendt (wer sie nicht kennt: sie ist eine wichtige Frau in der theoretischen Diskussion über den Ursprung des Totalitarismus und besonders des 3. Reiches), hat einen Zusammenhang gesehen zwischen der Expansion der Kolonialmächte und der Entstehung der modernen Rassenlehre. Und als einen ihrer Kronzeugen hat sie Josef Conrad genannt. Es gebe keine Rechtfertigung des Rassewahnes, schreibt sie, weder eine theoretische noch eine politische. „Will man daher das Entsetzen begreifen, aus dem er entstand, (solle man) Joseph Conrads Erzählung «Das Herz der Finsternis» (studieren)...(seine Erzählung) ist jedenfalls geeigneter, diesen Erfahrungshintergrund zu erhellen, als die einschlägige geschichtliche oder politische oder ethnologische Literatur.“ 

Der Rassebegriff, die Unterscheidung in höher- und minderwertig, ist schon früh in der Menschheit entstanden, sogar Aufklärer wie Kant und Voltaire stuften die Schwarzen als minderwertige Rasse ein und wenn die das schon machen, wen wundert’s, wenn Dumpfbacken nachziehen. In Afrika waren die Buren die ersten Weißen mit vermeintlicher Berechtigung, sich als Herrenmenschen aufzuspielen (sie holten ihre Begründung aus der Bibel) und die Kolonialherren folgten prompt. Die Weißen sahen sich als höherwertig. Darum durften die Afrikaner, ja mussten sogar ihnen dienen und konnten, wenn notwendig, ausgerottet werden. Es gab furchtbare Massaker, die der Rassenwahn unmittelbar hervorbrachte (Ausrottung der Hottentotten Stämme, das wilde Morden Carl Peters' in Ostafrika, die ungeheuerliche Dezimierung der friedlichen Kongobevölkerung im Namen des belgischen Königs um nur eine kleine Auswahl zu nennen.) Und wenn man sie nicht ausrottete, dann konnten sie prima zu Sklavenarbeit eingesetzt werden unter Bedingungen, die nicht menschenwürdig waren. Das war der Trick: Afrikaner zu Nicht-Menschen herab zu stufen um sie wie Tiere ausbeuten zu können.

Conrad hat sie gut beschrieben, diese Abenteurer und Glücksritter, die gesetzlos ohne Ideale den Abschaum der europäischen Gesellschaft darstellten, und die von den europäischen Handels- und Königshäusern gezielt für ihre Interessen der Ausbeutung der Schätze des schwarzen Kontinentes eingesetzt wurden. Conrad, so Arendt, habe diese Art von abstoßenden Individuen treffend in der Figur des Herrn Kurtz geschildert,  als „durch und durch leer und hohl, leichtsinnig und weichlich, grausam und feige, voller Gier, aber ohne jede Kühnheit.“ Wahrscheinlich ist, dass Bundesarchiv-Bild-183-R30019--Dr.-Carl-Peters.jpeg Carl Peters – der Tanganjika-Peters, der die Frau, die ihm als Bettstatt diente, zusammen mit ihrem vermeintlichen Liebhaber hat aufhängen lassen - für Herrn Kurtz als Modell gedient habe.

Heute, bei den modernen Theoretikern, wird Conrad als ein "Vorläufer westlicher Wahrnehmungen der „Dritten Welt“ gesehen. Genau so, wie unser Wahrnehmung ambivalent ist, schreibt er. Er schildert zwar die Unterdrückung und Ausbeutung, der schwarzen Bevölkerung, ihre Herabstufung zu Tieren, beschreibt sie aber gleichzeitig auch nicht humaner. Positive afrikanische Subjekte kommen in seiner Darstellung nicht vor. Entweder sind sie eine wilde, amorphe, unfassbare und unverständliche Masse mit seltsamen Gebräuchen oder, wenn er mal einen näher beschreibt wie seinen Steuermann, dann ist er  einer, der die Augen rollt und zuckende Bewegungen macht. Seine Holzfäller sind allesamt Menschenfresser. Es bleibt, dass er mit einer ungeheuren Sprachmacht das Wüten der weißen Rasse in den Kolonien auf den Punkt bringt. Und damit auch noch zum Vorläufer der modernen Schriftsteller wurde.

Also ran an ihn, wer über unsere Geschichte mit Afrika was wissen will.

PS: Populationsgenetiker argumentieren seit den 1970er Jahren, dass äußerliche Unterschiede wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform lediglich Anpassungen an unterschiedliche Klima- und Ernährungsbedingungen sind, die nur von einer kleinen Untergruppe von Genen bestimmt werden. Die genetischen Unterschiede zwischen den bis dato in verschieden Rassen eingestuften Menschen sind geringer als sie innerhalb der Populationen auftreten.

 

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